HIRSCHFELDE. Kein Punkt, kein Komma, die Frau spricht ohne Unterlass. Sie läuft über die ausgedehnten Weiden zu ihren Wasserbüffeln und erklärt en passant den Sinn artgerechter Nutztierhaltung. Wenn ihr Handy klingelt - und es klingelt oft -, unterbricht sie ihren Redefluss mitten im Satz. "Moor?" Sie klingt etwas genervt. Der Anrufer erfährt, dass sie wenig Zeit hat. "Bis morgen." Sie legt auf und fährt im Satz fort, als hätte sie nur kurz Luft geholt. Sonja Moor, 53 Jahre alt, Ökobäuerin und Ehefrau des Fernsehmoderators Dieter Moor, ist eine Macherin mit vielen Ideen. An ihrer Fellweste stecken Buttons der Slow-Food-Bewegung und einer Bürgerinitiative gegen Freilandleitungen. Was nur eine kleine Auswahl ihrer Anliegen ist.Wer viel vorhat, macht sich nicht nur Freunde, sondern stößt auch auf Widersacher, manchmal sogar Feinde. Das erleben die Moors dieser Tage in ihrer Wahlheimat Hirschfelde im Land Brandenburg. Streit auf dem Dorf gibt es immer, oft spielt er sich in dieser Gegend zwischen Einheimischen und Zugezogenen ab, zwischen Ostlern und Westlern, oder ökologische Bauern zanken sich mit ihren konventionell wirtschaftenden Nachbarn. In Hirschfelde liegen die Dinge ein bisschen anders. Der Ort mit seinen 300 Einwohnern liegt eine halbe Autostunde östlich von Berlin. Hier wollen die einen ihre Ruhe haben und die anderen in Ruhe etwas tun.Die Moors zählen zu Letzteren. Im Jahr 2003 waren sie nach Brandenburg gezogen, mit Hund und Katze, Ente und Esel. Der Schweizer Dieter Moor, bekannt als Moderator der ARD-Kultursendung "Titel, Thesen, Temperamente", schwärmte in einem Buch von seiner neuen Heimat. Seine Frau, die aus Österreich stammt, bis dato Film- und Fernsehproduzentin, sattelte beruflich um und wurde Diplom-Landwirtin. In Hirschfelde baute sie einen Bio-Hof nach den strengen Demeter-Richtlinien auf. Mehrmals im Jahr kommen Waldorfschüler aus Berlin und machen dort ein Landwirtschaftspraktikum.Selbst geschossene BüffelHirschfelde ist ein typisch märkisches Angerdorf mit einer alten Feldsteinkirche. Wer in der Mitte des Orts an dem idyllischen Weiher mit seinem schilfbewachsenen Ufer steht, hört hin und wieder einen Hund bellen oder einen Traktor vorbeifahren. Von Durchfahrtsverkehr wird das Dorf verschont. Ein dichtes Waldstück trennt Hirschfelde von der Bundesstraße B158.Sonja Moor hat sich vorgenommen, das verschlafene Hirschfelde in ein Modelldorf zu verwandeln. Mit ortsnah hergestellten Produkten soll die "regionale Wertschöpfungskette" belebt werden, wie sie sagt. "Ich habe mich gefragt, wie kriegen wir es hin, dass wir unseren Schinken nicht mehr aus Schleswig-Holstein importieren müssen." Die Bäuerin, die ihren Tieren das Kolbenschussgerät ersparen will, hat eine Sondererlaubnis, ihre Büffel und Galloway-Rinder auf der Weide selbst zu schießen. Die Tiere sollen vor Ort geschlachtet, das Fleisch in der Region verarbeitet und verkauft werden. Für Eier und Milch soll künftig das Gleiche gelten, dafür sucht sie Mitstreiter. Zudem soll die artgerechte Tierhaltung dem Erhalt von Naturschutzgebieten dienen. "Dann wird die Region attraktiver für Bewohner und Touristen, die Abwanderung wird gestoppt", prophezeit Sonja Moor. Aus der Idee ist inzwischen ein Konzept geworden. Erste Projekte wie etwa die Gründung einer Genossenschaft zur Wiederbelebung des alten Dorfladens sind bereits umgesetzt.