Der nasskalte Samstagnachmittag gehört fraglos den "Dragon Boys". Durch die St. Mary Street, die zentrale und anderntags dicht befahrene Einkaufsstraße von Cardiff, schlendern heute Tausende Menschen in ihren feuerroten Trikots -dem Dress der walisischen Rugby-Nationalmannschaft, die an diesem Tag gegen Australien antritt. Bei manchem Fan der "Dragons", der Drachen, spannt über dem Bauch ein wenig der Stoff -den sinnigerweise der Name der bekanntesten walisischen Biermarke ziert. Ale und Stout fließen denn auch bereits vor dem Anstoß, dem "Kick-off", in Strömen, in den Pubs rund um das imposante Millennium Stadium im Herzen der walisischen Hauptstadt. An gutgelaunter Kundschaft mangelt es Tony Fitzpatrick folglich nicht. Einer nach dem anderen möchte sich von ihm an seinem kleinen Stand mitten in der Fußgängerzone für den Preis von zwei Pfund die Wangen mit einem gelben Känguru und dem roten Drachen, dem walisischen Wappentier, verzieren lassen. Kriegsbemalung vor dem friedlichen Wettstreit. Fitzpatrick, ein großer, hagerer Mann um die fünfzig, selbst mit roter Signalfarbenmütze versehen, bestreitet auf diese Weise seinen Lebensunterhalt, zieht Woche für Woche durchs Land, von einem Rugby-Spiel zum nächsten. Möglich ist das nur in einer Region, die der so urtümlich anmutenden Sportart derartig verfallen ist wie Wales.Das Land definiert sich über Rugby, zieht eine Menge Stolz aus der Leistung des Teams, das im Jahr 2008 zuletzt das traditionsreiche Six-Nations-Turnier gewann, die inoffizielle Europameisterschaft im Rugby. Für viele Waliser gibt es nichts Schöneres, als gegen England und Schottland zu triumphieren, den großen Brüdern im Vereinigten Königreich ein Bein zu stellen. Keine drei Millionen Einwohner hat das Land und es ist wohl nicht zuletzt dieser Tatsache geschuldet, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl hier besonders groß ist.Zwar ist "Caerdydd", so der walisische Name von Cardiff, erst seit 1955 Hauptstadt, doch war es bereits lange zuvor die wichtigste Metropole des Landes. Im Zuge der industriellen Revolution gelangte die Stadt zu einiger Bedeutung und war um 1900 gar der größte Kohleexporthafen der Welt. Doch das vergangene Jahrhundert brachte grundlegende Umwälzungen mit sich. Kohle verlor als Rohstoff an Wert und so schlossen nach und nach die Bergwerke, der letzte Untertagebau wurde schließlich im Jahr 2008 stillgelegt. Glyn Pleece war zwölf Jahre lang einer der "miners", der Minenarbeiter, und führt heute Besucher durch die verzweigten Stollensysteme des "Big Pit National Coal Museum" in Blaenavon, rund 40 Kilometer nördlich der Hauptstadt gelegen. Immer wieder begibt sich Pleece dort zurück unter die Erdoberfläche -90 Meter in die komplette Dunkelheit. Selbst heute muss jeder Besucher alle elektrischen Geräte vor der Fahrt hinab ins Dunkel abgeben. Denn noch immer gibt es Spuren von Metangas in den unterirdischen Gängen, die sich durch elektrische Signale entzünden und schlimmstenfalls zu einer Explosion führen könnten. Diese Gefahr bestand zu Pleeces Zeiten in der Mine täglich. "Es war insgesamt eine sehr harte Zeit, damals unter Tage", erinnert er sich. "Aber auch eine, die ich um nichts in der Welt missen möchte." Allzu große Sentimentalität lehnt er jedoch ab. Der Lauf der Dinge sei eben nicht aufzuhalten.Cardiff jedenfalls hat der Lauf der Dinge nicht geschadet, es hat den Absprung vom Geschäft mit dem Schwarzen Gold längst geschafft: Futuristische Gebäude bestimmen heute das Bild im einstmals als "Tiger Bay" verrufenen Hafenviertel. So beherbergt etwa das Millennium Centre seit sechs Jahren die nationale Oper, Theater und Ballett. Und das in einem aufsehenerregenden Bau, der mit seiner geschwungenen, metallisch schimmernden Schale und den verschiedenfarbigen Schieferplatten wie eine gigantische gestrandete Muschel anmutet. Schon seit zwanzig Jahren legt man in der walisischen Hauptstadt viel Wert auf Ökologie und Nachhaltigkeit -und erhielt folgerichtig im Jahr 2009 den "Sustainable City Globe Award", eine internationale Auszeichnung für nachhaltige Stadtplanung.Die Schadenfreude der DrachenAls an diesem frühen Samstagabend die Dämmerung über Cardiff einsetzt, strömen die Menschenmassen aus dem Millennium Stadium in die St.Mary Street, vorbei an Gebäuden, die anmuten, als hätte man hier die Jahrhunderte und architektonischen Epochen wild durcheinandergewürfelt: Hauseingänge mit kunstvollen gotischen Zackenbögen, Fassaden mit monumentalen, antikisierenden Dreiecksgiebeln über den Fenstern, und immer wieder lädt ein Torbogen unvermittelt ins Innere einer der insgesamt acht historischen Arkaden, für die die walisische Hauptstadt in ganz Großbritannien bekannt ist und den Titel "City of Arcades" trägt -elegante, glasüberdachte E inkaufspassagen aus dem Viktorianischen Zeitalter und der Edwardianischen Epoche, aus den Jahren zwischen 1837 bis 1914, als das Britische Empire seine letzte große kulturelle Hochzeit erlebte.Wales ist den australischen "Wallabies" heute Abend unterlegen, doch der Stimmung unter den Anhängern tut das keinen wirklichen Abbruch. Als am Abend die Kunde aus London kommt, dass auch England sein Spiel verloren hat, ist die Trauer erst recht verflogen. Auch Schadenfreude gehört eben zum emotionalen Repertoire der tapferen "Red Dragons".------------------------------SERVICEAnreise Germanwings und Airberlin fliegen von Berlin nach München, von dort aus bietet die britische Billigairline Bmibaby freitags und sonntags ab rund 30 Euro Flüge nach Cardiff an. www.bmibaby.comWales Das "National Coal Museum" hat täglich von 9.30 bis 17 Uhr geöffnet. Die "Underground Tours" finden zwischen 10 und 15.30 Uhr statt und dauern etwa 50 Minuten. museumwales.ac.uk/en/bigpitRugbyAm 4. Februar 2011 kommt es im Millennium Stadium zum prestigeträchtigen Bruderduell Wales gegen England.www.wru.co.ukWeitere Infos www.visitwales.de------------------------------Foto: Rugby ist in Cardiff, im wahrsten Wortsinn, im Herzen der Stadt zuhause: Von der Bay aus zeigt sich das Millennium Stadium in seiner ganzen Imposanz.