Eugenes Escape" steht an der Tür im vierten Stock des Bürogebäudes im vornehmen Moskauer Süd westen. Heute scheint Jewgenij Kaspersky - der seinen Vornamen in Eugene anglisiert hat - den Zufluchtsort zu brauchen. Gerade ist der Chef der Internetsicherheitsfirma von einer fast zweimonatigen Kontaktpflegereise über vier Kontinente zurückgekommen. "Wenn ich so lange weg bin, kenne ich mich hier gar nicht mehr aus", sagt Kaspersky augenzwinkernd. Während er auf Reisen war, wurde eine Firma, die sich mit der Erkennung von Spam-Mails beschäftigt, räumlich integriert - da schafft es der Chef nicht immer, alle Kollegen auf dem Flur mit Namen zu begrüßen.Eine Geschäftsentwicklung wie die von Kaspersky sucht ihresgleichen. In den vergangenen Jahren ist der Umsatz jeweils um knapp achtzig Prozent gewachsen, inzwischen arbeiten fast 1 300 Mitarbeiter für die Firma, davon 800 in der Moskauer Zentrale. Mit einem Umsatz von 360 Millionen Dollar im vergangenen Jahr bietet die Firma längst den Großen der Branche wie McAfee oder Symantec (mit der Marke Norton) die Stirn. In Deutschland und Frankreich ist man nach eigenen Angaben inzwischen Marktführer bei Heimanwendern. Weltweit läuft das Programm nach Angaben der Firma bereits auf mehr als 250 Millionen Rechnern.Im Juni erhielt der 43-jährige Gründer und Geschäftsführer der Firma aus den Händen von Staatspräsident Dmitri Medwedew für seine Verdienste um die IT-Sicherheit den russischen Staatspreis - die höchste Auszeichnung der russischen Föderation für Einzelpersonen. Eine Genugtuung für Kaspersky, der lange beklagt hatte, dass seine Branche in der russischen Wirtschaftsentwicklung nicht recht wahrgenommen würde.Ausgebildet vom KGBTatsächlich war der Weg vom Computerfreak zum Gründer einer weltweit agierenden Software-Firma in der Sowjetunion steiniger als für seine Konkurrenten im Westen. Das erste Programm schrieb der 14-jährige Jewgenij Anfang der Achtzigerjahre noch für einen Großrechner. "Damals löste bei uns das Magnetband gerade die Lochkarten als Eingabemedium ab", erinnert er sich. Personalcomputer fanden in der UdSSR längst nicht die Verbreitung wie im Westen, was die weitere Entwicklung des jungen Elektronikfans beschwerlich machte.Immerhin erhielt Kaspersky nach einem Mathematikstudium eine Fortbildung an der Akademie für Kryptografie des Geheimdienstes KGB. Die Lehrzeit dort sei knallhart gewesen, berichtet Kaspersky, aber das erworbene Wissen habe er später kaum anwenden können. "Mein Interesse an Sicherheitssoftware wurde jedoch damals geweckt."Seinen ersten Virus erlegte Kaspersky 1989. Cascade war der Name des Schadprogramms, das der Firmenlegende zufolge seinen MS-DOS-Rechner befallen hatte. 1994 folgte das erste Software-Paket AVP, 1997 die Gründung der Firma Kaspersky. Bis zur Markführerschaft in Russland im Jahr 2000 war es da nicht mehr weit. Der internationale Erfolg kam mit der zunehmenden Notwendigkeit, Computer vor Viren zu schützen - und mit der weiten Verbreitung des Internets. Auf diese Entwicklungen reagierte Kaspersky zur rechten Zeit mit den passenden Angeboten.Die Internetkriminalität habe sich in den vergangenen zehn Jahren stark gewandelt, berichtet der Virenjäger. Um das Jahr 2000 hätten meistens Einzelgänger die Schadprogramme entwickelt - Programmierer, die zeigen wollten, was in ihnen steckt. Kaspersky: "Die hatten eine kindliche Freude daran zu sehen, wie sich ihr Virus verbreitet und es schafft, Daten auf den Festplatten zu löschen."Heute hingegen sei das Geschäft hochorganisiert und es werde viel Geld mit Viren verdient, berichtet der Software-Pionier: "Ein Hacker konstruiert einen Virus und verkauft ihn dann meistbietend im Internet. Der nächste Cyberkriminelle aktiviert den Übeltäter und schickt ihn auf die Reise, um Passwörter und Zugangsdaten zu erbeuten." Diese Daten werden anschließend auf einschlägigen Seiten im Internet feilgeboten. Die Käufer versuchen, damit Konten zu plündern oder auf fremde Kosten Bestellungen aufzugeben und Buchungen vorzunehmen. "Die Cyberkriminalität funktioniert wie die normale Software-Industrie, nur in illegaler Form", fasst Kaspersky seine Erfahrungen zusammen. Den weltweiten Schaden durch Cyberkriminalität schätzt er auf jährlich hundert Milliarden Dollar.Neben dem reinen wirtschaftlichen Schaden sieht Eugene Kaspersky künftig aber auch verstärkt eine Bedrohung durch terroristische Attacken. Der derzeit wohl gefährlichste Internetwurm Conficker gibt darauf einen Vorgeschmack. Mit vorher nicht gekannter Aggressivität und Perfektion legte der Schädling Anfang des Jahres Tausende von Computern lahm: Krankenhausrechner funktionierten nicht mehr, die Bundeswehr und das französische Militär mussten ganze Netzwerke abschalten: