Isolation hat Alexander Solschenizyn nie gefürchtet, im Gegenteil, sie war von jeher sein Element. "Wo immer Solschenizyn auch weilte, wohin ihn das Schicksal auch verschlug, er blieb stets der Meister seines Lebens Und das wichtigste Instrument seiner Arbeit war vollständige und gut gesicherte Einsamkeit", schrieb seine langjährige Vertraute und Weggefährtin Lydia Tschukowskaja nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion 1974. Aber die Einsamkeit, die ihn seit seiner Rückkehr nach Rußland 1994 umgibt, ist völlig anderer, entgegengesetzter Art als die, die ihn früher so stark und unangreifbar gemacht hat.In seinen laufenden Aufzeichnungen aus den sechziger und frühen siebziger Jahren hat Solschenizyn sich mit jenem Kalb aus dem russischen Sprichwort verglichen, das nicht lockerläßt, bis es "sich den Kopf an der Eiche einrennt oder bis die Eiche knarrend umfällt". Natürlich konnte er nicht im Ernst damit rechnen, daß der riesige, unerschütterlich scheinende Partei- und Militärstaat der UdSSR noch zu seinen Lebzeiten "umfallen" werde. Aber er lebte so, als wäre es doch möglich. Und als es tatsächlich geschah, hatte er "Geschichte gemacht" wie vielleicht kein anderer Schriftsteller und Künstler vor ihm. Froh ist er darüber allerdings nicht geworden.Daß er, der davongekommene Ex-Häftling und ärmliche Mathematiklehrer aus der Provinz, der insgeheim Gedichte, Stücke und Erzählungen verfaßte, mit den Mitteln des Wortes und der Kunst in das Getriebe der Macht hineingreifen konnte, war ihm erstmals bewußt geworden, als seine Lager-Novelle "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" 1962 eine Erschütterung auslöste, die weit über das Literarische hinausging. Bis dahin waren die Verbrechen der Stalin-Zeit nur in geheimen Parteidokumenten verurteilt worden, und nur von den Repressionen gegen die eigene Partei, die sich geradezu als das Hauptopfer des "Personenkultes" gerierte, war die Rede gewesen, nicht aber vom Terror gegen das Volk. In der Gestalt des Dörflers Iwan Denissowitsch Schuchow trat zum ersten Mal nun die Figur des "Sek", des einfachen Gulag-Häftlings, als eine universelle Figur des Zeitalters hervor.Es waren die Jahre, in denen die Führer der UdSSR die Kräfte des Landes in der Berlin- und Kuba-Krise abenteuerlich überspannten, um eine wachsende innere Gärung zu kompensieren, die sie damit nur verstärkten. Die Unruhe der Nachkriegsgeneration (der "Sechziger") verknüpfte sich mit einer tiefen Verunsicherung der Machthaber selbst. Aus den heute zugänglichen Dokumenten (etwa über die Vorbereitung der Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag 1956) wissen wir, wie sehr die Erben Stalins durch die Millionen Opfer, auf die ihre Herrschaft sich gründete, beunruhigt und geängstigt wurden. Sie alle hatten ihre Karrieren über die Leichen ihrer Vorgänger und Rivalen und durch eifrige Beteiligung am großen Terror gemacht. Solschenizyn verglich sie mit Macbeth, der längst ahnt, aber nicht sehen will, wie "Birnams Wald zum Dunsinam emporsteigt".Den kurzen Moment seines ersten Ruhmes nutzte er zielstrebig, um sich eine Basis zu schaffen, von der aus er weiter operieren konnte. Mit zäher Geschmeidigkeit kämpfte er um die legale Publikation seiner Erzählungen, Stücke und Romane. Dafür war er bereit, sich in begrenztem Maße der Zensur zu unterwerfen (oder ihr durch Streichungen selbst zuvorzukommen). Was er vorlegte, genügte allerdings, um selbst bei seinem Entdecker und Förde- rer Alexander Twardowski, dem Chefredakteur von "Nowy Mir", eine Mischung aus Bewunderung und Entsetzen zu erzeugen. Als Solschenizyn 1968 in einem offenen Brief an den Schriftstellerverband die Aufhebung der Zensur und Meinungsfreiheit forderte, wurde er ausgeschlossen und aller Möglichkeiten zu publizieren endgültig beraubt.Dafür aber hatte er in den wenigen Jahren seiner legalen Existenz von 1962 bis 1967 