Mit seinen vielen Kinos und einigen Theatern galt der Kurfürstendamm lange als Broadway von Berlin. Schluss mit allgemeiner theatraler Lustigkeit war auf der Amüsier- und Flanierstraße Berlins allerdings spätestens 1944 nach dem Ende des Kabaretts der Komiker. Nach 1945 ging es heftig zu bei den ersten Theaterschlachten.Gestritten wurde am Kurfürstendamm aber nicht um Politik oder Unterhaltung, Sinn oder Stil. Sondern ums Geld. Währungsreformen bremsten das Aufblühen der Berliner Theaterlandschaft, Privattheater wie die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm mussten zeitweilig aufgeben.Als die Freie Volksbühne, westlicher Teil der nunmehr zweigeteilten Organisation, Anfang 1949 Max Reinhardts ehemaliges Theater am Kurfürstendamm übernahm, gab es massive Diskussionen um die staatliche Unterstützung. Zugleich laborierte die Volksbühne, die als Besucherorganisation nur ein sechsköpfiges Ensemble besaß, an ihrem Grundproblem: Ein inhaltlich wie ästhetisch avantgardistischer Anspruch traf auf ein Publikum, das vor allem Unterhaltung wollte. So schlingerte die Volksbühne am Kudamm ohne Profil mit wechselndem Erfolg unter Intendanten wie Oscar Fritz Schuh und Rudolf Noelte dahin. Dann aber landete sie einen Coup mit der Verpflichtung von Erwin Piscator. Dessen aus linker Gesinnung geborene, ästhetisch innovative Inszenierungen waren in der Weimarer Republik heftig diskutierte und umstrittene Ereignisse. Piscator begann am Kudamm kühn mit Gerhart Hauptmanns "Atridentrilogie". Seine Uraufführung von Rolf Hochhuths "Der Stellvertreter" am 20. Februar 1963, mit der sich die Volksbühne vom Kudamm in die Schaperstraße verabschiedete, war ein Paukenschlag. Der Streit um das von Piscator klug um die Hälfte gekürzte Stück und der Ruhm des Werkes strahlten vom Kurfürstendamm hinaus in die weite Welt. Für den Kudamm kam in der Komödie und dem Theater am Kurfürstendamm wieder die Zeit des Boulevardtheaters. Die Theateravantgarde fand einen Raum im 1. Stock in einem Neubau, direkt über den Schauräumen von Mercedes, Ecke Knesebeckstraße. Hier wurde im Forum Theater ein weitgehend vergessenes, aufregendes Kapitel Berliner Theatergeschichte geschrieben.Das erste Forum Theater wurde im Oktober 1961 eröffnet und war schon im Frühjahr 1962 pleite. Darauf fanden sich vier "Selbstmordkandidaten", wie Boleslaw Barlog, Intendant der Staatlichen Schauspielbühnen, meinte, die gleich im September einen Neuanfang wagten. Das Forum bot im besten Fall 180 (schlanken) Zuschauern Platz, aber wenig Luft. Als Student war man hier Stammgast. Denn das Forum war eine zeitkritisch engagierte Bühne, die sich allen modernen Theaterformen und politischen Konflikten stellte, auf Guckkasten-, Arena- oder Raum-Bühne. In seinen 13 Jahren bot das Forum 66 Eigenproduktionen, davon waren 15Ur- sowie 17 deutsche und 26Berliner Erstaufführungen! Man zeigte Toller, Bruckner, Horvath, Rühm, Arrabal, Queneau, Camus, Iredynski, Gatti und Gombrowicz und holte Bühnen wie das Bread and Puppet Theatre, Fassbinders Münchener Antitheater und das New Yorker Living Theatre nach Berlin. Mit Peter Handke feierte man solche Erfolge, dass sich bis heute die Meinung hält, sein Forums-"Kaspar" sei dessen Uraufführung gewesen. Die aber fand kurz zuvor in Frankfurt statt. Immerhin erreichte die Berliner Inszenierung rund 225Vorstellungen. Locker getoppt wurde sie von Günther Büchs Inszenierung von Handkes "Publikumsbeschimpfung", die in fast tausend Vorstellungen zum Kult wurde. Und Handkes "Das Mündel will Vormund sein" (Regie: Peter Fitzi) ging nach seiner Einladung zum Theatertreffen 1971 auf Welttournee.Doch auch erfolgreiche Theater sind sterblich, denn der Theater- und Weltgeist weht das