Einer der vielen Migranten, die um 1900 ein besseres Leben in Deutschland suchten und es dabei mit ihren Talenten bis heute wirksam bereicherten, war Alfred Grenander. Oder, wie die neueste, als Aufsatzsammelband angelegte Biografie ihn nennt: "Ein Schwede in Berlin". Heute Abend wird sie im Architekturmuseum der Technischen Universität vorgestellt, mit Rücksicht auf das Spiel Deutschland gegen Ghana schon um 18 Uhr.Dass schon der zweite große Band zu Grenanders Lebenswerk vorgelegt wird (der erste entstand 2005 für eine Ausstellung im Deutschen Technik-Museum), hat Gründe: Einmal war etliches zu korrigieren, zum anderen zeigt sich immer mehr, dass Grenaders Werk den Anspruch Berlins, eine Metropole zu sein, ästhetisch so sehr geprägt hat, dass ein neuer Blick sich lohnt.Bekannt ist er als Schöpfer der besten Berliner U-Bahnhöfe und -bauten. Alexanderplatz, Wittenbergplatz, die Linie 8 und die Linie 2, sie alle sind ohne seine sanft schimmernden, kraftvoll farbigen Fliesendekors undenkbar. Weit entfernt von jedem klassizistischen Tektonik- und Baumassenkult, wie er um 1900 ausbrach, huldigen sie in der Traditon Gottfried Sempers der Lust an Oberflächen und Verkleidungen. Ein Erfolgsrezept: Bis in die U-Bahnhöfe von Athen sind Grenanders Spuren zu verfolgen. Dennoch brauchte die BVG Jahrzehnte, bevor sie ihre Verkehrsgesamtkunstwerke nicht mehr vandalisch durch Neufassungen ersetzte, sondern restaurierte. Doch Grenander schuf weit mehr als nur diese Bauten. In den überwiegend locker und lesbar geschriebenen Aufsätzen wird gezeigt, wie eng er mit der bürgerlichen Wohnungsreform um 1900 verbunden war, mit der Sammlerkultur Berlins, wie erfolgreich er als Designer von Raumausstattungen und Möbeln arbeitete und mit seinen Arbeiten das Kaiserreich auf der Weltausstellung in St. Louis 1904 repräsentierte.In Grenanders Werk verflochten sich Einflüsse aus Skandinaviens Nationalromantik mit dem französischen Akademismus und der englischen Reformkunst des Arts and Crafts. Es fehlt allerdings leider wieder einmal fast völlig der Blick in die USA, die für die Architekten der Zeit eine der wichtigsten Inspirationsquellen waren. Dennoch wird in diesem Buch eins deutlich: Ohne Einwanderer wäre Berlin nicht geworden, was es heute ist. Vielleicht wäre das Buch ein gutes Geschenk für Thilo Sarrazin.------------------------------Christoph Brachmann, Thomas Steigenberger (Hrsg.), Ein Schwede in Berlin. Der Architekt und Designer Alfred Grenander und die Berliner Architektur, Didymos-Verlag, Korb 2010, 568 S., 611 Abb., 79 EuroBuchvorstellung: Heute, 23. 6., Architekturgebäude der TU, Straße des 17. Juni 152, 18 Uhr.------------------------------Foto: Für den U-Bahnhof Klosterstraße verwandte Alfred Grenander Probeziegel, die für den Ischtartorsaal im Pergamonmuseum angefertigt worden waren.