Alle verdammen sie, aber keiner kommt ohne sie aus: Eine Lüge macht das Leben leichter: Nur nicht erwischen lassen

BERLIN, im Januar. Sie können Freundschaften, Beziehungen und nicht selten auch öffentliche Ämter kosten. Lügen gelten als niederträchtig, als Verrat und als Zeichen für Unmoral. Und dennoch: Alle machen es. Und alle wissen es, dass es alle machen. "Lüge nie, denn du kannst ja doch nicht behalten, was du alles gesagt hast!" riet Alt-Kanzler Konrad Adenauer.Ob er sich so streng an sein eigenes Gebot hielt, ist fraglich. Er deutet aber mit seinem Bonmot zumindest auf einen wesentlichen Punkt hin. Die eigentliche Schwierigkeit beim Lügen liegt darin, sich nicht zu verplappern und sich nicht beim Lügen erwischen zu lassen. Wenn die ehemalige Hamburger Landtagsabgeordnete Simone Dietz ein Buch mit dem Titel "Die Kunst des Lügens" (Rowohlt Taschenbuch Verlag) schreibt, mögen manche Politiker vielleicht insgeheim eine Handreichung und Anleitung erhoffen, mit der sie die vielen kleinen und manchmal auch großen Schwindeleien, wie sie allenthalben beispielsweise in Untersuchungsausschüssen behandelt werden, geschickter verbergen können.Der Nutzen der AlltagslügeDoch Simone Dietz, mittlerweile Philosophie-Dozentin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, hat mit ihrem Buch ganz anderes im Sinn. Politikerlügen wie jene etwa von Uwe Barschel in der Pfeiffer-Affäre, Roland Kochs erlogene Spenden aus jüdischen Nachlässen oder George W. Bushs Kriegsrechtfertigung in Form atomarer Bomben im Irak sind ihr nur ein Nebenkapitel wert. Stattdessen nimmt sie sich praxis- und lebensnah, zugleich aber philosophisch fundiert des allzu menschlichen Makels an und weist nach, dass das Lügen das Zusammenleben der Menschen um Einiges einfacher macht. Denn, Hand aufs Herz; wer hat nicht auf die Frage eines Gastgebers "Schmeckt s denn?" unwahr, aber möglichst glaubwürdig mit "Ganz köstlich!" geantwortet oder höflich Komplimente verteilt, wo sie wahrlich nicht angebracht waren?Die Alltagslüge, so weist Simone Dietz nach, verletzt keineswegs zwangsläufig grundlegendes Vertrauen, sondern bewahrt nicht selten vor Peinlichkeiten, Missverständnissen und unnötigen Komplikationen. Die Wahrheit, wie sie seit Jahrtausenden von Philosophen gesucht und als Gegenpart zur Lüge apostrophiert worden ist, sei zwar ein hoher Wert in unserem Leben, aber eben nur einer unter vielen. Manchmal zeugt die Lüge mehr von Höflichkeit, Respekt und Rücksichtnahme, als es die schonungslos nackte Wahrheit täte. Denn, "der Erfinder der Notlüge", fand auch James Joyce, "liebte den Frieden mehr als die Wahrheit." Aber nicht nur die Philosophin Simone Dietz plädiert für eine moralische Umwertung dieses "sprachlichen Phänomens" namens Lüge. An der Universität Regensburg beschäftigt sich seit 2001 ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Graduiertenkolleg zum Thema "Kulturen der Lüge" fachübergreifend mit diesem alten, aber stets aktuellen Thema. Rechtswissenschaftler und Germanisten, Psychologen und Theologen, Soziologen und Informationswissenschaftler haben sich in den vergangenen zwei Jahren mit der Lüge im Allgemeinen und bisweilen auch sehr speziellen auseinandergesetzt. Ein erster Zwischenstandsbericht liegt nun in Form eines von Mathias Mayer herausgegebenen Essaybandes vor (Kulturen der Lüge, Böhlau Verlag). Ein wahrlich sehr breit gefächertes Kompendium. Soziologen unterstützen dort Simone Dietz These, dass eine Gesellschaft letztlich nur mit der Lüge funktionieren kann. Ein Slawist erklärt, warum die Russen für die "Wahrheit" gleich zwei verschiedene Begriffe benötigen. Wir lernen die Funktionsweise des Lügendektektors kennen und dass Schummler durch schwitzige Hände, blasses Gesicht, aufgerissene Augen, allgemeine Erregung und erhöhte Herzschlagrate zu erkennen sind. Andererseits müssen wir erfahren, dass dies alles in der Praxis kaum etwas nutzt. Die Schwierigkeit des ErkennensIn einer empirischen Untersuchung sollten Menschen, die von Berufs wegen mit Lügnern zu tun haben - Richter, Psychiater, Geheimdienstangehörige und Polizisten aus dem Raubdezernat - bei inszenierten Verhören zwischen Lügnern und Nicht-Lügnern unterscheiden. Doch hatten sie überraschenderweise eine kaum höhere Erfolgsquote als die aus Laien bestehende Vergleichsgruppe. So einfach die Lüge zu erkennen wie in Carlo Collodis Märchen von Pinocchio, dem bei jeder Schwindelei eine lange Nase wächst, ist es im wahren Leben eben doch nicht - und wird oft auch gar nicht gewünscht. Als der Regisseur Egon Günther 1965 für seine Filmparabel "Wenn du groß bist, lieber Adam" eine Taschenlampe erfand, welche die Lüge sichtbar macht, war dies zwar nur eine Fantasie, den zuständigen Behörden in der DDR aber dennoch nicht ganz geheuer. Der Film durfte nicht fertig gestellt werden und wurde schließlich vom 11. Plenum des Zentralkomitees der SED ganz verboten.Große Worte über kleine Unwahrheiten // Goethe: Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.Bismarck: Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.Voltaire: Lügen ist nur dann ein Laster, wenn es Böses stiftet, dagegen eine Tugend, wenn dadurch Gutes bewirkt wird.Luther: Eine Lüge ist wie ein Schneeball - je länger man sie fortwälzt, desto größer wird sie.Mark Twain: Eine Lüge ist bereits dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.Ausstellungen zum Thema Lügen: "Lügen haben lange Nasen - Von Pinocchio und Co. " in der Sammlung Kindheit und Jugend (Wallstr. 32/Mitte, bis 12. 4. )."Bilder, die lügen" im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums (bis 1. 2. 2004).WDR Der Urvater aller Lügengeschichten: Baron Münchhausen.PRO SIEBEN Pinocchio kriegt eine lange Nase beim Flunkern.