Sie hätte so gerne ein Foto mit dem Weltmeister, flüstert eine junge Frau. Der Weltmeister sitzt ein paar Meter entfernt, er nickt, kein Problem, steht auf, nimmt die Frau, deren Kopftuch fest das Gesicht umrahmt, an die Seite. Lächeln, fertig. Er kennt das schon. Die Frau ist nicht die erste, die schüchtern um ein Bild mit ihm bittet. Es ist Mittwochabend in der Werkstatt der Kulturen in Neukölln, eben hat die 24-Stunden-Lesung von Koran und Bibel begonnen. Viele Prominente nehmen teil, darunter der TV-Pfarrer Jürgen Fliege und die DJane Ipek Ipekcioglu.Um Autogramme bitten die Frauen, allesamt verhüllte Musliminnen, aber den Mann, dessen Name den meisten Menschen in Deutschland nichts sagen dürfte und dessen Züge ein bisschen an Daniel Craig erinnern, den James-Bond-Darsteller. In der muslimischen Welt ist Aziz Alili aus Zagreb ein Star. Er ist Weltmeister im Koran-Rezitieren. Das wichtigste Buch des Islam kennt er auswendig - seit seinem zehnten Lebensjahr.Koran-Rezitation ist im Islam eine Kunst, jedes Jahr werden weltweit Meisterschaften ausgetragen, an denen Vertreter aus bis zu achtzig Ländern teilnehmen. Bei dem religiösen Gesangswettbewerb geht es darum, wer die arabischen Verse am besten, also gefühlvoll und authentisch, vortragen kann. Viele Jahre lang dominierten die Ägypter den Ausscheid, berichtet Alili mit Hilfe eines Übersetzers. Doch weil man dank Filmen und Videos aus dem Internet die arabische Aussprache überall trainieren kann, haben inzwischen die nicht-arabischen Muslime aufgeholt.Alili ist 42 Jahre alt, bosnischer Muslim, hauptberuflich Chef-Imam in Zagreb. Er trägt kein traditionelles Gewand, sondern einen gut geschnittenen Anzug. Anders als viele deutsche muslimische Vorbeter hat er kein Problem damit, Frauen zur Begrüßung die Hand zu geben. Er ist zum ersten Mal in Berlin und hat sich in Neukölln umgeschaut. Da habe er sich wie im Libanon gefühlt, sagt Alili.Auf der Lesebühne sitzt er mit geschlossenen Augen und trägt die Verse der Sure 49 mit einer kräftigen Tenorstimme so leidenschaftlich vor, als hinge davon sein Leben ab. Es klingt klagend, ohne verzweifelt zu sein. Hinter ihm wird die Übersetzung eingeblendet, es geht um die Allmacht Gottes. Aber man muss den Text nicht verstehen, man muss nicht mal Muslim sein, um von dem Vortrag gebannt zu sein. Die Zuschauerinnen klatschen auch ganz begeistert. Gläubig, gut aussehend, er ist der muslimische Traummann. Manche seiner Vorträge wurden auf dem Internetportal Youtube über 44 000 Mal angeklickt. Er macht jeden Tag Atemübungen, um in Form zu bleiben, sagt Alili. Ganz wie ein richtiger Popstar.