Ähnliche Ansätze verfolgt auch das Ökodorf Brodowin, ganz in der Nähe. Heute, nach zwanzig Jahren, wirtschaftet Brodowin erfolgreich, mehr als fünfzig Arbeitsplätze wurden geschaffen. Sonja Moors Konzept konnte daher auch den Bürgermeister der Stadt Werneuchen überzeugen, der für Hirschfelde zuständig ist. Das Stadtparlament war ebenfalls beeindruckt. Alle Fraktionen - von der Linken bis zur CDU - stimmten im vorigen Jahr dem Konzept zu. "Ich habe eine Vorlage eingereicht, obwohl das rechtlich keine Voraussetzung war", sagt Sonja Moor. Denn Fördergelder der Stadt bekommt sie nicht. Sie habe das zur Absicherung getan, sagt sie.Trotz allem ist die Atmosphäre im Dorf vergiftet. Nicht jedem gefällt es, dass die Moors schon nach so kurzer Zeit 57 Hektar Land ihr Eigen nennen und weitere knapp 100 Hektar nutzen können. Es gab aber nicht nur Konkurrenz um die Viehweiden. Manch einer im Ort möchte einfach nicht in einem Modellprojekt wohnen. An den Wochenenden kommen immer mehr Besucher, die das Ökodorf sehen wollen. Einige Anwohner glauben, es müssten deshalb gar Parkhäuser gebaut werden. Es gingen sogar Gerüchte um, arabische Scheichs könnten sich in das Projekt einkaufen. Je konkreter die Planungen wurden, desto deutlicher traten die Differenzen zutage.Vor Kurzem lag dann ein Zettel im Briefkasten der Moors. "Haut ab ihr Arschlöcher, ihr hässlichen, grobschlächtigen, vorlauten Schweizer", stand darauf. Und: "Ihr habt hier nichts zu suchen, wenn ihr das nicht begreift, dann helfen wir nach." Am Tag, als der Drohbrief einging, fand Sonja Moor auf einer ihrer Weiden ein verletztes Schaf. Jemand hatte ihm so hart auf den Kopf geschlagen, dass ein Auge herausgerissen war. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Eberswalde wegen Nötigung und Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz.Auf solch einen Widerstand waren die Moors nicht gefasst. Mit der Schweiz hatten sie gebrochen, weil sie ihnen zu bieder war, zu kleinbürgerlich, zu korrekt. In seinem Brandenburg-Buch lobt Moor die neuen Nachbarn dafür, dass sie so "unverbogen" seien. Hirschfelde trägt bei ihm den literarischen Ortsnamen Amerika. "Amerika ist viel besser, als ich es mir hätte ausmalen können", schwärmt der Autor. "Ihr seid nicht nur hilfsbereit, ihr helft tatsächlich, wenn Hilfe nottut. Ihr respektiert einander. Ihr haltet zusammen." Neben dem Haus der Familie Moor weht der Brandenburger Adler - es ist der einzige im ganzen Ort.Drei Tage, bevor Sonja Moor den Drohbrief erhielt, war im Spiegel ein recht hämischer Artikel über ihren Mann und sie erschienen. Bis dahin hatte es fast nur wohlwollende Reportagen über die Biobauern gegeben, Hofberichterstattung eben. Das Paar hatte seine Medienkompetenz durchaus genutzt, um sich in Szene zu setzen. Der Spiegel aber sah die Sache anders. Gezeichnet wurde das Bild vom Kampf der Ureinwohner gegen die Zugezogenen, von den Zaungästen, die hilflos zusehen müssen, wie ihr Dorf von dem Fernsehmann okkupiert wird.Die Widersacher der Moors feierten das als ersten Sieg im Kampf gegen das Prominenten-Paar. Sie luden zu einer "Spiegel-Party" ins Gemeindehaus ein. Wie eine Trophäe hingen Kopien des Artikels entlang der Dorfstraße. Schon zuvor hatten in einigen Fenstern Zettel gehangen mit Aufschriften