Esslingen - Vor dem Hospiz, direkt neben dem Friedhof, sitzen Rollstuhlfahrer an Bierbanktischen und stoßen mit Wulle-Bier an. Auf dem Elektrogrill brutzeln Bauchspeckscheiben und rote Würste. Noch einmal den Geschmack von Gegrilltem, gepaart mit etwas Malzigem, das hatte sich Jürgen Müller so gewünscht. „Super schmeckt’s“, lobt der 55-Jährige die Pflegeleiterin am Grill. „Aber noch besser wäre es natürlich mit echter Kohle.“

Müller ist ein Feinschmecker. Einer, der auch mal mäkelt, wenn es ihm nicht schmeckt. Selbst in diesen Tagen. Seit drei Monaten wohnt er im ersten Stock des Esslinger Hospizes, Zimmer Nummer acht. Er kam direkt aus dem Krankenhaus, war „austherapiert“, wie die Ärzte zu sagen pflegen. Die Chemotherapie hatte den Krebs nicht bekämpfen können.

Eine Zeit lang war ihm elend zumute bei dem Gedanken, nicht mehr nach Hause zu können, erzählt er. Da halfen auch das lichtdurchflutete Zimmer, der breite Fernseh-Flachbildschirm und die vielen Besucher nicht weiter. Zu begreifen, dass es hier zu Ende geht, sei für jeden zunächst brutal, sagen die Hospizmitarbeiter. Aber Jürgen Müller richtete sich wieder auf und ließ sich von seinen Cousins einen noch breiteren Flachbildschirm von zu Hause bringen. Das Wiederaufrichten kann er gut. Seine Mutter und seine zwei Brüder sind vor ihm gestorben.

Schmerzpumpe unterm Hemd

Müller ist von kräftiger Statur, immer noch, mit breitem Brustkorb und Oberarmen, die was stemmen können. Im Rollstuhl sitzt er nur, weil ihm wegen einer Thrombose das rechte Bein amputiert werden musste. Unter seinem T-Shirt versteckt trägt er eine Schmerzpumpe. Kontinuierlich fließen 0,5 Milliliter Analgetika pro Stunde in sein Blut, eine von Palliativmedizinern angeordnete Mischung aus Entzündungshemmern, Morphinen und Krampflösern. Sie nimmt den Schmerz, ohne dabei allzu müde zu machen. Jeder Bewohner hat seine eigene Rezeptur.

Es komme schon mal vor, dass die Schmerzpumpe abgelehnt werde, erzählen die Pflegerinnen. Sonst wisse man ja gar nicht, wann das mit dem Sterben losgehe, habe ihnen eine Dame mal erklärt. Jürgen Müller findet die Pumpe „eine klasse Sache“. Sie gibt ihm das Gefühl, Kontrolle ausüben zu können. „Wenn’s nicht so gut geht, drücke ich auf diesen Knopf, den Bolus“, erklärt er, „dann kriege ich eine Extra-Ration.“

Jeden Tag wird die Dosierung überprüft, von einem Arzt, dem man seinen Beruf nicht ansieht. Statt weißem Kittel trägt er Hemd und Hose, wie ein Bekannter, der nach dem Rechten sieht. Beim Wiederaufrichten halfen die anderen Bewohner, sagt Müller. „Mit der Andrea habe ich nachts vor der Tür den Mond angeschaut, ich mit ’nem Viertel Wein, sie mit ’ner Zigarette. So ein Gefühl hatte ich lange nicht mehr.“ Und mit der Marlene konnte er so gut reden, immer am Frühstückstisch, stundenlang. Beide Frauen sind vor kurzem gestorben. Das ist die Kehrseite im Hospiz. Man sieht die anderen gehen und wünscht den Angehörigen herzliches Beileid. Zurück bleibt die Angst vor dem eigenen Tod.

Manche Bewohner schlucken Psychopharmaka, um das auszuhalten. Müllers Zimmernachbarin zum Beispiel. Sie müsse ständig auf die Uhr an der Wand starren, sagt sie. „Ich schaue den Viertelstunden zu, wie sie verstreichen.“ In ihrer Schublade liegen Informationsbroschüren über aktive Sterbehilfe. Eine Freundin habe sie für sie ausgedruckt. „Ich würde den Mut dazu nicht haben“, sagt sie. Aber zu wissen, dass es möglich wäre, sei erleichternd.

