Es herrscht Schweigen im Graefekiez in Kreuzberg, nicht aus Gleichgültigkeit. Es ist ein Schweigen des Entsetzens. Ein Kind ist in der Grimmstraße missbraucht worden, am Montag. Ein anderes Kind verschwand am Dienstag am Hermannplatz. Und Sandra Wissmann aus der Böckhstraße ist weg. Seit über einem Jahr. Ist sie tot? Lebt sie irgendwo als Gefangene? Oder, ist sie doch nur fortgelaufen und es geht ihr gut? Alle Fragen sind wieder wach. Fragen, die viele gern vergessen hätten, doch die neuen Fälle haben sie aus der Vergangenheit in die Gegenwart zurückgeholt.Im Kiosk in der Graefestraße nehmen die Bewohner des Viertels am Donnerstag fast stumm die Zeitungen mit. Fragt Ladenbesitzerin Neriman Özel, ob sie "das von dem Mädchen" gehört haben, sagen sie: "Ja, unerträglich" und gehen hinaus. Es ist kein Stoff für Gespräche über den Ladentisch. Am Donnerstagmittag wissen sie noch nicht, dass zumindest das verschwundene Mädchen vom Hermannplatz wieder da ist. Es tauchte am Mittwochabend auf. Seine Geschichte endete so, wie die Menschen im Kiez hofften: Die 13-Jährige hatte Angst nach Hause zu gehen, weil sie sich gegen den Willen ihrer Mutter eine lebendige Maus gekauft hatte. Sie fälschte die dafür erforderliche Genehmigung und bekam dann Angst vor der eigenen Courage. Sie lief zu ihrer Tante in der Neuköllner Okerstraße und meldete sich erst, als sie die Lautsprecherdurchsagen der Polizei hörte. Ein Happyend, das die Angst im Kiez nicht wegwischen kann. "Ich habe meinen Kindern eingeschärft, dass sie niemals mit Fremden mitgehen dürfen", sagt eine Mutter. Kioskbesitzerin Özel wacht in ihrem Geschäft darüber, dass kein Fremder einem Kind etwas kauft. Einmal kam ein Junge, den sie kannte, mit einem Unbekannten und wollte unzählige Süßigkeiten haben. "Schön, dass dein Onkel dir die bezahlt", sagte sie, worauf der Mann erklärte, er sei nicht verwandt mit dem Kind. "Gehen Sie sofort raus", sagte sie und schimpfte mit dem Jungen. "Nie, nie sollst Du einem Fremden folgen, weißt Du das denn nicht?"Das war kurz, nachdem Sandra nicht mehr nach Hause kam. Die 12-Jährige war losgegangen, um ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter zu kaufen. Es war der 28. November 2000. Ein paar Jugendliche meinten, sie danach noch gesehen zu haben. Vielleicht glauben deshalb ein paar Nachbarn, dass Sandra lebt. "Die ist nicht tot", sagt eine griechische Imbissbesitzerin, "Sandra war so ein nettes Mädchen, ich kann sie nicht vergessen." Immer noch hängt der Suchaufruf der Polizei in vielen Fenstern. Im Haus von Sandras Eltern ist er eingerahmt von sechs Fotos des Mädchens: Portraits, einem Urlaubsfoto mit Bergen, zwei Schnappschüssen. 20 000 Mark Belohnung sind ausgeschrieben, 10 000 von der Polizei, 10 000 von den Eltern. Aber niemand hat einen Hinweis."Seit dem Verbrechen an der Neunjährigen gibt es jetzt immerhin ein Phantombild", sagt Frau Özel. Sie hat es sich genau angeschaut, aber sie kennt den Mann nicht. "Wenn der es gesehen hat, hat der jetzt Panik und traut sich nicht mehr raus." Die Blicke, mit denen sich die Menschen im Kiez mustern, sind misstrauischer geworden. Es sei doch unwahrscheinlich, dass der Mann von weit weg kommt. Sicher lebt er mitten unter ihnen, denken viele.Ob es einen Zusammenhang zwischen dem Missbrauchsfall am Montag und dem Verschwinden von Sandra gibt, ist unsicher. Aber es sind zwei Verbrechen an Mädchen. Ist es derselbe Täter und würde er gefasst, könnte das die vielen Fragen zu Sandra beantworten. Die Unsicherheit und die Trauer um das Kind haben Spuren hinterlassen. "Seit das passiert ist, bin ich panisch geworden", sagt die Mutter einer 11-Jährigen, "kommt meine Tochter nur eine halbe Stunde zu spät, werde ich schon wahnsinnig." Die Jugendlichen sagen, dass sie vor nichts Angst haben im Viertel. Beim Namen "Sandra" werden aber auch sie ziemlich still.An der Grimmstraße, wo die Neunjährige missbraucht wurde, liegt ein großer Spielplatz. Er ist verlassen am Donnerstag. Zwischen Klettergerüsten und Schaukeln steht ein hölzernes Nilpferd mit weit aufgesperrtem Maul. "Eigentlich mag ich es, aber heute sieht es so aus, als wolle es die Kinder fressen", sagt eine Passantin, "ich wünschte, es könnte sagen, wohin der Täter verschwunden ist."BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Verzweifelte Suche: Am Elternhaus von Sandra Wissmann in der Böckhstraße hängen sechs Fotos der 12-Jährigen. Sie verschwand vor 14 Monaten.