Montag, 30. April 1945, Reichskanzlei.In den letzten 24 Stunden seines Lebens findet Adolf Hitler keinen Schlaf. Am 30. April '45 sind Tag und Nacht im teils modrigen, teils staubtrockenen Bunker unter der Reichskanzlei nicht mehr zu unterscheiden.Um 1 Uhr nachts teilt der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Feldmarschall Keitel, Hitler per Funk in dürren Worten mit, daß alle Versuche deutscher Truppen, nach Berlin vorzudringen, gescheitert sind. Das ist das Ende. Eine Stunde später erhalten 20 Bunkerinsassen Befehl, nicht zu Bett zu gehen. Um halb drei sammeln sie sich im Lagebunker.Mit verwüstetem gelbgrauen Gesicht verabschiedet sich Hitler von seinen engsten Mitarbeitern. Er flüstert Unverständliches. Dann zieht er sich mit Professor Haase, einem seiner Ärzte, zu einem stundenlangem Gespräch in ein Nebengelaß zurück. Alkohol fließt In der höher gelegenen Kantine fließt in dieser Nacht der Alkohol. Generale und SS-Führer verbrüdern sich. Aus Plattenspielern dröhnt so laut Musik, daß eine SS-Ordonnanz im Auftrag Hitlers bittet, sich ein bißchen zu mäßigen.Um 6 Uhr befiehlt Hitler im schwarzseidenen Morgenmantel den Kampfkommandanten von "Zitadelle", SS-General Mohnke, zum Rapport. Seine erste Frage lautet: "Mohnke, wie lange können Sie noch halten?" "24 Stunden, mein Führer", antwortet dieser und berichtet, daß die Russen nunmehr das Hotel Adlon an der Kreuzung Wilhelmstraße/Unter den Linden erreicht haben, in die U-Bahnschächte unter der Friedrichstraße und sogar unter der Voßstraße eingedrungen sind.Doch nicht der Reichskanzlei gilt der im Morgengrauen eröffnete russische Großangriff, wie Hitler und Mohnke befürchten, sondern dem Reichstag. Den Rotarmisten gilt er seit seinem Brand im Februar 1933 als Inbegriff der braunen Diktatur und seine Einnahme deshalb als Krönung des militärischen Triumphs in Berlin.Seit 8 Uhr liegt die Reichskanzlei wieder unter Trommelfeuer. Die Belüftung saugt brandigen Trümmerstaub in den Bunker. Hitler wandert ruhelos durch die Katakomben der Reichskanzlei. Ihn, der Abermillionen Menschenleben auf dem Gewissen hat, entsetzt der Gedanke an den eigenen Tod. Das letzte, was er tut, ist, an seinem Mythos zu weben. Deshalb weist er den Vorschlag seines Chefpiloten Baur schroff zurück, sich mit einer Ju 290 nach Übersee ausfliegen zu lassen. Er schärft seinen Adjudanten vielmehr ein, daß von seinem Leichnam keine Spur übrig bleiben dürfe, verteilt an Mitarbeiter Giftkapseln und warnt sie vor den Schrecken russischer Gefangenschaft und Folter.Die letzte Lagebesprechung am Mittag bietet ihm keinen Lichtblick. Generalstabschef Krebs gesteht, der Ring sei sehr eng geworden. Um das Rote Rathaus wird gekämpft, um den Bahnhof Friedrichstraße ebenfalls. Der Anhalter Bahnhof sei gefallen, und die Sowjets kontrollieren nunmehr beide Seiten der Leipziger Straße. Letzte Bastionen des Widerstandes bilden der Gendarmenmarkt, das Reichsluftfahrtministerium und die Reichskanzlei. Von ihr verläuft die Front knapp hundert Meter entfernt.Daraufhin erteilt Hitler seinen letzten Führerbefehl an den Kampfkommandanten Berlins, General Weidling. Er verbietet ihm zu