Als Gastgeber Uruguay 1930 die erste Fußball-WM gewinnt, flieht der Schiedsrichter aus dem Stadion, weil er den Ausbruch des Jubels fürchtet: Tango am anderen Ende der Welt

An der Pier von Montevideo sind die Ochsen am Spieß längst verkohlt, als die Schiffe aus Buenos Aires endlich anlegen. In den zweihundert Kilometer breiten Mündungstrichter des Rio de la Plata vor der Hauptstadt Uruguays hatte der Nebel Barrieren gezogen, aus denen Sirenen und Nebelhörner nur Hilflosigkeit verbreiteten. Die Unbilden des Wetters hindern die Anhänger der argentinischen Fußballmannschaft, ihrem Team im Finale der ersten Fußball-Weltmeisterschaft gegen Gastgeber Uruguay beizustehen. Der 30. Juli 1930 wird zu einem Desaster für Argentinien, seine Fußballelf verliert 4:2. Die Uruguayer feiern den Erfolg ihrer Mannschaft mit Freudenfesten - sie gilt nach ihren Siegen bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris und 1928 in Amsterdam als beste der Welt. Der elegante Läufer José Andrade, der von Beruf Tänzer ist und im "Lido" als Varieteestar auftritt, wird bejubelt. Die im Nebel vor Montevideo gestrandeten Argentinier dürfen mitfeiern.Die Europäer, die sich heute ausdauernd um WM-Rechte streiten, mussten sich in jenen Tagen vor siebzig Jahren von den Südamerikanern Zauderer und Ignoranten nennen lassen - sie waren zur WM in Montevideo nur mit vier Mannschaften erschienen. Dabei hatten sie 1904 den Weltverband Fifa gegründet und für 1906 statutengetreu sogar eine WM ausgeschrieben. Die Meldeliste war seinerzeit jedoch leer geblieben. Im Frühjahr 1914 hatte dann der Kongress in Christiania, dem heutigen Oslo, beschlossen: "Unter der Bedingung, dass das Olympische Turnier in Übereinstimmung mit dem Reglement der Fifa ausgetragen wird, anerkennt diese es als Fußball-Weltmeisterschaft der Amateure." Olympia 1916 in Berlin sollte der Startplatz sein. Das "Deutsche Stadion" im Grunewald, ins heutige Olympia-Gelände aufgegangen, war 1912 fertig geworden. Der I. Weltkrieg nahm dann allerdings Berlins Sport die Möglichkeit, Geburtshelfer der Fußball-Weltmeisterschaft zu sein.Anfang der 20er-Jahre verschärfte sich der Konflikt zwischen Fifa und IOC - die Auffassungen zum Berufsfußball, der immer mehr an Bedeutung gewann, gingen weit auseinander. Naserümpfend schoben die Olympier 1924 in Paris und 1928 in Amsterdam sechs und acht Wochen zwischen die Kickerturniere und das "saubere" Olympia."Die erste WM in Montevideo wäre ohne Jules Rimet nie zu Stande gekommen", erzählt Dr. Mihailo Andrejevic, Chirurgie-Professor aus Belgrad, in seinen Erinnerungen. "Ich war ein blutjunger, fußballversessener Arzt. Und dazu nebenher Sekretär des Verbandes. 1928 lernte ich in Paris Jules Rimet kennen. Ein kleiner Mann, aber dank seiner Energie eine große Persönlichkeit. 1920 zum Fifa-Präsidenten gewählt, kämpfte er um die WM-Idee." 1925 traf Jules Rimet am Genfer See den uruguayischen Diplomaten Dr. Bueno. "Dr. Bueno versprach Rimet", so Andrejevic, "all seinen Einfluss einzusetzen, damit Uruguay bei einem WM-Zuschlag alle Reise- und Aufenthaltskosten der Teilnehmer übernehmen würde. Denn das war das Problem, mit dem das Unternehmen stand oder fiel." 1929 wurde das Turnier nach Uruguay vergeben. Dort war man begeistert. In neun Monaten wollte man das Stadion "Centenario" auf 100 000 Plätze erweitern und zur größten Arena der Welt zu machen.Alle Pläne für die erste Fußball-Weltmeisterschaft gerieten jedoch in Gefahr, als der "schwarze