Kampfjets der Luftstreitkräfte blieben tagelang auf dem Boden. Auf hinterhältige Weise lädt der Wurm selbstständig immer mehr Schadsoftware nach und versucht mit bis zu 200 Attacken pro Sekunde andere Rechner im Netz zu erobern. Inzwischen lässt er sich zwar entfernen, die Epidemie allerdings ist längst noch nicht unter Kontrolle.Im rund um die Uhr besetzten Überwachungslabor neben Eugene's Escape klickt derweil auf dem Monitor der Zähler für neu entdeckte Viren immer weiter vorwärts. Tag für Tag tauchen bis zu dreitausend neue Viren auf. Von Hand läuft bei Kaspersky ebenso wie in Antivirenlabors andernorts nur noch wenig. Auf Servern in aller Welt installierte Roboter melden automatisch Verdächtiges an die Moskauer Zentrale; gelegentlich machen auch besorgte Kunden auf potenziell gefährliche Software aufmerksam. Bei Kasperky werden die Schutzcodes in aller Regel vollautomatisch in die Updates der Software eingearbeitet - 24 Mal pro Tag werden aktualisierte Versionen bereitgestellt.Virenjäger Alexej Molonow testet gerade im völlig abgeschotteten Isolationsraum einen besonders verdächtigen Programmcode. Man vermutet, dass er sich über die Funkverbindung Bluetooth verbreitet. Um sicherzugehen, wird das Programm auf einem Einzel-Laptop in einem durch Stahlwände abgeschirmten, gerade mal fünf Quadrameter großen Raum getestet - Bombenentschärfer gehen ähnlich vor.In den Tests einschlägiger Fachmagazine glänzt die Kaspersky-Software regelmäßig mit hohen Viren-Erkennungsraten. Groß ist der Abstand zu den Mitbewerbern allerdings nicht. Er reicht jedenfalls nicht aus, um die enormen Umsatzzuwächse der letzten Jahre zu erklären. Wo aber liegt dann das Erfolgsgeheimnis? "Es hat sich herumgesprochen, dass wir immer schon weniger auf Marketing, sondern auf die Entwicklung neuer Technologien gesetzt haben", sagt Kaspersky.Besonders stolz ist er auf die heuristischen Verfahren der Virenerkennung, die seine Firma entwickelt und patentiert hat. Dahinter stecken ausgeklügelte Rechenvorschriften, um Schadsoftware zu erkennen - auch dann, wenn sie noch nicht in den weltweiten Datenbanken als Virus identifiziert und verzeichnet ist. Durch Vergleiche mit bekannten Viren wird die Wahrscheinlichkeit eingeschätzt, mit der eine im Netz auftauchende Programmdatei schädlich ist oder nicht. Einerseits möchte man dabei natürlich möglichst viele solcher bisher unerkannten Viren herausfischen, andererseits darf man den Nutzer nicht mit zu vielen Fehlalarmen nerven. Das vom Mathematiker Kaspersky entwickelte Verfahren hat hier Maßstäbe gesetzt - was die meisten anderen Hersteller von Anti-Viren-Software dadurch anerkennen, dass sie es lizenziert haben. Mit hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung - in den vergangenen Jahren waren es im Schnitt siebzig Millionen Dollar - versucht die Firma, auch weiterhin technologischer Trendsetter zu sein.Mit dem Namen bürgenKasperskys Chef-Entwickler Nikolay Grebennikow räumt ein, dass neben aller Könnerschaft auch die Fokussierung auf die Person des Firmengründers, wie sie im Namen des Softwarepakets zum Ausdruck kommt, zum Erfolg beiträgt. "Internetsicherheit hat viel mit Vertrauen zu tun", sagt Grebennikow. Wer die Kaspersky-Internet-Security-Software herunterlade, tue das auch im Vertrauen auf die Person, die mit ihrem Namen für das Produkt bürgt. In Deutschland haben nach diesem Prinzip die Herren Dittmeyer und Darboven seit vielen Jahren gute Geschäfte gemacht. Dass es auch bei Kaspersky funktioniert, lässt sich daran ablesen, dass es - für eine IT-Security-Firma höchst ungewöhnlich - mehrere Kaspersky-Fan-Clubs gibt.Natürlich sind auch die Kaspersky-Labs von der Wirtschaftskrise betroffen. "Achtzig Prozent Wachstum werden wir dieses Jahr nicht schaffen", deutet der Vorstandsvorsitzende an. "Aber wir rechnen immerhin noch mit zweistelligen Werten". Konkreter möchte er nicht werden, und fast hat man den Eindruck, eine kleine Verschnaufpause komme ihm gerade recht - schließlich, so berichtet der Virenjäger, wird es auch in Russland immer schwieriger, gute Software-Ingenieure zu finden.Unterdessen zählen die Monitore im Kontrollraum nebenan stoisch die neu entdeckten Viren. Eugene Kaspersky lehnt sich im Bürosessel zurück - in dem beruhigenden Bewusstsein, Chef einer Firma zu sein, deren Geschäftsfeld auch morgen noch gefragt sein wird.------------------------------Mit diesem Beitrag beginnt eine Artikelreihe über Wissenschaft in Russland.------------------------------Foto : Für seine Verdienste um die Computersicherheit erhielt Jewgenij Kaspersky im Juni von Präsident Dmitri Medwedew den russischen Staatspreis. Das Foto entstand nach der Ehrung im Moskauer Kreml.

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