Als Vergeltung für die Festnahme eines führenden Al-Kaida-Mitglieds in Tripolis hatte eine Miliz am Donnerstag den libyschen Ministerpräsidenten Ali Seidan entführt. Die Milizionäre sollten im Auftrag des Innenministeriums für Sicherheit in der Hauptstadt sorgen. Die früheren Rebellen begründeten ihre Tat damit, dass die libysche Regierung die Festnahme des Al-Kaida-Anführers Abu Anas al-Libi durch ein US-Sonderkommando gebilligt habe. Der Libyer soll 1998 an den Anschlägen auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania beteiligt gewesen sein.

Bei der Entführung im Hotel Corinthia, in dem viele Diplomaten und hohe Regierungsvertreter wohnen, fielen Wachleuten zufolge keine Schüsse. Es habe auch keinen Kampf gegeben. Der arabische TV-Sender Al-Arabija zeigte Bilder, auf denen Seidan finster dreinschaut und von einer Gruppe Männer in Zivilkleidung umringt wird.

Der Preis für Erdöl der Marke Brent stieg nach der Entführung. Der OPEC-Staat Libyen deckt seine Staatsausgaben großteils durch den Verkauf von Erdöl. „Alle beobachten die Entwicklung“, sagte der Rohstoff-Händler Ken Hasegawa von Newedge Japan. „Bisher sind die Lieferungen aus Libyen nicht unterbrochen, daher erwarten wir keinen abrupten Preisanstieg“.

Viele Landesteile Libyens gelten als unsicher

Seidan steht seit einem Jahr an der Spitze der Regierung. Zwei Jahre nach dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar Gaddafi ist das Land noch immer tief gespalten. Viele Regionen gelten als unsicher. Die Regierung versucht, den Einfluss rivalisierender Stammesmilizen und radikaler Islamisten einzudämmen, die unter anderem um die Kontrolle über das lukrative Erdöl kämpfen.

Die Miliz, die Seidan entführte, nennt sich Operationszentrale der libyschen Revolutionäre. Als Teil eines Wiedereingliederungsprogramms für frühere Rebellen sollte sie im Auftrag des Innenministeriums für Sicherheit in Tripolis sorgen. Die Gruppe erklärte, sie habe sich zu der Entführung entschlossen, nachdem US-Außenminister John Kerry erklärt habe, dass die libysche Regierung von dem US-Einsatz gegen Al-Libi gewusst habe. Sie warf der Regierung Korruption und Gefährdung der nationalen Sicherheit vor. Das US-Außenministerium erklärte, es stehe in engem Kontakt mit der libyschen Regierung. US-Elitetruppen hatten Nasih al-Ragie, der den Kampfnamen Al-Libi trägt, am Samstag festgenommen. Er wird auf einem Kriegsschiff im Mittelmeer festgehalten. (Reuters)