Nathan schnarcht. Selig schlummert er auf einem Teppich, und als er aufwacht, leuchten Ihm goldende Sterne. Nathan reibt sich kräftig die Augen -- doch überall, wo sein Blick hinfällt, sieht er die Kulissen einer orientalisch-friedlichen Märchenweit, feuerrote Türme und Zinnen und einen Blütenregen, sieht Schleier tragende Mamelucken, Kamele und gelehrige Abendländer, die sanften Tourismus praktizieren.Auch das Böse erscheint zuweilen, mal als Engel mit schwarzen Flügeln, mal In einem dunklen Hauselngang als messerwetzender Schlachter. Doch Nathans größte Widersacher sind der Patriarch und der Sultan. Der andere ein Museimann und Vertreter profaner Interessen, ihm leiht Nathan Geld, Ihm gibt er Rat, ihm trägt er die Ringparabel vor -- lauter Beschwichtigungsmaßnahmeri eines Weisen und Juden, der die Macht der Herrscher kennt und fürchtet.Mit BravourNicht die Kluft des Glaubens, die zwischen Nathan und seinen Feinden klafft und zur Toleranz herausfordert, Interessiert Alexander Lang in seiner Inszenierung von Lesslngs "Nathan der Weise" an den Münchner Kammerspielen, nicht ethische Prinzipien und deren dialektische Erörterung. Ein so phantasiebegabter Regisseur wie Lang konnte sich nicht damit begnügen, hier weder ein Lehrstück über Vernunft und Glaubensfreiheit noch eine jüdische Hiob-Figur zu inszenieren, die durch ihr Schicksal eben nicht zum rachelüsternen Mörder wurde, sondern zum Edelmann.Mit Bravour und Raffinesse treibt Lang das "dramatische Gedicht" in den familiären Mikrokosmos und in das Kontrastfeid menschlicher Widersprüche, er untersucht das Verhältnis zwischen Vater, Tochter und Bruder und also die Wahrheit der Gefühle. Nathan ist bei ihm ein Held mit Schwächen und Wunden, der Frau und Kinder verlor und nur deshalb überlebte, weil er ein fremdes Mädchen aufzog, dem er Liebe lehrte, nicht Gehorsam. Der mögliche Verlust seiner Stieftochter ist der heimliche Motor dieser Aufführung, für die Lang viele Figuren hinzuerfunden hat und die von einer turbulenten Heiterkeit getragen wird.Vor allem aber erleben wir ein Fest der Darsteller. Was Lambert Hamel in der Rolle des Nathan leistet, ist allerhöchste Schauspielkunst. Facettenreich führt er Wut, Trauer und Milde vor und formt sie zur herabcwegenden Einheit. Armika Pages ist eine temperamentvolle, sinnlichverträumte Recha, die Ihren Vater verehrt und keinen Bruder will, sondern einen Mann. Michael von Au spielt den soldatischen Tempelherm, ein Lebensretter aus Lust am Abenteuer, den die Liebe überrumpelt und mächtig verwirrt. Christa Bemdl triumphlert als aufdringlich-quirlige Daja, Helmut Stange bietet einen launigen Derwisch, und Jörg Hube verkörpert den Klosterbruder sehr nachdenklich und sensibeL Wieso Lang den Sultan Saladin mit einer jungen Frau (Isabell Fischer) besetzt hat, wurde freilich nicht plausibel. Gern lobprelsen wir diese suchenden und irrenden Kreaturen, dieses Märchen aus dem Morgenland, das spannend Ist wie ein Krimi, unterhaltend wie eine Komödie und abgrundlg wie das Leben.Bedrohliche Aufklärung Am Ende, wenn die Stammbaumlinien und Familienverhältnisse aufgedeckt sind, gibt es -- entgegen der Regleanweisung von Lessing -- keine versöhnlichen Umarmungen, im Gegenteil: Die Aufklärung der wahren Herkunft, die unabwendbare Gewißheit, ein anderer zu sein, ist für alle eine Bedrohung, keine Befreiung.Als Lessings "Nathan" Lambert Hamel, hier mit Christa Berndl als Daja (1.) und Armika Pages als Recha. Foto: Rabanus