Freitag" an der New-Yorker Börse am 24. Oktober 1929 das weltweite Wirtschaftsgefüge erschütterte. Die Kursstürze ließen die Währungen verfallen und damit auch das Vermögen der Fußballverbände. Angesichts dieser Situation konnte niemand, der noch Arbeit hatte, diese wegen einer Fußball-Weltmeisterschaft für zwei Monate unterbrechen. So ging Fifa-Präsident Jules Rimet auf Bittsteller-Tour durch Europa. Fast überall wies man ihn ab. "Von uns bekam er eine Zusage", erzählt Mihailo Andrejevic, "obwohl wir selbst in argen Schwierigkeiten steckten. Doch wir wollten unsere ehemaligen ,k.u.k-Brüder in Wien und Budapest ein bisschen ärgern. Wir beschlossen, mit einer Belgrader Auswahl nach Montevideo zu fahren, denn die Kroaten hatten ihre Spieler zurückgezogen, als unser Verbandssitz von Zagreb nach Belgrad verlegt worden war." Auf den harten Holzbänken der 3. Klasse reiste die Belgrader Auswahl zunächst drei Tage und zwei Nächte im Zug nach Marseille. Dr. Bueno, nun Gesandter in Brüssel, hatte das Fahrgeld geschickt und die Schiffspassagen nach Uruguay bezahlt. In der französischen Hafenstadt bestiegen die Jugoslawen dann die "Florida". Die Rumänen, Franzosen, Belgier, Fifa-Präsident Rimet und der belgische Schiedsrichter Langenus gingen in Genua an Bord der "Conte Verde". "Wir genossen das Bordleben", schildert Mihailo Andrejevic die Fahrt über den Ozean. "Auf dem Schiff waren wir eine Attraktion, weil wir zweimal täglich trainierten, vorwiegend mit Gymnastik. Verbandskapitän Simonovic, ein früherer Torwart, leitete die Übungen. Einen Trainer konnten wir uns nicht leisten. Das Publikum lud die ,erschöpften Fußballer dann stets zum Tanzen, Trinken und Singen ein. Am fröhlichsten ging es im Unterdeck zu, bei den ärmeren Dritte-Klasse-Passagieren. Als wir nach 18 Tagen Seefahrt drüben ankamen, hatte unser Torwart Jakcic sechzehn Kilo zugenommen. Was ihn dann während des Turniers nicht daran hinderte, ,El Grande Milovan zu werden, der beste Torwart der WM."Radio Monteverde grüßt das ankommende Schiff schon draußen auf dem Atlantik. Dr. Andrejevic, jugoslawischer Delegationsleiter, Arzt, Sekretär in einem und selbst erst 31 alt, erlebt die Ankunft: "Die Menschenmenge am Kai war unübersehbar, ein jugoslawisches Orchester spielte. Es war, als ob uns ganz Uruguay umarmen wollte. Mit einer flammenden Rede erinnerte ich an die 13 000 Kilometer, die hinter uns lagen, und an die Hoffnungen unseres ganzen Volkes. Mit ihrem Enthusiasmus hat die jugoslawische Elf dann die Brasilianer beim 2:1 förmlich überrumpelt. Wir wussten vorher gar nicht, welch großer Gegner das war. Und Jakcic hielt alles. Wir spielten zunächst im Stadion von Nacional. Denn weil es dreizehn Wochen nur geregnet hatte, wurde das Stadion "Centenario" erst eine Woche nach Turnierbeginn fertig."Die Arena im "Centenario" sei überwältigend gewesen, heißt es in Berichten aus diesen Tagen in Montevideo. Die Haupttribünen heißen "Colombes" und "Amsterdam", genannt nach den Stätten der Olympiasiege der Mannschaft von Uruguay. Vom hohen Turm erklingt pausenlos Tango-Musik, auch während des Spiels. "Adios Muchachos, Compagneros" ist der beliebteste Schlager. Und wenn die Musik schweigt, dröhnen aus den Lautsprechern die Radio-Reportagen vom Turnier. "Dazu diese Knallerei mit den Pistolen", erinnert sich der jugoslawische Arzt. "Einfach so aus Freude. Den Aufforderungen, die Pistolen an den Garderoben abzugeben, folgte niemand." Die Jugoslawen feiern ihren