Energisch, elastischen Schrltts, springt Alexander Solschenizyn die Gangway hinauf. Nur keinen Blick zurück auf jene, die ihn in das Flugzeug und ins Ausland zwangen" Zorn lautet die Botschaft seines breiten Rückens, ehe der Schriftsteller grußlos In der Maschine verschwindet. 20 Jahre alte Bilder, die das russische Fernsehen dieser Tage ausstrahlte.Der Literaturnobcipreisträger hat wieder russischen Boden betreten. In Magadan verließ er am 27. Mai das Flugzeug, das ihn von Anchorage über die Beringstraße getragen hatte. Seine Bewegungen sind langsamer geworden nach den langen Jahren des Exils im amerikanischen Vermont. Das gelichtete Haupthaar, der Bart des 75 jährigen flattern im Wind. Die Ähnlichkeit mit Tolstoi ist augenfällig und wohl auch gewollt.Verbannt und vertrieben Solschenizyn -- nach dem Tode von Andrej Sacharow die große Autorität unter den russischen Intellektuellen, hatte 1962 mit seiner Novelle "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowltsch" die literarische Abrechnung mit dem Stalinismus in Rußland eingeleitet. Den Stoff boten eigene Erfahrungen: Nach dem Zweiten Weltkrieg war Unterleutnant Solschenizyn wegen despektierlicher Außerungen über Stalin mit acht Jahren Straflager und anschließender Verbannung "bedacht" worden.Diese Zeit prägte sein literarisches Schaffen, für das er 1970 den Literaturnobelpreis erhielt. Verlegt wurden seine Romane da bereits nur noch im Westen. Nach dem Sturz von Chrustschow 1964 war Solschenizyn in Ungnade gefallen. Anlaß für seine Ausburgerung 1974 war der "Archipel Gulag", eine literarisch-dokumentarische Darstellung der Verfolgung und Vernichtung Andersdenkender in der Sowjetunion. Das paßte Breschnew, dei gerade die Entspannung als Form der Systemauseinandersetzung "entdeckt" hatte, nicht ins Konzept. Er trieb Solschenizyn aus dem Lande.Mit an einer offiziellen Rehabilitlerung tat man sich schwer. Noch 1988 konnte KPdSU-Chefideologe Medwedjew die Auslieferung der Zeitschrift "Novy Mir" verhindern, die Teile aus Solschenlzyns historischem Zyklus "Das rote Rad" gedruckt hatte. Zwei Jahre später, Im August 1990, erhielt der Schriftsteller durch ein Dekret von Präsident Gorbatschow seine Staatsbürgerschaft zurück. Heimkehren wollte er dennoch nicht. Erst nachdem die sowjetische Generalstaatsanwaltschaft den Vorwurf des "Landesverrats" 1991 zurÜckgenommen hatte, war der letzte Stein auf dem Wege in die Heimat beiseite geräumt.Heute bewegt sich Alexander Solschenizyn unter seinen Landsleuten mit der gelassenen Würde eines Mannes, der sich schon zu Lebzeiten von der Geschichte bestätigt sieht. "Ich habe niemals daran gezweifelt, daß der Kommunismus zusammenbrechen wird", versicherte er Bewunderern Im russischen Fernen Osten. "Aber ich habe nicht vermutet, daß es so schwer sein würde, unter seinen Trümmern hervorzukommen."Sein Besuch auf einem Markt in Wladiwostok mag ihm wie eine Begegnung der dritten Art vorgekommen sein. Die Auskunft, ein Kilogramm Wurst koste 10 000 Rubel, entriß ihm ein erstauntes "Wieviel?" und die leise Bemerkung, die Preise seien ganz anders gewesen, als er Rußland verlassen habe. Tatsächlich kostete damals ein ganzes Auto weniger als heute die Wurst. Der Verkäufer blieb gelassen: "Kommen Sie morgen wieder, dann wird s noch teurer sein."In Etappen wird der Heimgekehrte sich nun mit der Transsibirischen Eisenbahn Moskau nähern. Das Exklusivrecht, die Begegnungen am Wege zu filmen, hat BBC erworben. Eine russische TV-Gesellschaft, bedauerte der Schriftsteller, habe sich nicht angeboten.Soischenizyn ist aus dem Exil zurückgekehrt, nicht nur, um, wie er selbst sagte, in der Heimat zu sterben. Er will sich, ohne sich einer politischen Gruppierung anzuschließen, auch einmischen in das politische Leben. Ein bedauerndes "Zu spät" klingt ihm aus Kreisen seiner Anhänger entgegen, die in dem Unbeugsamen eine politisch-moralische Leitfigur sehen möchten.Doch der richtige Zeitpunkt zur Rückkehr. meinen viele Inteliektuelle, sei verpaßt. Spätestens nach der