eine schriftstellerische Produktivität entfaltet, für die man kaum eine Parallele finden wird. In kurzem Abstand stellte er seine beiden großen Romane "Im ersten Kreis" und "Krebsstation" fertig, in denen bereits das ganze Panorama der Epoche die Vernichtung der Bauern, der große Terror, die Niederlagen des Weltkrieges oder das Drama der Kollaborateure und Kriegsgefangenen in einer "polyphonen" Vielzahl von Figuren, Stimmen und Perspektiven entrollt wurde. Als beide Romane in einer sorgsam konzertierten Aktion 1968 im Westen herauskamen, war klar, daß mit dem Autor des "Iwan Denissowitsch" nicht nur eine weitere, machtvolle Stimme im Chor der entstehenden Dissidentenbewegung, sondern ein neuer russischer Schriftsteller von Weltrang auf den Plan getreten war. Bereits 1970 erhielt Solschenizyn für sein Werk den Nobelpreis.Niemand wußte zu dieser Zeit, daß er gleichzeitig in völliger konspirativer Abschirmung auch schon den "Archipel Gulag" geschrieben hatte, der auf drei Bände und Tausende von Manuskriptseiten angeschwollen war. "Als ich dieses Buch 1958 zu schreiben begann, waren mir irgendwelche Memoiren oder künstlerische Werke über die Lager nicht bekannt", heißt es im Prolog. Damals begannen auch einige andere wie Warlam Schalamow und Jewgenija Ginsburg , Erzählungen und Berichte über ihre Lagererfahrungen zu schreiben und im Samisdat zu verbreiten. Darüber hinaus bildete sich ein ganzes informelles Netzwerk ehemaliger Häftlinge und freiwilliger Helfer. So sind schließlich die Verse und Erzählungen, Erinnerungen und Briefe von 227 Personen in den "Archipel Gulag" eingeflossen, der "unser gemeinsames Denkmal für alle Gemordeten und zu Tode Gemarterten" war das zu errichten Solschenizyn neben allen anderen Vorhaben auf sich nahm.Nur wenige Zeugen und Bilder haben das überliefert: Wie der einsame Mann in seiner Wattejacke sich im tiefen Winter in einer estnischen Bauernkate ohne Wasser und Strom vergrub, oder wie er im Sommer an einem seiner sorgsam kaschierten Schreibplätze unter Bäumen am Bach saß; wie er vor Tau und Tag, etwa um zwei Uhr früh, aufstand wie ein Bauer, um sein 16- oder 18stündiges Tagwerk zu beginnen; wie er sich ein paar kalte Kartoffeln pellte und ein Glas Milch trank; und wie stets ein kleines Feuer neben ihm loderte, in dem er alle Entwürfe oder überarbeiteten Seiten sofort verbrannte. Wie mittags ein alte Frau kam, um ihm ein paar Lebensmittel zu bringen und Manuskripte mitzunehmen, die von anderen Helferinnen dann in einer bestimmten Anzahl von Exemplaren abgetippt, an geheimen Orten deponiert, schließlich auf Mikrofilmen festgehalten und ins Ausland gebracht wurden. Als Solschenizyn im Winter 1967 die letzten eintausendfünfhundert Manuskriptseiten in 63 Tagen ins reine gebracht hatte, überkam ihn ein metaphysisches Hochgefühl: "Nicht ich habe es getan meine Hand wurde geführt!"Als "Versuch einer künstlerischen Bewältigung" (so der Untertitel) steht der "Archipel Gulag" in der Geschichte der modernen Literatur seinem Stil und Genre nach völlig einzig da. Er ist eine Polemik, deren wortmächtiger und erfahrungsgesättigter Grimm seinesgleichen sucht und stellenweise einer Swiftschen Satire ähnelt. Den Kern der Darstellung bildet ein kunstvolles Geflecht biographischer und autobiographischer Erzählungen, psychologischer Analysen und schonungsloser Selbstanalysen. Und schließlich und endlich ist der "Archipel" auch Geschichtsschreibung in großem Stil in vielen einzelnen Behauptungen anfechtbar, da ohne sichere Quellenbasis verfaßt, im großen und ganzen aber unbestreitbar und den Blick auf die Epoche revolutionierend. Keine Forschung wird dieses Bild bei allen Korrekturen im einzelnen jemals revidieren.Dieses Buch würden "sie" (die Machthaber!) nicht überleben, hatte Solschenizyn in einem vom KGB abgehörten Gespräch noch während der Abfassung gesagt. Eben deshalb zögerte er die Veröffentlichung