Ein kurzes Gedächtnis gehört zu den hervorstechendsten Eigenschaften von Fußballfunktionären, und so ist es kein Wunder, dass Wolfgang Niersbach, Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), die jüngsten Äußerungen von Guido Tognoni als "Humbug" und "Blödsinn" klassifizierte. Der Schweizer, der einst selbst Mitglied des inneren Zirkels des Weltverbandes Fifa war und sich mittlerweile als Fifa-Dissident und -Kritiker inszeniert, hatte auf einem Kongress in Düsseldorf gesagt, dass die Bundesregierung vor der Vergabe der WM 2006 "für das Gewinnen der Stimme eines saudi-arabischen Delegierten kurzfristig das Waffenembargo aufgehoben" hatte.Nun, das ist weder Humbug noch Blödsinn, sondern wohl dokumentiert. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte nicht nur bei der Präsentation der deutschen Bewerbung im Sommer 2000 in Zürich 34 Minuten lang brav die Daumen gedrückt wie ein Schulbub, sondern auch den Export von 1200 Panzerfäusten an das autokratische Regime in Saudi-Arabien durchgesetzt. Wenig verwunderlich, dass das saudi-arabische Fifa-Exekutivmitglied Abdullah Al-Dabal, Mitglied des Herrscherhauses, dann für Deutschland stimmte. Einzige Ungenauigkeit in Tognonis Aussage: Es gab kein offizielles Embargo.Korruption und WillkürDie Akquirierung der WM 2006 durch die deutsche Politik, Sportpolitik und Wirtschaft vermittelt jedenfalls einen guten Eindruck von der bis heute üblichen Praxis bei der Vergabe sportlicher Großereignisse. Diese wird hierzulande immer dann heftig kritisiert, wenn sie nicht so ausfällt wie gewünscht, etwa im Fall der WM-Turniere Russland 2018 und Katar 2022. Der nächste Höhepunkt ist für den Sommer zu erwarten, wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC) den Ausrichter der Winterspiele 2018 bestimmt. Gewinnt München, war natürlich alles tipptopp sauber und fair, gewinnt Pyeongchang, darf man sich auf wochenlange Debatten über Korruption und Willkür freuen. Gewinnt Annecy, war bestimmt auch irgendwo etwas faul.Faul ist immer etwas bei diesen Dingen. Tognoni schlägt deshalb vor, die WM-Turniere im Fußball ab 2026 einfach per Losentscheid zu vergeben, nachdem vorher Inspektoren der Fifa nachgeschaut haben, ob alle Kriterien für eine Bewerbung erfüllt sind. Warum so kleinlich, Herr Tognoni? Wenn schon, sollte man gleich alle 208 Mitgliedsländer der Fifa in den Topf werfen. Wurde dann gelost, kann man immer noch schauen, wie die Sache zu bewerkstelligen ist. Anders wird es im Moment ja auch nicht gehandhabt. Bei Katar zum Beispiel hat man erst nach der Wahl bemerkt, dass es dort manchmal warm ist, und Fifa-Präsident Joseph Blatter weiß auch zwei Monate später immer noch nicht, wo ihm der Kopf steht. Gerade hat er sich unvermittelt für die WM 2022 im Sommer ausgesprochen, nachdem er wochenlang den Winter favorisiert hatte. Morgen kann alles schon wieder ganz anders sein.------------------------------Foto: Früher Kanzler: Gerhard Schröder.

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