Publikum hin und her. Mitte der 70er-Jahre war das Interesse an den existenziellen Fragen und politisch aufklärenden Antworten vom kleinen Forum so zurückgegangen, dass der Senat die Förderung strich und das Theater am 31. Juli 1975 aufgab.Da hatte sich längst die Schaubühne am Halleschen Ufer als politisch engagiertes und ästhetisch avanciertes Theater unter Peter Stein seinen internationalen Ruf erspielt. Weshalb der Senat der Schaubühne aus ihrer räumlichen Bedrängnis in Kreuzberg half und sie an den Kurfürstendamm holte. Ein 1928 vom Architekten Erich Mendelsohn am Lehniner Platz errichtetes Gebäudeensemble, mit hufeisenförmig weit ausladendem Körper, über den sich ein Lüftungsschlot wie ein Ausrufezeichen erhebt, wurde zum attraktiven neuen Spielort. Im Krieg beschädigt, später teils als Kino genutzt, wurde das Gebäude für mehr als 80 Millionen Mark zu einem hochmodernen Theater umgebaut, in dem zeitgleich bis zu drei Vorstellungen stattfinden können. Im November 1981 begann die Schaubühnen-Ära am Kurfürstendamm unter Peter Stein, der den neuen Theaterpalast bis 1985 leitete. Legendäre Inszenierungen von Luc Bondy, Klaus Michael Grüber und Peter Stein entstanden hier, darunter Schauspielerfeste wie Steins panoramaweite Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern".Nach Steins Abschied 1985 wechselte die Leitung mehrfach. Die Regisseurin Andrea Breth, seit 1992 in der künstlerischen Leitung der Schaubühne, fügte sich mit ihren sensibel-realistischen Inszenierungen in die Tradition der Schaubühne, und ästhetisch ausgefeilte Inszenierungen zogen das Publikum weiter an den Kudamm. Ein Publikum, das schicker, genussreicher, auch unpolitischer als das am Halleschen Ufer zu sein schien. Doch von einer Schaubühne, die früher nach neuen Formen und Inhalten gesucht hatte, gingen jetzt keine Impulse mehr aus. Man produzierte nur noch gutes altes Theater in neuer Nachwendezeit. Deshalb wagte die Schaubühne 1999 mit einem jungen Team einen radikalen Neuanfang. Vier junge Theatermacher, angeführt vom Regisseur Thomas Ostermeier und der Choreografin Sasha Waltz, übernahmen die Leitung. Ihr Manifest forderte ein repolitisiertes Theater und eine Bewusstwerdung von individuellen Lebensmöglichkeiten jenseits der Gesetze des Neoliberalismus. Dieses Zeitgenössische Theater sucht mit Hausautoren, Werkstätten neuer Dramatik, dem jährlichen Festival internationaler neuer Dramatik F.I.N.D., mit Lesungen und öffentlichen Streitgesprächen neue Theatersprachen. Thomas Ostermeier begann mit Lars Noréns Randgruppenstück "Personenkreis 3.1", Sasha Waltz mit dem Tanztheaterabend "Körper".Zwar funktionierte die gleichberechtigte Leitung des Theaters durch eine Choreografin und einen Sprechtheaterregisseur nicht lange (Sasha Waltz suchte sich ein eigenes Haus). Doch die neue Schaubühne wurde schnell zu einem lebendigen Ort modernen Theaters. Zu den neuen Stücken über gesellschaftliche Verlierer traten Klassiker des 19. Jahrhunderts, in denen man sich mit der bürgerlichen Lebenswelt (auch der der Theatermacher) auseinandersetzt. Die neue Schaubühne ist ein Erfolgsmodell als international bekannter Ort modernen realistischen Theaters. In ihrem Haus am Kurfürstendamm trifft sich ein bunt gemischtes Publikum aller Altersstufen.------------------------------Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung" wurde mit fast tausend Vorstellungen zum Kultstück.Foto: Theater in Hufeisenform: Ende der Siebzigerjahre wurde das 1928 errichtete Gebäude zur Schaubühne umgebaut. Ihr Leiter Peter Stein machte das Haus berühmt.Foto: Uraufführung des Stücks "Berlin Elsewhere" an der Schaubühne am 13. April 2011

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.