Müller meidet es, über den Tod zu sprechen. Zum Bestatter ist er trotzdem gegangen. „Muss ja“, sagt er lediglich. Die Zeit, die ihm noch bleibt, will er sinnvoll nutzen. Sinnvoll heißt für ihn, sich nützlich zu machen. Deshalb spannen ihn die Mitarbeiter ein, wo es nur geht. Sie bitten ihn, das Besteck zu verteilen, oder lassen ihn Gemüse schnippeln.

Beim Zwiebelschneiden moniert er die Schärfe des Messers und bestellt für das Hospiz ein Damaststahlmesser. Auf seine Rechnung, versteht sich, per Handy. Stolz zeigt er sein neues Samsung-Smartphone. Seine Tante bringt ihm am selben Tag einen Schleifblock. Damit schärft er, was noch stumpf ist.

Ausflüge mit der Familie

Über Tatendrang freut man sich im Hospiz. Wenn ein Bewohner mit der Familie noch einmal einen Ausflug machen will, werden die Angehörigen über alle Eventualitäten aufgeklärt, aber nicht daran gehindert. Müller erzählt, wie er neulich seinen Neffen überredet habe, mit ihm zum Schrotthändler in Plochingen zu fahren, für den er zuletzt gearbeitet hat. Auf dem Gelände habe er riesige Baugruben gesehen. „Da geht’s richtig ab“, sagt er. Tagelang zehrt er von diesen Eindrücken.

Müllers Drang nach Freiheit kann auch Nerven kosten. Als er im Garten die Hortensien hinter der Sitzbank gießt, mit dem Beinstumpf auf der Bank balancierend, steht die Belegschaft nervös oben am Fenster. Und als er seine eingemottete Beinprothese wieder aus dem Schrank zieht, bitten zwei Pflegerinnen darum, ihn begleiten zu dürfen. Eine läuft hinter, die andere vor ihm.

Aktionen wie diese sind nur möglich, weil nahezu täglich eine ehrenamtliche Sterbebegleiterin im Haus ist. Sie sind nicht nur die guten Seelen des Hauses, sondern auch Kommunikationsexpertinnen, Psychologinnen, Meisterinnen der Wahrnehmung. „Wir versuchen zu erspüren, welche Bedürfnisse ein Sterbender hat“, sagt Frauke Hinkelbein-Stöckel, eine Ehrenamtliche. Das sind am Ende oft nur Wasser oder, auf einer anderen Ebene, Stille und Geborgenheit.

Während ihrer sechsmonatigen Ausbildung lernen die Sterbebegleiterinnen, sich ganz auf den Sterbenden einzustellen, ohne eigenen Plan, ohne etwas umsetzen zu wollen. „Wenn ich am Bett sitze, lege ich meine Hand unter die des Sterbenden. So kann er sie jederzeit wegziehen“, sagt Frauke Hinkelbein-Stöckel. Nicht jeder will am Ende Nähe.

Der Appetit kommt zurück

Manchmal flammen bei den Bewohnern kulinarische Sehnsüchte auf. Was machbar ist, wird erfüllt. Für Müller, der ab und an Heißhunger auf Matjes hat, fahren die Mitarbeiter zum Metro-Großhandel. „Da stimmt das Verhältnis zwischen Sahne, Apfelstücken und Zwiebeln“, sagt Müller. Für besondere Menüwünsche wie Gänsekeule oder Spargel kommt schon mal ein bekannter Esslinger Koch, Jörg Ilzhöfer, mit seinen Wärmebehältern vorgefahren.

Oft sind es jedoch die simplen Leckereien, nach denen sich die Bewohner sehnen: eine Aprikose, ein Stück Marzipan, gekochtes Eigelb. Werden die Bewohner durch Magensonden oder Infusionen ernährt, legen ihnen die Mitarbeiterinnen kleine Portionen in den Mund, zum Schmecken.