immer wieder hinaus, da klar war, daß dies auch das Ende seiner geduldeten Existenz als Schriftsteller bedeuten würde. Erst als 1973 ein vollständiges Exemplar des "Archipel" in die Hände der Staatssicherheit fiel, gab er das Signal zur Publikation im Westen, die mit seiner gewaltsamen Exilierung beantwortet wurde.Damit beginnt eine zweite, völlig neue Phase der Wirkungsgeschichte Solschenizyns. Daß er im Westen uninteressant werden würde, diese eitle Hoffnung der Politbürokraten trog (zunächst). Bis 1976 waren 30 Millionen Exemplare seiner Bücher in 30 Sprachen der Welt verbreitet. Der erste Band des "Archipel Gulag", der im Januar 1974 gleichzeitig in drei Sprachen erschienen war, wurde in der Bundesrepublik binnen eines halben Jahres in 1,1 Millionen Exemplaren verkauft.Der "Gulag-Schock" traf die alte wie die neue Linke des Westens bis ins Mark (sofern sie sich nicht narzißtisch zu imprägnieren wußte, wie vor allem in Westdeutschland). Aber auch das gutbürgerliche Publikum durfte sich blamiert fühlen. Man befand sich schließlich im Jahr 1974 und hatte noch immer keine Vorstellung vom wirklichen Umfang und Charakter dessen, was in der Sowjetunion seit 1917 passiert war!In gewisser Weise war es da fast entlastend, daß Solschenizyn sich auch als fundamentaler Kritiker des Westens herausstellte, dem er vorwarf, den Idealen einer geistlosen Bequemlichkeit zu huldigen und, wie einst vor Hitler, vor dem kommunistischen Totalitarismus zurückzuweichen. Noch bemerkenswerter war die dostojewskihafte Wendung dieses Arguments: Gerade durch die Erfahrung des kommunistischen Terrors erklärte er 1978 bei seiner großen Rede in Harvard hätten "die Völker Osteuropas eine seelische Schulung durchgemacht, welche die westliche Erfahrung weit hinter sich gelassen hat". Dort im Osten gebe es längst die stärkeren und interessanteren Charaktere. Und da das Schicksal der Völker letztlich von ihrer spirituellen und moralischen Kraft abhänge, schlußfolgerte er: "Der Osten wird stärker, der Westen immer schwächer."Seine westlichen Auditorien waren, je länger sie zuhörten, um so weniger amüsiert. So meteorgleich der Stern Alexander Solschenizyns am Himmel der Weltliteratur aufgegangen war, so unaufhaltsam sank er wieder. Dazu kam, daß er sich auf fast zwanzig Jahre in seinem Exilsitz in Vermont einschloß, um mit seinem gewohnten, täglichen, unbegreiflichen Arbeitspensum an einem Projekt zu arbeiten, das noch megalomaner wirkte als alles Bisherige. "Das Rote Rad", wie es schließlich hieß, war nicht mehr und nicht weniger als der Versuch, die Geburt der russischen Revolution aus dem Weltkrieg in zwei "Akten" und zwanzig "Knoten" (von mehr als 1 000 Seiten jeweils) zu rekonstruieren.Daß erst dies nun das eigentliche "Buch meines Lebens" sei, das er gleich nach dem Abschluß des "Archipel Gulag" 1967 unter der Chiffre "R-17" (Revolution 1917) bereits in Angriff genommen habe und dessen früheste Skizzen und Entwürfe in seine Gymnasiastenzeit in den dreißiger Jahren zurückreichten, diese Bekenntnisse des fast sechzigjährigen Autors mußten nach allem, was er bereits erreicht und geschrieben hatte geradezu affektiert und überspannt wirken.Überspannt war dieses Projekt allerdings. Es war der obsessionelle Versuch, bis an die tiefsten Wurzeln des geschichtlichen Unheils vorzudringen und in der Katastrophe Rußlands den Ursprung der Katastrophe des Jahrhunderts aufzuweisen. Und zugleich war es ein Versuch, die destruierten Möglichkeiten einer anderen Entwicklung Rußlands zu rekonstruieren. Von den insgesamt acht nacheinander vorgelegten, kiloschweren Bänden "August Vierzehn", "November Sechzehn", "März Siebzehn", "April Siebzehn" waren selbst die ältesten Bewunderer Solschenizyns enttäuscht. Hatte das nicht ein "Krieg und Frieden" des 20. Jahrhunderts werden sollen? Wo war hier die Dramaturgie und Kunstform eines großen Romans? Die