kapitulieren, erlaubt jedoch den Ausbruch aus der Trümmerwüste Berlin in kleinen Gruppen. Die Ausbrecher sollen sich der noch kämpfenden Truppe außerhalb Berlins anschließen oder den Kampf in den Wäldern fortsetzen.Um 14 Uhr nimmt Hitler sein letztes Essen im Kreis seiner Sekretärinnen und seiner Diätköchin Constance Manzialy ein. Er bleibt seinen vegetarischen Gewohnheiten treu und läßt Spaghetti mit leichter Tomatensoße auftragen. Kurz nach 15 Uhr verabschiedet sich das Ehepaar Hitler endgültig von seinen Getreuesten, darunter Goebbels, Bormann, Krebs und Burgdorf.Was sich dann, wenige Minuten vor 15.30 Uhr, im Wohnzimmer Hitlers abspielt, kennt keine Zeugen. Wie Hitler zu Tode kam, ist seit fünf Jahrzehnten Gegenstand vielfacher Vermutungen, in die stets auch politische Kalküle hineinspielten. Dönitz gab am 1. Mai die Legende aus, Hitler sei im Kampf um Berlin gefallen. Das war eine Lüge. Von sowjetischer Seite wurde seit den sechziger Jahren behauptet, Hitler hätte Gift genommen und nachträglich einen Fangschuß befohlen. Eines der Hauptmotive dieser Version bestand darin, den Hauptkriegsverbrecher Nr. 1 auch moralisch zum Feigling zu stempeln. Die meisten Forscher gingen davon aus, daß sich Hitler selbst durch eine Pistolenkugel getötet hat. Eine weitere Version besagt, daß Hitler einen kombinierten Selbstmord auf zweifache Weise (mittels Kugel und Giftkapsel) begangen hat. Jüngste russische Angaben über verschiedene Obduktionsberichte legen die Annahme nahe, daß Hitler sich selbst erschossen hat, während Eva Braun Gift nahm.Im Garten der Reichskanzlei werden die Leichen des Ehepaars Hitler mit 200 Litern brennendem Benzin "bis auf kleinste Reste" eingeäschert. Eine restlose Beseitigung seiner Überreste, wie von Hitler immer wieder gefordert, unterbleibt in jenen apokalyptischen Tagen des Unterganges des NS-Regimes in Berlin. Jedermann denkt nur an sein eigenes Überleben, nicht mehr an den toten Diktator. Verkohlte Reste Kurz vor 23 Uhr werden die verkohlten Reste beider Leichen auf eine Zeltplane geschoben, in einen Granattrichter geschüttet und mit einem Holzstampfer ins Erdreich gedrückt.Im Bunker übernehmen nunmehr Goebbels und Bormann die Regierungsgeschäfte. Goebbels will seinen schon vor Tagen geäußerten Gedanken in die Tat umsetzen, ob er nicht mit den Sowjets "Kippe" machen könne: Er bietet ihnen ein Separatabkommen an, will eine Regierungsübernahme durch die "Verräter" Göring und Himmler verhindern. Bormann, voll mörderischem Haß, will Zeit gewinnen. Weidling wird von der Bendlerstraße wieder in die Reichskanzlei befohlen. Dort teilt ihm Goebbels um 20 Uhr den Tod Hitlers mit und verbietet ihm den Ausbruch.Weidling fügt sich, widerwillig zwar, aber immer noch gehorsam. Nun informiert Bormann Dönitz um 20.14 Uhr in einem bewußt unklar gehaltenen Fernschreiben, daß Hitler ihn, Dönitz, anstelle von Göring zu seinem Nachfolger eingesetzt habe.Um 1.22 Uhr des 1. Mai gelobt Dödem längst verscharrten Hitler: "Mein Führer! Meine Treue zu Ihnen wird immer und unabdingbar sein." Von Professor Olaf Groehler erschien jüngst das Buch "Die Neue Reichskanzlei. Das Ende.", Brandenburgisches Verlagshaus. +++