Anfangs aß Jürgen Müller noch wie ein Bär. Doch sein Appetit hat nachgelassen. An diesem Morgen knabbert er nur an einer Scheibe Hefezopf mit selbst gemachter Brombeermarmelade von seiner Tante. Auf seinem Handy spielt er ein Youtube-Video ab vom Abriss des alten Murrtal-Viadukts. „Der Kerl im Bagger, das bin ich“, sagt er. „Da fahre ich ’ne Liebherr, obwohl ich ja Caterpillar lieber mag.“

Er googelt seine Lieblingsmodelle. „Dieser da kann hundert Tonnen heben, das wäre mein Ding.“ Müller ist keiner, der am Ende seines Lebens Rechnungen offen hat und Bilanz ziehen muss. Er hat seinen Traumberuf gelebt.

Die Pflegerin Sabine Schöttner weist daraufhin, dass nicht alle Bewohner „so robust sind wie der Herr Müller“. Viele Bewohner zögen sich komplett zurück, weinten vor Verzweiflung, seien kaum noch ansprechbar. In dieser Phase brauchen auch die ausharrenden Angehörigen Zuspruch. Vor allem dann, wenn Sterbende ausgerechnet dann ihr Leben aushauchen, wenn sie kurz alleingelassen werden. „Das erleben wir bei solchen Menschen, die ihre Krisen auch zu Lebzeiten allein durchgestanden haben“, beobachtet die Leiterin Susanne Kränzle.

Andere Bewohner wiederum hoffen bis zuletzt. Sie bestellen teure Heilkräuter oder Spritzen mit hoch dosiertem Vitamin C. Im Hospiz lässt man sie gewähren. „Wir nehmen niemandem die Hoffnung“, sagt Kränzle. Zumal es schon vorkam, dass eine Bewohnerin im Hospiz wieder zu Kräften kam. „Wir mussten sie davon überzeugen, dass sie in einem Pflegeheim besser aufgehoben ist“, erzählt die Leiterin. Die Dame verließ die liebgewonnene Umgebung nur widerwillig. „Was kann ich denn dafür, dass ich nicht eher sterbe?“, habe sie geklagt. Heute fühlt sie sich wohl im neuen Zuhause. Es war die richtige Entscheidung.

Die letzen Sonnenblumen

Jürgen Müller verließen die Kräfte schlagartig. Am einen Tag schärfte er noch eifrig Messer am Schreibtisch, trank dabei Mezzo Mix und schaute dabei einen Film über Alligatoren im Discovery Channel. Am andern Tag konnte er sich kaum noch aufrichten. Zwei Tage lang schlief er, die Wachphasen wurden immer kürzer. In der dritten Nacht war es dann soweit.

Die Pflegerinnen können erkennen, wann die letzte Phase des Sterbens beginnt. Zum Beispiel an der Haut, die einen anderen Ton annehme. „Das beginnt oft an den Füßen“, sagt Sabine Schöttner. Bei Jürgen Müller waren es die Atemgeräusche, die das Personal alarmierten. An einem Donnerstagnachmittag bekam seine Tante einen Anruf: „Machen Sie sich auf alles gefasst.“

Acht Stunden lang saß seine Tante mit ihrem Mann und dem ältesten Sohn an seinem Bett. Noch einmal sei er aufgestanden. Er wehrte sich gegen das Einschlafen, er ahnte wohl, dass es kein Erwachen mehr geben wird. „Du bleibst aber da“, habe er noch zu seiner Tante gesagt.

Wenn ein Bewohner geht, stellen die Mitarbeiter eine Laterne vor dessen Zimmertür und zünden eine Kerze in der Gedenkecke an, direkt neben dem Speiseraum. So wissen alle gleich Bescheid. Für jeden Verstorbenen wird eine Trauerfeier organisiert. Auch die Zimmernachbarn und Mitarbeiter können dazu kommen. Vorher werden dem Toten die Kleider angezogen, in denen er sich wohlgefühlt hat.

Bei seiner Trauerfeier trägt Jürgen Müller ein schwarzes schlichtes Hemd mit kurzen Ärmeln, das sein Adlertattoo auf dem linken Unterarm freilegt. Ein verschmitztes Lächeln umspielt seinen Mund. Sonnenblumen bedecken die Decke. Das Zimmer ist unverändert. Auf dem Schreibtisch liegen geschliffene Messer, Briefe, das neue Handy. Wie immer, wenn ein Hospizbewohner stirbt, wird eines der Fenster geöffnet. Damit die Seele jederzeit hinaus kann.