wie "moorfreie Zone", "No Moor" und "Schluss mit Moor". Die wurden allerdings abgehängt, als die Polizei ermittelte.Seit dem Spiegel-Artikel will sich Dieter Moor zu den Feindseligkeiten nicht mehr äußern. Ohnehin ist es seine Frau, die auf dem Hof den Ton angibt. "Wie viel verschwendete Energie", sagt sie und wirkt zum ersten Mal etwas müde. Sie steckt sich eine Zigarette an und krault ihre schwarz-weiße Katze, die auf den Küchentisch gesprungen ist.Wie konnte es soweit kommen? Eskaliert war der Streit im letzten Sommer, als die Moors die Organisation des jährlichen Dorffestes in die Hand genommen hatten. Dank ihrer Kontakte kamen diesmal statt ein paar hundert zirka 8000 Besucher. Der RBB, für den Dieter Moor die Sendung "Bauer sucht Kultur" moderiert, berichtete live.Mancher im Dorf war nicht nur überfordert, einige fühlten sich einfach an den Rand gedrängt. "Ich kam mir vor wie ein Zootier", sagt Roberto Herold, der in der Ortsmitte wohnt. Die Leute der Freiwilligen Feuerwehr waren beleidigt, weil sie nur den Autoverkehr regeln sollten. "All die Helfer wurden im Fernsehen mit keinem Wort erwähnt", sagt Ortsvorsteher Lothar Ast. Die "Schluss mit Moor"-Zettel hätten ihn dann aber doch entsetzt, weil er die Moors eigentlich schätze. Das Ganze sei offenbar ein Rachefeldzug der Modelldorfgegner.Zu diesen gehört Regina Merkel. Sie wohnt in Sichtweite des Moor'schen Hofs, auf der anderen Seite der Dorfpfuhle. Die 54-Jährige, die in Berlin als Krankenschwester arbeitet, zog vor fünf Jahren aus Nordrhein-Westfalen hierher. "Zu den Moors persönlich bin ich neutral eingestellt", sagt Regina Merkel. Allerdings hatte auch sie ein Anti-Moor-Plakat im Fenster. Dann wird sie etwas deutlicher: Die Moors und ihre Freunde, das sei eine "Spezi-Gesellschaft". Den ganzen Rummel würden sie vor allem veranstalten, um ihren Hof zu vermarkten. "Die Produkte, die Frau Moor herstellt, sind deutlich jenseits unserer Preisklasse", sagt sie. Um Hirschfelde ginge es den Moors gar nicht so sehr. "Das ist viel heiße Luft."Anfangs hatte Regina Merkel sogar im Modelldorf mitgemacht, als es darum ging, den geschlossenen Dorfladen wiederzubeleben - ehrenamtlich und genossenschaftlich bewirtschaftet. Das Projekt fand sie gut, sagt sie. Doch dann haben sie sich wegen Kleinigkeiten überworfen. "Mit Kritik kann Frau Moor nicht umgehen", sagt Regina Merkel. Die persönlichen Animositäten sind dorfbekannt. Man spricht durchaus von "Zickenkrieg". Nicht nur Sonja Moor, auch ihre Widersacherin sei sehr resolut.Inzwischen findet Regina Merkel allerdings auch Sonja Moors Ideen falsch, das Modelldorf hält sie für ein "ernstes Problem". Grundsätzlich sei die ökologische Ausrichtung zwar richtig. Doch dann, befürchtet sie, würde sich im Dorf Gewerbe ansiedeln, es käme zu Geruchs- und Lärmemissionen, wie sie es nennt. Hirschfelde aber sei ein Wohndorf, sagt sie. Die Anti-Moor-Gruppe, die Regina Merkel als Interessengemeinschaft bezeichnet, bestünde aus sieben, acht Leuten. Ihnen verbunden fühlt sich auch ein Rechtsanwalt aus Frankfurt am Main, der die Interessen der kleinen Gemeinschaft klagefreudig vertritt. Die alteingesessenen Hirschfelder hielten sich dabei eher zurück. "Die sind es nicht gewohnt aufzustehen. Das zeigt die Geschichte", sagt sie.Schäbige NachbarnHaben die alten Dorfbewohner Angst, ihre