Berlin - Sie ist klein, beinahe zart und trägt eine viel zu große Brille. Aber wenn sie spricht, hat Ibthihal Younis nichts Gebrechliches. Von ihrem Stuhl blickt sie geradewegs auf das Bild ihres Mannes, das von einem Projektor an die Wand geworfen wird: Nasr Abu Zayd. Der große Koran- und Literaturwissenschaftler, der vor einem Jahr in Kairo verstarb, verkörperte jene Art von „Islamic Newthinking“, welche ihm 1995 nicht nur eine Verurteilung vor einem ägyptischen Gericht und die Annullierung seiner Ehe einbrachte, sondern weltweiten Respekt vor seiner wissenschaftlichen Modernität.

Seine Witwe sitzt nun bei einem Workshop im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen in einem Kreis von Gelehrten aus Südafrika, Iran, den USA, Libanon, Ägypten, Türkei und Indonesien, die Abu Zayds Vermächtnis fortführen wollen: den Islam neu zu denken.

In einer Zeit, in der in Nordafrika die Muslime ihre Despoten verjagen, soll nun auch die Freiheit eines neuen theologischen Denkens Einzug in die Köpfe halten. Gelingt es, den Islam interkontextuell zu begreifen? Die Gläubigen lassen sich nur allzu leicht verführen, die göttliche Botschaft des Koran in einem absoluten Sinne verstehen zu wollen.

Koran als historischer Gegenstand

Der Philologe Aziz al-Azmeh versteht den Koran hingegen in einem strikten Sinne als historischen Gegenstand, dessen Sinn sich durch eine hermeneutische Sprachanalyse ohne transzendente Setzungen herleiten lasse. Die Arbeit des Philologen bezieht das sprachliche, gesellschaftliche und kulturelle Umfeld des Textes in die Deutung mit ein. Nur eine radikale Historisierung des Textes, der zahlreiche irrationale Elemente beinhalte, so al-Azmeh, könne den Koran in die Gegenwart retten.

Die Hermeneutik wird in der islamischen Welt als „positivistisch“ diskreditiert. Der Iran, aber auch andere Länder, nehmen für sich in Anspruch, allein im Besitz der einzig korrekten Deutung der göttlichen Botschaft des Koran zu sein. Aus dieser Gefangenschaft wollen ihn die versammelten Wissenschaftler befreien.

Aber den Islam neu denken zu wollen, heißt auch, Klischees zu destruieren – wie etwa den pauschalierenden Blick des Europäers auf die islamisch geprägten Länder. Allzu leicht subsumiert der „westliche Beobachter“ alle Vorgänge, seien sie politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Natur, unter den Oberbegriff Islam. Al-Azmeh Aziz, ein filigraner Denker aus Damaskus, bezeichnet dies als die Islamisierung des Islam durch den Westen. „Der Westen glaubt, dass schlichtweg alles in den islamischen Ländern mit Islam zu tun hat.“ Und nimmt anderes nicht zur Kenntnis. „Auf dem Tahrir-Platz fragt hingegen niemand nach dem Islam“, sagt der deutsche Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani. Dort ging und geht es bemerkenswerterweise um konkrete Fragen von Demokratie, Bürgerrechten und Freiheit.

Eine neue Sicht auf den Islam

Andererseits, nicht nur der Westen will wissen, ob die islamischen Gesellschaften sich dem säkularen Leben öffnen können. Auch viele Muslime stellen diese Frage. Sadik al-Azm aus Damaskus erörtert zu diesem Zweck die Pflicht der Intellektuellen. Er selbst zählt sich zu den säkularen Vordenkern des Islam, und seine Aufgabe scheint er darin zu sehen, die arabischen Intellektuellen zurechtzustutzen.

Auf einen Reform-Islam in den arabischen Ländern zu warten, wäre wie Warten auf Godot: Das Ergebnis sei eher frustrierend. Al-Azm beklagt eine mangelhafte Debattenkultur: Wie im 9. Jahrhundert über den Koran diskutiert wurde, ob er eine göttliche Eigenschaft besitze oder nicht – das sei in der gegenwärtigen arabischen Welt unmöglich. Sie biete allein die Wiederholung tradierter Standpunkte. Und die fundamentalistischen und konservativen Deutungen unter den theologischen Gelehrten nehmen überdies zu.

Eine neue Sicht auf den Islam bei den Intellektuellen werde nur dann Kontur gewinnen, wenn eine Autorität auftritt und es ihnen vorgibt. Eine harte, ja beißende Kritik, die nicht von allen Teilnehmern des „Workshops“ geteilt wird – zumal sie einigen zu pauschal daherkommt. „Alle“ arabischen Intellektuellen … „Warum ist es dann in deinem Fall anders, du bist auch ein arabischer Gelehrter?“, fragt Asma Barlas, die in New York lehrt. Und doch hat al-Azm eine Hoffnung: Der sogenannte Euro-Islam unter den in Europa lebenden muslimischen Intellektuellen könne die Debatte in den arabischen Ländern beleben.

Mohammed und der Sozialismus

Das kann man zumindest vom europäischen Liberalismus nicht sagen. Er hat die Muslime kaum angesprochen, die islamisch geprägten Staaten haben sich eher vom Sozialismus inspirieren lassen. Der sogenannte dritte Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus fand seinen Höhepunkt in den 50er Jahren, als Gamal Abdel Nasser sich mit Hilfe der Militärs in Ägypten an die Macht putschte.

Abdolkarim Soroush, einer der einflussreichsten liberalen iranischen Denker, glaubt, dass der Marxismus als eine offenkundig säkulare Gesellschaftsform sich eher mit der Idee der sozialen Gerechtigkeit im Islam verbinden lasse als der Liberalismus mit den Ideen der Menschenrechte. „Mohammed galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Prophet der Sozialisten“, sagt der Philosoph, der lange an der Harvard University lehrte. „Im tiefsten Herzen waren selbst die reinsten Kleriker Sozialisten“.

Hermeneutik und Sprachphilosophie

Mit Wittgenstein den Koran auszulegen, das versucht der iranische Philosoph Mohammad Majtaed Shabestari, ein Mann mit Bart und schlohweißem Haar. Der heilige Text der Muslime soll mit Hilfe einer Sprechakt-Theorie analysiert werden. Doch Sprache braucht einen natürlichen Sprecher, einen menschlichen Akteur, so Shabestari. Damit wird einer der traditionellen Deutungen des Koran der Boden unter den Füßen entzogen: die verbale Inspiration des Propheten durch Gott. Bei Wittgenstein ist die Welt die Gesamtheit der Tatsachen: „Gott kann als metaphysisches Wesen aus sprachphilosophischer Sicht nicht dem Propheten in einer physischen Welt seine Gesetze mitteilen“, sagt der iranische Denker. Der Koran wird zu einer Kopie ohne Original.

Wie soll er dann verstanden werden? Mit Hermeneutik und Sprachphilosophie. „Alles soll interpretiert werden, nichts ist von selber klar“, lehrte der verstorbene Abu Zayd. Auch nicht der Koran als prophetische Lesart der Welt. Dies verdeutlicht zu haben – das ist auch ein Verdienst dieser ertragreichen Tagung.

Berliner Zeitung, 02.07.2011