Große Augen, Kinderblick und Geschichten mit Untiefen. Jahrelang war Sarah Schmidt die einzige Frau auf den Lesebühnen Berlins. 1965 geboren, kam sie mit 11 Jahren nach Berlin, war Hausbesetzerin und kennt das alte Westberliner Kreuzberg als wäre es ihr eigenes Zimmer. Von diesem abgehangenen Wissen profitiert der Roman, auch wenn er die meiste Zeit gar nicht in Berlin spielt, sondern: auf Mallorca!Zwei junge Sozialhilfeempfängerinnen mit je einem zweijährigen, kränkelnden Kind sollen den Winter 1987 auf dringendes Anraten eines Kinderarztes nicht in Berlin verbringen. Die Kohleheizungen in Ost wie West verpesten die Luft, das kleine Mädchen ist immer erkältet, der Junge hat Pseudo-Krupp. Die beiden Mütter Josy und Maria, die auch zusammen wohnen, borgen sich das nötige Geld für den Urlaub vom Sparkonto der kleinen Tochter von Josy. Durch einen Versicherungsbetrug soll ihr das Geld später zurückerstattet werden. Mit den paar Kröten landen die vier in einem gottverlassenen Winkel Mallorcas, der um diese Zeit erst recht ausgestorben ist. Das Wetter ist mies, die Unterkunft erbärmlich und der Strand, auf den sich alle gefreut haben, ein Witz. Die Ich-Erzählerin Maria nennt ihn den Sozialhilfeempfänger unter den Stränden. Diese Umgebung soll nun für die nächsten acht Wochen das Paradies auf Erden sein. Aber den Kindern gefällt's. Die Tage sind öde, Maria und Josy saufen, was das Zeug hält, aber die Kinder verlangen einen verlässlichen Rhythmus, denoch gibt es immer wieder Momente, in denen alle vier glücklich sind. Große Freude kommt auf, als ein junger Mann in das Leben der beiden alleinerziehenden Mütter tritt. Nach acht Wochen außerhalb der Saison auf Mallorca geht es den Kindern viel besser als vorher und auch Maria und Josy sind aufgemöbelt. Alles könnte so weitergehen, ein bisschen schwermütig, aber beherzt und mit einem nicht unterzukriegenden Humor, wenn nicht ein bitteres Geschehnis alles für immer verändern würde."Dann machen wir's uns eben selbst" ist eine Tragikomödie mit Kindern ohne Kitsch: "Eis kaufen?" "Natürlich, heute dürft ihr so viel Eis essen wie wir wollen!"Einzelne Beschreibungen sind wundervoll, selten so guten Sex gelesen. Die Handlung ist insgesamt etwas holzschnittartig wie auch manchmal die Dialoge und hangelt sich von einem Ereignis zum nächsten. Aber die Autorin steht hundert prozentig hinter ihren beiden Hauptfiguren, und das trägt die Geschichte. Man lernt als Leser zwei Frauen kennen, mit denen man gerne befreundet wäre. Das Buch liest sich wie ein Script von einem Film, in den man unbedingt reingehen würde.------------------------------Sarah Schmidt: Dann machen wir's uns eben selber. Verbrecher Verlag Berlin 2004. 160 S., 13 Euro.