Meinung zu sagen? Gerhard Wittstock, Hirschfelder seit seiner Geburt vor 76 Jahren, läuft im Gesicht rot an, als er über die Kampagne gegen die Moors spricht. "Sowas hat's in diesem Dorf noch nie gegeben", sagt er. Schäbig sei das Verhalten einiger Nachbarn. "Die Moors stören überhaupt nicht, die tun keinem Menschen was."Gerhard Wittstock ist überzeugt, dass die Einwanderer aus der Schweiz dem Brandenburger Dorf gut tun, es voranbringen. Andere Gemeinden würden sich über so viel Initiative freuen. Seine eigenen Nachbarn kann er nicht verstehen: "Wir wollen Tourismus, wir wünschen uns mehr Besucher, wir demonstrieren, weil man uns die Eisenbahn wegnimmt - und wenn am Wochenende die Leute kommen, regt man sich auf, weil man seine Ruhe haben will." Das "man" bezieht der Rentner allerdings nicht auf die alteingesessenen Bewohner - von einem Aufstand der Hirschfelder, wie nicht nur im Spiegel zu lesen war, will er nichts wissen.Das sieht auch Ortsvorsteher Lothar Ast so. "Das sind alles Zugezogene, die bringen sich ins Dorfleben kaum ein." Eine Minderheit sei das. Auch er hat Sonja Moors mitunter dominanten Umgangston schon zu spüren bekommen, auch er legte sich schon mit ihr an. Ihr Engagement schätzt er dennoch. Als auf ihre Idee hin die Dorfladen-Genossenschaft gegründet wurde, kaufte er Anteile, um das Projekt zu unterstützen. Jetzt sorgt er sich, dass die Modelldorf-Gegner aus Hirschfelde ein Schlafdorf machen wollen. "Die Leute müssen ins leere Oderbruch ziehen, wenn sie ihre Ruhe haben wollen." Trotz der mittlerweile tiefen Gräben zwischen den zankenden Parteien hofft der Ortsvorsteher noch auf Verständigung. "Man muss miteinander reden."An Sonja Moor sollte es nicht liegen. Reden kann sie wie keine Zweite im Dorf. Als vor ihrem Küchenfenster ein Traktor vorbeifährt, winkt sie hinaus. Es ist ihr Nachbar Andreas Ptaschnik, neben ihr der einzige ortsansässige Bauer. Er bewirtschaftet seine Felder konventionell, düngt mit Stickoxiden. Trotzdem hätten sie ein gutes Verhältnis zueinander, sagt sie, teilweise würden sie sogar zusammenarbeiten - sie, die Ökobäuerin, er, der Landwirt alter Schule. "Der muss seinen Ertrag haben, sonst kann er zusperren", sagt Sonja Moor mit ihrem Wiener Akzent. Die Brandenburger Streusanddose sei mit den fruchtbaren Böden im Alpenvorland nicht vergleichbar. Sie wolle ihren Nachbarn nicht bekehren.Modelldorf? "Ich weiß gar nicht, was Sonja damit vorhat", sagt Andreas Ptaschnik, der manchmal auf einen Kaffee in ihre Küche kommt. Der 38-Jährige bewirtschaftet fast 300 Hektar des trockenen Ackerbodens rund um Hirschfelde, früher die LPG-Fläche. "Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig", sagt der Bauer. Er hat ganz andere Sorgen.------------------------------Foto: Sonja Moor mit einem ihrer Wasserbüffel. Die Frau des Fernsehmoderators Dieter Moor betreibt eine Biolandwirtschaft in der Nähe von Berlin.Foto: Der Fernsehmoderator Dieter Moor auf seinem Bauernhof in Hirschfelde im Landkreis Barnim------------------------------KORREKTUR- In der Reportage "Vergifteter Boden", erschienen auf Seite 3 der Donnerstagausgabe, hieß es, im Ökodort Brodowin seien nach der Wende 50 Arbeitsplätze geschaffen worden. Richtig muss es heißen, dass durch das Modelldorf 60 Arbeitsplätze der ehemaligen LPG erhalten wurden. - 06.05.2011