Alrise Biosystems wollen Arzneien eine neue Hülle geben: Heilung passt in ein Kügelchen

Wenn es sein muss, passen Alrise Biosystems in einen VW Golf: Das Know-how in Gestalt der drei Gründer sowie alle Geräte zur Herstellung ihres Produkts: winzige Medizinkügelchen, stellt Alrise Biosystems her, die sich exakt einsetzen und dosieren lassen. "Dass eine Technik so einfach sein kann und trotzdem funktioniert, wollen viele Menschen nicht glauben", sagt Firmenchef Celal Albayrak. Folglich musste er eine Menge Überzeugungsarbeit leisten, um das von ihm verbesserte Verfahren zur Anfertigung von Miniarzneikapseln an den Mann zu bringen: eine Hülle aus biologisch abbaubarem Kunststoff, genannt Mikro- und Nanopartikel.Vor etwa fünf Jahren, als Albayrak und seine Mitgründer Heiko Seemann und Volker Rindler bei einem französischen Pharmakonzern vorfuhren, traute der dortige Projektleiter seinen Augen nicht: "Alles, was Sie brauchen, ist da im Auto?" Obwohl ihm dies wenig erfolgversprechend schien, durften sich die drei ans Werk machen. Ihre Arbeit überzeugte die Franzosen, das entwickelte Medikament ist bereit für klinische Tests.Und der Erfolg hat sich herumgesprochen: "Immer öfter treten große Pharmaunternehmen an uns heran, die sich für unsere Methode interessieren", freut sich Albayrak, der in der Türkei geboren ist und seit seinem 13. Lebensjahr in Deutschland lebt. Krisenstimmung kommt bei der auf dem Campus Berlin-Buch angesiedelten Firma nicht auf.Auf seine Geschäftsidee stieß Albayrak als Wissenschaftler bei Schering: "Ich sollte einen Wirkstoff verkapseln, aber das klappte nicht." Also durchstöberte der Chemiker und Physiker die Fachliteratur und stellte Berechnungen an. Schließlich erfand und testete er ein Verfahren, das sämtlichen Lehrbuchmeinungen widersprach und so in das Kreuzfeuer der Kritik geriet. Doch Albayrak ließ sich nicht beirren. Ihm war sofort klar, dass seine Entdeckung ein immenses Potenzial für pharmazeutische Anwendungen bereithielt. "Ich bin wahrscheinlich der Einzige in der 150-jährigen Geschichte von Schering, der freiwillig gekündigt hat um sich selbstständig zu machen", sagt der Unternehmer grinsend.2004 gründeten Albayrak, der Verfahrenstechniker Rindler und der Chemiker Seemann Alrise Biosystems. Der Name Alrise setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der Nachnamen des Trios zusammen, das seit 2001 ein Team ist. "Für den Standort Berlin haben wir uns vor allem wegen des herausragenden wissenschaftlichen Umfeldes entschieden", sagt Albayrak, der schon in Stuttgart, Aachen, München und in den USA gelebt hat.In firmeneigenen Laboren testen zwölf Techniker, Ingenieure und Biochemiker für ihre Auftraggeber Herstellungsverfahren für Medizinkugeln im Kleinen. Die Produktion im Großmaßstab übernehmen die Pharmafirmen selbst. Auf Wunsch arbeite man auch vor Ort mit Kunden zusammen. Zusätzlich tüftelt das Unternehmen an der Neuverpackung altbekannter Wirkstoffe, um diese zu vermarkten.Bisher werden Mikro- und Nanopartikel überwiegend in der Krebstherapie eingesetzt. Sie sollen hochgiftige Substanzen in Tumore dirigieren, und so das umliegende Gewebe schonen. Aber auch für leicht zersetzbare Präparate eignet sich die Arzneiform, oder um Wirkstoffe über längere Zeit freizusetzen, was Patienten häufige Tabletteneinnahmen, Spritzen oder Infusionen erspart. "Gängige Produktionsmethoden für diese Medikamente weisen noch viele Mängel auf" erklärt Albayrak, zum Beispiel würden dabei giftige Stoffe eingesetzt. Zudem schwankt die Qualität der Minikugeln und damit die von ihnen abgegebene Menge Wirkstoff. Das ist unvertretbar für ein Medikament, sagt Albayrak. Seine in sechs Patenten geschützte Methode vermeidet diese Probleme. Und spart zudem viel Zeit und Geld.Obwohl sich die Technik auch für andere Stoffe wie Waschmittel und Kosmetika anwenden ließe, konzentriert sich Alrise auf die Pharmazie. Hier lassen sich die höchsten Gewinne erzielen. "In den nächsten Jahre laufen viele Patente für Blockbuster von Pharmafirmen ab", sagt Albayrak. Es drohen Ausfälle von 40 bis 60 Milliarden US-Dollar. Eine Möglichkeit den Patentschutz zu verlängern ist, die Medikamente in anderer Form anzubieten - etwa als Kügelchen. Im zweistelligen Milliardenbereich liegen die Gewinnmöglichkeiten für Alrise, schätzt Albayrak. Würde ihr Verfahren von der Arzneimittelbehörde zum Goldstandard erhoben, da es ohne Gift auskommt, wäre noch mehr drin. "Schaun mer mal, wie es läuft", bringt es Albayrak in bester bayrischer Mundart zuversichtlich auf den Punkt. Geplant ist, dass von Alrise entwickelte Medikamente ab 2011 erhältlich sind.------------------------------0,00005 Milimeter messen die kleinsten Medizinkügelchen der Firma Alrise Biosystems.Foto: "Mut bedeutet für mich, gegen den Strom zu schwimmen." Celal AlbayrakGESUNDHEITSpritzen gibt es seit der Antike. Die erste Injektion ins Blut eines Menschen aber wagte ein Berliner Arzt Mitte des 17. Jahrhunderts. Ein Meilenstein war auch die Erfindung der Rekordspritze im Jahr 1906. Herkunft? Berlin. Gepikst wird immer noch, und geforscht mehr denn je: heute jedoch auf Gebieten wie der Kardiotechnik, der Lasermedizin und der Strahlentherapie. Die Region Berlin-Brandenburg ist Geburtsort und Wahlheimat vieler Unternehmen der Medizintechnologie, der pharmazeutischen Industrie und der Gesundheitsversorgung. Ein Jahresumsatz von über 14 Milliarden Euro und rund 350 000 Beschäftigte machen die Region zu einem Spitzenstandort der Branche. Der größte Arbeitgeber ist das Gesundheitswesen. Das Universitätsklinikum Charité (Foto), 1710 als Pesthaus gegründet, umfasst heute die Fakultäten der Freien und der Humboldt-Universität und gehört damit zu den bedeutendsten medizinischen Forschungs- und Lehrstätten Europas.