Erfolg im Hotel "Los Iglesos", sie trösten die verärgerten Belgier, die gegen die USA 0:3 verloren hatten.Bolivien, der nächste Jugoslawien-Partner, wirbt mit den Buchstaben "Viva Uruguay" auf dem Rücken der Spieler beim Publikum um Unterstützung. Das bewahrt sie allerdings nicht vor einer 0:4-Niederlage. Das Spiel der Jugoslawen im Halbfinale gegen Uruguay wird zum Skandal. Nicht nur, dass der brasilianische Schiedsrichter Reno, vom Kollegen Langenus als "glatter Versager" beschrieben, den 1:1-Ausgleich der Gastgeber trotz dreifacher Abseitsposition zulässt. "Er annullierte auch nicht deren 2:1", so Dr. Andrejevic, "obwohl ein Polizist vorher den ins Aus getrudelten Ball ins Feld zurückgestoßen hatte." Daraufhin bricht die jugoslawische Elf das Spiel ab. "Nur mit Mühe konnte ich sie überreden weiterzumachen. Doch der Mut war weg. Wir verloren noch 1:6."Zuvor hatte berittene Polizei Senor Reno und Argentiniens Elf schützen müssen, weil die "Gauchos" mit ihrer Härte zwei Franzosen schwer verletzt hatten. Auswechseln war nicht gestattet. Als sich nun den neun Franzosen plötzlich die Chance zum 1:1 bot, pfiff Schiedsrichter Reno ab. Sechs Minuten zu früh. "Irrtum", sagte er wenig später schulterzuckend und ließ doch weiterspielen. Das trieb die wütenden Gastgeber aufs Feld.Nach ihrem Einsatz bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Montevideo bessern die durch den Sieg über Brasilien aufgewerteten Belgrader ihre Reisekasse noch mit Spielen in Buenos Aires und Rio auf. Erst nach zwei aufregenden, unvergesslichen Monaten waren sie wieder zu Hause. "Wir Europäer waren uns einig", so Dr. Andrejevic, "jeder, der nicht dabei war, hat einen Fehler gemacht." Auch für ihn war es "das Erlebnis seines Lebens", obwohl er später - in 44 Jahren als Mitglied der Fifa-Exekutive und Chef der Medizinischen Kommission bis 1982 - noch alle Fußball-Weltmeisterschaften und Olympiaturniere erlebte. 1989 starb er 91-jährig als einer der letzten Pioniere und Taufpaten der Fußball-WM. Vom belgischen Schiedsrichter John Langenus, dünn und ellenlang und stets im Radfahrerdress mit Knickebockern aktiv, ist überliefert, wie die erste Fußball-Weltmeisterschaft in Montevideo zu Ende ging. Zum Finale Uruguay gegen Argentinien rief man Langenus, der schon abgereist war, zurück nach Montevideo am Rio Plata. Hinter jedes Tor lässt der Belgier eine Leibwache stellen, von den Organisatoren verlangt er für sich als Schiedsrichter im Estadio "Centenario", das hunderttausend Zuschauer füllen, den Abschluss einer Lebensversicherung. Das Publikum muss sich Leibesvisitationen gefallen lassen, 1 600 Revolver werden gefunden, 2 000 Polizisten umkreisen das Feld. Als Uruguay das Endspiel dann gewonnen hatte, ist Schiedsrichter Langenus zum nächsten Schiff gerannt, "weil er die Freudenausbrüche fürchtete".In der "Fußball-Woche" vom 15. September 1930 konnte man über das Turnier in der Hauptstadt Uruguays, das am 30. Juli zu Ende gegangen war, lesen: "Wir können unsere Originalberichterstattung erst jetzt fortsetzen, weil die Schnelldampfer-Verbindung von Südamerika im August so schlecht war, dass wochenlang kein Brief expediert werden konnte." Hinter jedes Tor lässt der Schiedsrichter beim Endspiel eine Leibwache stellen, 1 600 Revolver werden gefunden, 2 000 Polizisten umkreisen das Feld.Trainieren, tanzen, trinken - nach 18 Tagen Seefahrt war die Kondition der Fußballer Europas bei der WM in Südamerika nicht mehr die beste. FIFA (2)