Pompös war schon die Ankündigung: "Das wichtigste Society-Event der Stadt" würde am Sonnabend im Hotel Interconti gefeiert, hatte Alexander Kozulin gesagt. Berlins erster Zarenball, von ihm organisiert. Als Vergleich fiel Kozulin der Wiener Opernball ein, so etwas fehle der deutschen Hauptstadt doch noch.Weil der Entertainer und ehemalige "Chez Alex"-Besitzer in Berlin keine Kulisse fand, in der sich Glanz und Glamour so schön inszenieren lassen wie in der Wiener Oper, schuf er eine im Saal Potsdam des Charlottenburger Fünf-Sterne-Hotels. Das Ergebnis erinnerte allerdings an die Themen-Hotels in Las Vegas, in denen Angestellte in Plastik-Ritterrüstungen herumlaufen müssen, damit der Gast glaubt, er übernachte in einer mittelalterlichen Burg. An den Wänden des Saales Potsdam war roter Stoff gespannt, drapiert und gerafft. Rot waren auch die Tischdecken an den 20 Tischen, die "Romanow" hießen oder "Prinzessin Anastasia" und auf denen Kerzen in meterhohen fünfarmigen Leuchtern brannten. Die Kellner trugen Livrees und am Eingang war ein kostümiertes Paar platziert. Es sollte die Romanows Zar Nikolai II. sowie seine Gemahlin darstellen und Dekoration auf dem Foto sein, das jeder der 400 Gäste von sich machen lassen musste.Die dann nacheinander mit der Dame im blauen Taftkleid und dem Herrn in rot-goldener Fantasie-Uniform posierten, sprachen vor allem Russisch. Gekommen waren weder der vom Veranstalter angekündigte Musiker Ayman noch Filmproduzent Artur Brauner. Dafür hatten viele Bekannte des russischstämmigen Alexander Kozulin die 500 Mark teuren Ballkarten - inklusive Kaviar, Menü plus mehrere Wein- und Wodkaflaschen pro Tisch - gekauft. Weil er "den Alex" kenne, sei er hier, sagte Juwelier David Goldberg. Das Gleiche sagte Parfumhersteller David Tetruachvili, der Geburtstag hatte und an einer langen Tafel in der Mitte des Saales 25 Freunde um sich versammelt hatte.Einen Tisch für acht Personen hatte die Familie Urbschat, Inhaber des Geschäftes Foto Urbschat am Kudamm, gekauft. Zum ersten Mal seit 30 Jahren sei er nicht auf dem Presseball, sagte Horst Urbschat, und er bereue es kein bisschen. Dort, wo man sein Essen wie in der Kantine herumschleppen müsse, werde es jedes Jahr schlimmer. Der Zarenball dagegen: gemütlich, intim. "Wir wollen uns bedienen lassen wie hier", sagte seine Frau. Am Tisch "Bismarck" saß ein Paar gleichen Namens, und das war sogar echt: Irina von Bismarck hatte die Schirmherrschaft für den Ball übernommen und war mit ihrem Mann Alexander da. Aus Nostalgie sei sie gekommen, sagte die gebürtige Russin, weil ihr ihre adlige Großmutter immer Geschichten vom Leben am russischen Hof erzählt habe. Ihr Mann wollte gar eine "Initialzündung" vom Zarenball ausgehen sehen: "Russen und Deutsche sollen sich als Freunde sehen."Russisch war auch die Dramaturgie des Abends: Statt eines Menüs mit anschließendem Tanz gab es zwischen den Gängen viel Zeit zum Tanzen, die Desserts wurden erst gegen zwei Uhr früh an die Tische gebracht. Als es zwölf schlug, erhoben sich alle Gäste, um auf das neue Jahr anzustoßen, das nach dem alten russischen Kalender am 14. Januar beginnt. Die erwarteten Überläufer vom Presseball blieben fast gänzlich aus. Nur Daniela Urbschat, die als einziges Mitglied der Familie beim Presseball war, kam um 23 Uhr vom ICC herübergefahren. Da hatte sie schon die Spanferkel verpasst, die, mit sprühenden Wunderkerzen gespickt, von den Kellnern an die Tische getragen wurden. Und auch den größten Teil des kruden Kurz-Musicals "Anastasia", für dessen Fortsetzung die Band auf der Bühne immer dann ihren Auftritt unterbrach, wenn die Tänzer gerade in Stimmung kamen."Ein Bombenerfolg" sei sein Ball, fand Alexander Kozulin. Im kommenden Jahr soll es schon zwei Zarenbälle geben: einen in Berlin und einen in St. Petersburg."Ich bin aus Nostalgie für den russischen Zaren-Hof hier. " Irina von Bismarck BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Nur zwei sind echt: Irina und Alexander von Bismarck (hinten) sind immer adlig, der Zar, die Zarin und die Hofdamen waren es nur für einen Abend.