BERLIN, 20. August. Sein Name eilte ihm voraus. Immer, wenn Alexander Mügge sich auf seinen vier Laufrunden dem Zielbereich näherte, brüllte der Mann auf dem Führungsmoped: "Alex kommt!" Er hätte auch brüllen können: "Alex kommt, und danach kommt lange nichts." Mügge, 25, ließ den 225 Konkurrenten beim fünften BerlinMan-Triathlon über die Mitteldistanz am Wannsee keine Chance. Nach 3:52:36 Stunden, nach 2,2 Kilometern Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 20 Kilometer Laufen überquerte der Athlet vom BSV Friesen am Sonnabend die Ziellinie, fast elf Minuten vor dem zweitplatzierten Claus-Henning Schulke (Sisu Berlin). Mügge riss den rechten Arm hoch, ballte die Faust. Er umarmte seine Mutter, dann hielt ihm Sven Alex, der Organisator von den "Weltraumjoggern Berlin", ein Mikrofon unter die Nase. "Sehr glücklich" sei er über den Sieg, sagte Mügge, noch etwas atemlos, schließlich zählte der Wettkampf als Berliner Meisterschaft. Eine halbe Stunde später ordnete er den Erfolg schon anders ein: "Der Titel ist zwar schön, aber viel bedeutet er mir nicht." Mügge hat größere Ziele. Am 14. Oktober nimmt er am Ironman auf Hawaii teil.Qualifiziert hat er sich für den weltgrößten Triathlon vor sechs Wochen, in Roth. Fünfter wurde er bei diesem Wettbewerb, der als deutscher Ironman gilt - sein größter Triumph bisher. Er musste hart dafür kämpfen. Kalt war es in Roth, nass und windig. Das Wetter und die Anstrengung hinterließen Spuren, Mügge kränkelte wochenlang. Seine Gesundheit war noch nie die beste. Immer wieder wurden Viren in seinem Körper entdeckt. Mügge fehlte Kraft, sein Puls wurde nach oben getrieben. Oft machten die Erkrankungen monatelange Trainingsarbeit zunichte. 1998 war Mügge in Roth Siebter. Dann wurde er krank, der Traum von Hawaii war vorbei. 1999 kam er das ganze Jahr über nicht auf die Beine. Er fand sich damit ab, schluckte den Frust herunter und trainierte, denn er spürte: "Ich kann es nicht lassen." Beim BerlinMan hatte er die Strapazen von Roth überwunden. Und diesmal trotzte er dem Wetter.Als sich die Athleten um 7.15 Uhr mit Neoprenanzügen in den kleinen Wannsee stürzten, schien noch die Sonne. Mügge setzte sich gleich an die Spitze der Gruppe aus rudernden schwarzen Armen und weißen Badekappen. Er blieb dicht hinter Jan Strangmüller, einem Tschechen: "Ich wusste gar nicht, wo es langgeht." Wenige Sekunden nach Strangmüller kletterte er 27 Minuten später aus dem Wasser, schälte sich aus der Schwimmhaut und kletterte aufs Rad. Seine Kür begann. Während ein Wolkenbruch über dem Grunewald die Zuschauer unter die Schirme trieb, zog Mügge das Tempo an. Er überholte den Tschechen, sah sich um, und irgendwann merkte er: "Strangmüller ist weg." Von diesem Zeitpunkt an fuhr Mügge ein einsames Rennen, mit jedem Tritt baute er seinen Vorsprung weiter aus. Sogar das Laufen, seine schwächste Disziplin, nahm er locker: "Quälen musste ich mich nicht." Stattdessen konnte Mügge sich schon ein wenig einstimmen auf Hawaii. Die Sonne kam heraus und lieferte ihm eine Ahnung der Hitze, die ihn im Oktober erwartet.35 Stunden Training in der WocheUm sich an das Klima zu gewöhnen, fliegt Mügge zwei Wochen vor dem Wettkampf nach Hawaii. Bis dahin wird trainiert: 30 bis 35 Stunden in der Woche, zwei- oder dreimal am Tag. Besonders das Radfahren kostet Zeit. Zeit, die er anderswo einsparen muss. Mügge studiert Bauwesen - im Winter intensiv, im Sommer weniger, dann geht der Sport vor. Im nächsten Semester beginnt er mit seiner Diplomarbeit. Doch zunächst denkt er an Hawaii. An den Massenstart beim Schwimmen, mit 1 500 Athleten auf engstem Raum: "Das", ahnt er, "wird ein Chaos." Er denkt an die Radstrecke, die nicht so steil ist, was ihm liegt. An den hügeligen Laufkurs, wo der heiße Wind die Athleten fast von der Straße fegen kann. "Es ist eine Fahrt ins Ungewisse, ein Abenteuer. Man kann nichts voraussagen." Das ist es, was Mügge reizt an dem Rennen, das er bisher nur aus dem Fernsehen kennt. Unter den ersten Zwanzig will er landen, zumindest aber ankommen - egal wie: "Ich würde mich auch nicht schämen, ins Ziel zu gehen." In Berlin hätte er sich selbst das erlauben können. Hinter ihm kam ja lange nichts.SNAPS Einsam dem Ziel entgegen: Alexander Mügge vom BSV Friesen gewann den BerlinMan-Triathlon mit fast elf Minuten Vorsprung.