Hauptfiguren des "Roten Rades", die gleich zu Dutzenden und Hunderten die Szene bevölkerten und spurlos wieder verschwanden, seien "keine Menschen", sondern nur "Träger von Meinungen", attestierte Horst Bienek. Und Helen von Ssachno beklagte die allzu geschlossene "historiosophische Konzeption" und die völlige Überwucherung der Romanhandlung durch das dokumentarische Material, das der Autor gestützt auf die überreichen Aktenfunde im Hoover Institute und der Library of Congress eingearbeitet hatte.Aber Solschenizyns Stärke waren ja nie die frei entworfenen, fein differenzierten, psychologisch ausgeleuchteten Gestalten einer künstlerischen Imagination. Alle Handlungen und Personagen seiner früheren Erzählungen und Romane waren der erlebten Wirklichkeit entnommen, und ihre Haupthelden waren offenkundige Verwandlungen seiner selbst und seiner engsten Gefährten. Ihre Lebendigkeit entsprang einer Erinnerung, die jede bloße Imagination überstieg. Das "Rote Rad" repräsentiert demgegenüber ein völlig eigenes Genre, worin romanhafte, theatralische, lyrische, satirische, polemische, philosophische, dokumentarische und historisch-analytische Passagen sich überschneiden und vermischen. Trug schon dieses Unternehmen Züge einer Rückerfindung Rußlands aus seiner Geschichte, so gilt das noch mehr für die Schriften, mit denen Solschenizyn als Mahner und Präzeptor in den großen Umbruch nach dem Ende des Kommunismus eingreifen wollte und bis heute will. In seiner Programmschrift "Wie soll Rußland leben?", die 1990 zusammen mit seinen dem sowjetischen Publikum erstmals zugänglichen Büchern in Millionen Exemplaren gelesen wurde, entwarf er die romantisch-konservative Utopie eines Landes, das neue Kraft aus einer großen Wendung nach innen schöpft. Es sollte sich selbst von der Last des Imperiums befreien und die UdSSR durch eine "Slawische Union" der Russen, Ukrainer und Weißrussen ersetzen. In der Wiederherstellung eines eigenständigen Bauerntums und der Entfaltung lokaler Selbstverwaltung unter dem Dach einer starken, aber in ihren Kompetenzen beschnittenen Zentralmacht sah Solschenizyn den Schlüssel zur nationalen und gesellschaftlichen Regeneration. Das Wichtigste aber sei eine moralische Selbstläuterung, gespeist aus der Einsicht in eine grausam vertane Geschichte und gestützt auf eine neubelebte, volkstümliche Religion plus Patriotismus.Das formulierte in der Endphase der Perestroika durchaus die Sehnsüchte vieler. Und als Analyse der entscheidenden Entwicklungshemmnisse der vernichteten Bauernschaft und ländlichen Potentiale Rußlands, des verlorenen Verantwortungsgefühls für die Arbeit und das eigene Leben sowie einer notorischen Überzentralisierung des Staates, die immer zugleich an Ohnmacht grenzt war das nicht einmal abwegig. Aber es blieb und bleibt der ebenso verzweifelte wie naive Versuch, die historische Katastrophe in einem idealistischen Kraftakt ungeschehen zu machen.Wenn Rußland sich aus dem Morast, in dem es nach dem Abschmelzen des sowjetischen Staatspanzers und einer planlosen, chaotischen Reform von oben heute steckt, herausarbeiten wird, dann nicht nach irgendeiner neuen leitenden Idee, sondern durch pragmatische Politik und den vitalen Selbstbehauptungswillen der vielen einzelnen. Die Einsamkeit, die Solschenizyn heute inmitten des hektischen Getriebes umgibt, die tauben Ohren, auf die seine zunehmend schrilleren Kassandrarufe stoßen, während man ihm gleichzeitig huldigt, ist die eines großen Unzeitgemäßen. Er spürt sie vielleicht tiefer als die Einsamkeit damals. Zu Unrecht: Mit seiner einstigen Weigerung, "in der Lüge zu leben", hat er die moralische Weltachse wieder ein Stück zurechtgerückt. Jetzt müssen die Leute, muß die Gesellschaft ihren Weg selbst finden. Der Mahner und Prophet kann ihnen nichts sagen, was sie nicht wüßten. Es bleibt der große Schriftsteller und Chronist eines versinkenden Zeitalters.