PARIS, im Juni. Als Yvette Benyaoun-Nakache nach langem Zögern zum ersten Mal Auschwitz besuchte, allein, hatte sie das Gefühl: "Ich ersticke." Beim zweiten Mal kam sie mit ihrer ganzen Familie, ließ ihrem "Schmerz freien Lauf" und fand, was sie suchte: "Die Seelen meiner Tante Paule und meiner Kusine Annie." Die waren, 32 und zwei Jahre alt, 1943 in dem Konzentrationslager ermordet worden. Yvette Benyaoun-Nakache, 53 Jahre alt, ist sozialistische Abgeordnete der Pariser Nationalversammlung. Ihr Onkel, Alfred Nakache, war einer der bedeutendsten Schwimmer Frankreichs, vielfacher Landesmeister, Europa- und Weltrekordler sowie Olympia-Finalist 1936 in Berlin. Die Republik war stolz auf diesen Mann, bis eines Tages Staatsbeamte entschieden: Nakache "verseucht das Wasser französischer Schwimmbäder". Der Schwimmer war Jude. Er durfte fortan nicht mehr starten, seine Rekorde wurden getilgt. Und schließlich deportierten Franzosen im von Hitlers Soldaten besetzten Land die Familie Nakache nach Auschwitz. Nur Alfred überlebte. Seine Nichte sitzt seit zwei Jahren in einer Kommission, die Licht bringen soll in ein düsteres Kapitel der neueren Geschichte - die "Säuberung des französischen Sports von Juden" während der deutschen Besatzung zwischen 1940 und 1944. In der von der kommunistischen Sportministerin Marie-George Buffet geschaffenen 15-köpfigen Arbeitsgruppe versuchen Persönlichkeiten wie der frühere Sportminister Maurice Herzog (der als erster Bergsteiger den Annapura bezwang), der renommierte Historiker Jean-Louis Gay-Lescot oder der Direktor des Staatlichen Sportmuseums, Jean Durry, eine "nationale Schande" (Buffet) aufzurollen. Fünf Jahrzehnte hatten Sportfunktionäre zuvor den Schleier des Vergessens über die Vorfälle jener Jahre gelegt. Und auch heute wird der Kommission ihre Arbeit nicht leicht gemacht. "Man überlässt uns kaum Material", klagte Gay-Lescot, Autor eines Standard-Werkes über Frankreichs Kulturpolitik zurzeit des mit Hitler kollaborierenden, in der Badestadt Vichy residierenden Regimes des Marschalls Philippe Petain. Die durch die Kommission eingeleitete Aufklärungskampagne kratzt auch am Image einer nationalen Sportgröße. Petains Generalkommissar für Erziehung und Sport war nämlich Jean Borotra, in den zwanziger Jahren einer der mythischen "vier Musketiere" des französischen Tennis. Die überlebensgroße Bronze-Statue des Wimbledon-Siegers ziert heute das Pariser Tennis-Stadion Roland Garros; bei den French Open defiliert die Tennis-Welt an ihr vorbei. Bislang ohne von Borotras politischen Aktivitäten Kenntnis gehabt zu haben. Yvette Benyaoun-Nakache weiß inzwischen, dass "Recherchen lange unterdrückt worden sind". Unter den Präsidenten de Gaulle, Pompidou, Giscard d Estaing und Mitterrand blieb das Kapitel in Frankreich tabu. Erst der gaullistische Staatspräsident Jacques Chirac und sein sozialistischer Premier Lionel Jospin begannen, offen von einer kollektiven französischen Mitschuld an den Juden-Deportationen zu sprechen. Bereits 1938 hatte die Pariser Regierung nach deutschem Vorbild ein Programm zur Heranbildung einer "neuen, gesunden, virilen Jugend" erarbeitet, um die Wehrtüchtigkeit zu erhöhen. Während der Besatzungszeit verabschiedete das Petain-Regime eigene Judengesetze. Mehr als 70 000 französische Juden wurden von Polizei und Milizen zusammengetrieben und in Konzentrationslager verfrachtet. Nur 2 500 überlebten den Holocaust. Zu Hause setzten die Sportgewaltigen bereitwillig die antisemitischen Richtlinien in die Praxis um. An Sporterzieher erging der Appell "Seid Vorbild, seid rassistisch". In den Stadien von Paris und Vichy defilierten zehntausende Sportler im Gleichschritt vor dem Marschall Petain, die Hand zum Nazi-Gruß himmelwärts gestreckt. Juden wurden aus Fußball-, Rugby- und Tennisclubs ausgeschlossen. Von Juden erzielte Rekorde im Gewichtheben, Laufen und Schwimmen wurden gestrichen. Französische Zeitungen schmähten große jüdische Sportler wie die deutsche Fecht-Olympiasiegerin von 1928, Helene Mayer, oder den im Film "Charriots of fire" verewigten Olympiasieger über 200 Meter von 1924, den Briten Abrahams. Und es war ein Sportstadion, das Pariser Velodrome d hiver, wo im Juli 1942 13 152 Juden, darunter 4 115 Kinder und 2916 Frauen, zur Deportation zusammengetrieben wurden. Le Vel d hiv, nur ein paar hundert Meter vom Eiffelturm entfernt, ist längst abgerissen. Heute erinnert eine Gedenkplatte an das Verbrechen von damals. Nach Prozessen und Verurteilungen von Verbrechern gegen die Menschlichkeit, etwa des ehemaligen Präfekten von Bordeaux, Maurice Papon, wird nun das Leid jüdischer Sportler aus dem Dunkel geholt. Das französische Staatsfernsehen France 3 hat einen Dokumentarfilm produziert, der bald ausgestrahlt wird. Titel: "Alfred Nakache, der Schwimmer von Auschwitz". Der 52-Minuten-Streifen soll auch in allen französischen Schulen gezeigt werden.Von Alfred Nakache ist durch Zeugen überliefert, dass er im Todeslager vor Schergen ein paar Bahnen ziehen musste. So wurde er der Schwimmer von Auschwitz. Nakache selbst hat später, so erinnert sich seine Nichte, nie mehr über seine Erlebnisse im Konzentrationslager gesprochen.Besser dokumentiert sind andere Vorfälle, bei denen Sportler im KZ vorgeführt wurden. Der jüdische Boxer Victor Young Perez, schon mit zwanzig Jahren Weltmeister im Fliegengewicht und ebenfalls lange ein Idol der Nation, wurde im Herbst 1943 nach Auschwitz deportiert. Um die Überlegenheit der arischen Rasse zu demonstrieren, organisierten SS-Männer einen Boxkampf zwischen einem Wächter und Perez. Nach zwei Runden hatte der ausgemergelte Young den Hünen aufgabereif geknockt, der Kampf wurde eilig abgebrochen. Young wurde nach der Räumung des Lagers vor den herannahenden Russen am 22. Januar 1945 auf dem Todesmarsch der Häftlinge erschossen. Alfred Nakache fand nach seiner Rückkehr aus Auschwitz die Kraft, seine Schwimmkarriere wieder aufzunehmen. 1952, mit bereits 38 Jahren, schaffte er es noch einmal ins französische Aufgebot für die Olympischen Sommerspiele in Helsinki. 1983 starb Nakache beim Schwimmen im Meer an einer Herzattacke. "Es geht uns nicht um nachträgliche Abrechnung, sondern um die Wahrheit", sagt seine Nichte. Denn ihr Onkel habe "auch nach seinem Tod ein Anrecht darauf - und unsere Kinder auch"."Es geht uns nicht um nachträgliche Abrechnung, sondern um die Wahrheit. " Yvette Benyaoun-Nakache