Die Schriftsteller sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Früher gab es rauschende Feste im Literarischen Colloquium Berlin (LCB), bei denen Autoren betrunken die Wiese zum Wannsee hinuntertorkelten und sich auch schon mal prügelten. "Das Feiern von einst habe ich vermisst", sagte Günter Grass am Sonntagvormittag in der Akademie der Künste bei der Verleihung des von ihm gestifteten Alfred-Döblin-Preises.Dabei hatten es die Gastgeber des LCB bei der Werkstattlesung zur Ermittlung des Preisträgers am Sonnabend weder an geistigen Getränken noch an sonstigen kommunikationsfördernden Maßnahmen fehlen lassen. Der LCB-Chef Ulrich Janetzky hatte Gulaschsuppe ("Director's Cut") gekocht, zum Sonnenuntergang wurde gegrillt. Aber die Schriftsteller von heute sind halt zu zivilisiert, wie der feierlustige Grass mit etwas Wehmut feststellen musste.500 hatten sich um den mit 12000 Euro dotierten Döblin-Preis beworben, sechs Finalisten durften je 20 Minuten lang aus ihren Manuskripten vorlesen und sich der Kritik stellen. Neben der Jury (Ursula März, Andreas Isenschmid und Michael Lenz) waren ein paar Dutzend Gäste aus dem Literaturbetrieb eingeladen, sich an Meinungsbildung und Textexegese zu beteiligen.Günter Grass tappte auf Samtpfoten mit einem Stündchen Verspätung in den mit einer neumodischen Retro-Deckenbeleuchtung versehenen Versammlungssaal des LCB, das vibrierende Brummen seiner Aura schien niemanden besonders zu elektrisieren. Die duzen ihn dort fast alle. Schließlich ist Grass seit fast 50 Jahren im LCB zu Hause, wo er einst vor der Gruppe 47 aus seinem "Manuskript für die ,Blechtrommel'" las - und mit dem Preis das Buch vollenden konnte.Nun verpasste "Günter" ausgerechnet den Vortrag des am Tagesende gekürten Preisträgers Jan Peter Bremer. Der 1965 geborene Berliner präsentierte einen absurd komischen Monolog über einen neurotischen Berliner Schriftsteller im Scheingefecht mit brüchiger Kleinfamilie, bröckelnder Mietwohnung und dem "Amerikanischen Investor" (Galiani Verlag). Die Laudatio von Michael Lenz schwurbelte die "fantastische Rührgroteske" derart mit geschraubtem Wortgeklingel auf, dass Bremer sich fragte, ob er sein Buch selbst noch verstehe.Im Gegensatz zum Wettlesen von Klagenfurt, quasi dem DSDS des Literaturbetriebs, von dessen oft bösartiger, immer unterhaltsamer Autorenbloßstellung sich hier alle energisch distanzierten, bestand die Kritik fast durchgängig aus Lob und gezwiebelten Interpretationsvorschlägen. Nur Günter Grass sorgte gelegentlich mit einem wohlwollenden Ratschlag - "Den Satz würd' ich streichen"- für Klartext. Dass ein Lektor einen Text mal für "konventionell erzählt" befand, war schon der Gipfel der Fiesheit, und ihm wurde auch sogleich widersprochen. Gerade in der "konventionellen Sprache" dürfte bei Albrecht Selges Roman "Wach" (Rowohlt) doch die Subversion liegen. Geht es in diesem post-döblinschen Berlin-Roman doch um einen Helden ohne Eigenschaften, den die Simultanität der urbanen Impressionen nicht umtreibt, sondern lähmt. Die "anämische Sprache" kann da sowohl als Stilfigur als auch als Schwäche gedeutet werden.Ebenso heimtückisch doppelsinnig ist das Urteil, ein Text sei perfekt. Olga Flors unterkühlte Erzählung "Der Turm am See" über Erotik und Machtschien gerade an ihrer hochpolierten Sprachpräzision zu kranken, mit der sie die schauerliche Oberflächenglätte ihrer Mörderfiguren abbildet.Manchmal liegt Perfektion gerade in der lapidaren Einstreuung von Klischees. Die 1980 in Greifswald geborene Judith Schalansky war neben Bremer die Preis-Favoritin. Ihr Roman "Der Hals der Giraffe" (Suhrkamp) handelt von einer einsam ätzenden Biologielehrerin der Generation Merkels, die am Darwin-Gymnasium in einem schrumpfenden vorpommerschen Ex-DDR-Kaff die letzte Klasse unterrichtet und die "blühenden Landschaften" als Unkraut-Apokalypse visioniert. Da wildern das herzergreifende Hirtentäschel und die hinterlistige Quecke über das mickrige menschliche Maß hinaus, die Werktätigen der Photosynthesefabrik verschlingen sich zu großartigster Verschrobenheitsprosa. Grass gefiel in der abgründigen Hinterlandschaft das Politische, die wuchernde Eingemeindung ist ihm Metapher für eine "Rückgabe an die Alteigentümer".So gesehen war auch der Action-Comic "Adams Fuge" (Secession Vlg.) von Steven Uhly ein Knaller: Deutschtürke aus Mannheim mit Hosen voll Angstpisse erschießt in Anatolien einen Kurdenführer, wird Held wider Willen und mit Killerauftrag nach Deutschland zurückgeschickt. "Tischbombenästhetik" nannte Juror Isenschmid das Genre-Inferno aus Sprechblasenprosa treffend. Grass erinnerte der pittoreske, durch die Ereignisse stolpernde Narr an den Simplizissimus. Krieg! Der 30-Jährige dauert dort an. "Besser kann man die Absurdität des Tötens nicht darstellen", befand Grass.Der Preis für den irrsten Romanauszug gebührte Angela Steidele. Die Wissenschaftlerin hat über lesbische Liebe in der Literatur promoviert und stellte ihre dokumentarische Fiktion über Ludwig II. und Catharina Linck vor, die als Lagrantius Rosenstengel in den Krieg zieht. Steidele hat sich die Sprache ihrer Quellen durchlauchtigst angeeignet. Wie der Lederpimmel Rosenstengels ist ihre historische Fiktion echter als die Wirklichkeit. Steideles Helden erfinden sich selbst als Geschlecht oder Geschichte, und sie erfindet sie neu als Literatur. Und darum, so Grass, geht es: "Erfundene Dokumente sind die spannendsten."------------------------------Foto: Es geht darum, Diskurs in Narration zu verwandeln: Günter Grass und Uwe Timm am Sonnabend auf der Terrasse des Literarischen Colloquiums Berlin.Foto: Jan Peter Bremer