Veröffentlichung seines Manifestes über die politische Umgestaltung Rüßlands im Herbst 1990, mit dem er sich endgültig als russischer Nationalist etablierte, hätte er kommen müssen.Seine in dem Papier ausgeführte Idee von der "Russischen Union~" zeitigte dennoch Folgen. Im Dezember 1991 zerschlugen der Russe Jelzin, der Ukramer Krawtschuk und der Weißrusse Schuschkewitsch die brüchige Sowjetunion und ersetzten sie durch die GUS, ursprünglich nur gedacht als Verbund der drei slawischen Länder.Der Meister hat den Skeptikern nach seiner Ankunft in Magadan widersprochen: "Ich glaube nicht nur nicht, daß ich zu spät gekommen bin, ich glaube, daß ich gerade zur rechten Zeit gekommen bin. Denn der Schaum, der vermoderte Schaum der Bedeutungslosigkeit, ist weg. Heute ist das Volk reif dafür, um sich seines eigenen Schicksals in seinem Wesen, in seiner Tiefe bewußt -- zu sein", glaubt Solschenizyri.Umstrittene WerteDies könnte der Beginn eines wunderbaren, großen Irrtums sein. Nur wenige Russen -- auch wenn sie den Abschied von der kommunistischen Sowjetunion begrüßen -- sind bereit, ihr bis dahin gelebtes Leben als "vermoderten Schaum der Bedeutungslosigkeit" abzutun. Und viele teilen die Absolutheit, mit der Solschenizyn die erhaltenswerte russische Geschichte 1917 enden läßt, ebensowenig wie seinen naiven Glauben an die Reife des Volkes, das nun bereit sei, sich seines Schicksals bewußt zu werden. Der bedruckende Alltag läßt dafür keinen Raum.Der aufmerksam beobachtende Schriftsteller hat das natürlich bemerkt. "Wir sind einen verzwickten, verschlungenen und qualvollen Weg gegangen, von dem man heute nicht sicher sagen kann, ob er zum Ausweg wird", sinnierte er in Chabarowsk, seiner dritte Reisestation. Unter der Losung von der Psivatisierung werde "vor unseren Augen staatliches Volkseigentum billig aufgekauft". Jährlich flössen 12 bls 2s Milliarden Dollar illegal aus Rußland, aber die Regierung flehe den Währungsfonds an, ihr anderthalb Milliarden zu borgen, entrüstet er sich.Auf freudige Zustimmung kann Solschenizyn immer dann rechnen, wenn er die Russen zu Opfern der Geschichte erklärt. Die russische Föderation sei eine unechte, bolschewistische, belehrte er Zuhörer In Wladiwostok. Sie sei errichtet worden, um das russische Volk zu unterdrücken. In 21 autonomen Republlken hätte sich die russische Mehrheit ethnischen Minderheiten unterordnen müssen.Die Orientierung des siawophilen Schriftstellers auf russische Ursprünge, auf Werte und Moralvorstellungen, wie er sie der Zeit vor 1913 zuschreibt, macht ihn für Nationalpatrioten so wertvoll. Den Neobolschewisten gefäUt er ebenso wie einem Herrn Schiriuowski, den Solsch~nizyn indes mit dem Titel "Karikatur eines russischen Patrio ten" bedachte.Versuchung für das IdolOb er die unfreiwillige Vereinnahmung immer vermeiden kann, wird sich erweisen. Versuche werden bereits unternommen. Ex-Vizepräsident Ruzkoi sieht ihn künftig schon an der Seite der "geistigen und patriotischen Opposition.Die Demokraten, die seine Unbeugsamkelt gegenüber dem Sowjetstaat achten, haben gemischte Gefühle. Jelena Bonner, die Witwe des Bürgerrechtiers Andrej Sacharow, erinnerte in einer TV-Runde daran, daß ihr Gatte einiges in den theoretischen Aussagen des Schriftstellers vor allem über Rußland als "gefährlich" angesehen habe.Im Dorf Troize-Lykowo am Moskauer Stadtrand erwartet ihn nun sein neues und wohl auch letztes Heim. Nach guter russischer Tradltion zieht sich ~f4k" yertigste~,ungl allerdings noch etwas hin. Das Dach ist undicht, die W~nde feuclab.Verbofgen hinter ,einer grüngestrichenen hohen Holzwand, soll es einst dem ehemaligen Chefideologen der KPdSU, Suslow, als Ort der Entspannung gedient haben. Sagen die Dorfbewohner. Solschenizyns Anhänger, darauf bedacht, daß auch nicht der geringste Schatten auf ihr Idol falle, weisen das entrüstet zurück. Frau Solschenizyna, die künftige Hausherrin, weiß indes, daß es vor der Revolution dem bekannten russischen Kaufmann Korsinkin gehörte. Hoffentlich hat er keine Erben.