BERLIN. Den Spaß an seiner Kunst lässt sich Thomas Olbricht nicht nehmen. Obwohl er das Objekt des dänischen Künstlers Jeppe Hein schon viele Male vorgeführt hat, bricht er in lautes Lachen aus, wenn sich der Gast auf die scheinbar unverdächtige Museumsbank setzt und diese plötzlich wie von Geisterhand zur Seite rollt. Er lacht noch oft, während er uns drei Stunden lang durch seine Säle und Schatzkammern führt. Olbricht, der uns in Jeans und lässiger Jacke empfängt, kann sich an den Werken seiner Sammlung regelrecht berauschen, und so inbrünstig, wie er ein Stück nach dem anderen erklärt, spürt man schnell: Hier kommt der Kunsttrieb ganz von innen, beruht die Passion auf dem unmittelbaren Erleben der Werke; hier kann einer gar nicht mehr anders, als sich mit immer neuen Artefakten zu umgeben.Am ersten Mai-Sonnabend eröffnet Thomas Olbricht in der Auguststraße, der legendären Keimzelle des Berliner Nachwende-Kunstbooms, ein eigenes Privatmuseum, und Heins fahrender Sitzkasten ist eines der vielen Schaustücke darin. Es ist Kunst ganz nach dem Geschmack des Essener Sammlers Olbricht: schalkhaft und überraschend, ein bisschen rätselhaft, etwas, das sich einprägt und Gefühle anspricht. Schräg gegenüber steht ein lebensechter junger Mann, der sich depressiv in seinen Kapuzenpulli hüllt und auf einer Glasplatte steht - es sieht aus, als könne er jeden Moment einbrechen. Die Skulptur stammt von Tomasz Kowalski, die morbide Figur trägt polnische Beerdigungsschuhe. Auch dieses Werk ist typisch für die Olbricht-Sammlung, in der Tod, Vanitas-Symbole und Memento-mori-Objekte eine große Rolle spielen. Ebenso oft tauchen Sex und freizügige Körperlichkeit auf. Da ist beispielsweise Terry Rodgers' barbusiges Champagner-Girl, haarfein und fotorealistisch gemalt, ein schwülstiges Riesenbild voller Hedonismus und Dekadenz. "Dr. Sex" oder "Dr. Tod" wurde Olbricht schon genannt. Viele Jahre hat er als Arzt und Hormonspezialist praktiziert, ehe er sich ganz der Kunst und der Bewahrung seines Vermögens widmete.Zur Eröffnung seines "Collectors Room" - Museum will er das Haus nicht nennen - hätte Olbricht die ganzen großen Namen auffahren können. Er besitzt viele wichtige Werke von Gerhard Richter, einen berühmten Bestand der Selbsttravestien Cindy Shermans, ein großes Konvolut der sexuell aufgeladenen, derzeit immer höher gehandelten Bilder von Marlene Dumas. Spektakuläre Schauerkabinette der Chapman-Brüder, ganze Paraden von Maurizio Cattelan, Elmgreen & Dragset, Thomas Demand, Thomas Scheibitz, die heute kaum noch zu bezahlenden Starmaler Daniel Richter, John Currin, Eric Fischl bis hin zu Peter Doig - mit all dem und vielem mehr könnte Olbricht das Publikum und die missgünstigen Kunstszenenprofis in Bann schlagen. Doch genau darauf hat er verzichtet. "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, hier etwas zu machen, was es woanders doch auch schon gibt", sagt er.Stattdessen hat er mit seinem Kunstberater Wolfgang Poschmann "Passion Fruits" - so der Titel der Eröffnungsausstellung - aus der Sammlung gepickt. Das große Alpenpanorama des Österreichers Herbert Brandl, ein Lieblingsbild, ist eine doppelte Frucht der Leidenschaft, denn das Bild soll zugleich auf den Bergliebhaber Olbricht verweisen. Daneben deutet eine kleine lichtdurchflutete Alpenlandschaft des Spätbiedermeiers an, dass die Sammlung viele Bögen von der Gegenwart in die Kunstgeschichte schlägt. Im Entree über den Tischen des Cafés schwebt ein merkwürdiger Käfig, den angeschirrte Vögel zum Flugobjekt ohne Motor machen - ein Werk der jungen Britin Polly Morgan, die Olbricht letzten Herbst in London entdeckte. Wie sie sind viele der gezeigten Künstler in Deutschland noch kaum oder gar nicht bekannt.Sammlung voller BrücheSeit Jahren bricht Olbricht immer wieder zu Entdeckungstouren nach China auf: "Ich habe gelernt, dass wir die Kunst dort nicht mit unseren westlichen Augen sehen dürfen. Es ist ein ganz anderer Begriff von Qualität." Feng Zhengjie, vom dem er jetzt ein riesiges comicartiges Frauenporträt zeigt, ist in Asien ein Star, ein Bild wie dieses kostet heute Hunderttausende. "Wenn er zur Eröffnung kommt, wird er sich freuen wie Bolle, dass neben seinem Bild Warhols goldene Jackie hängt." Darauf folgt Catherine Deneuve als unnahbare "Weiße Königin" in der Glamourversion der Fotokünstler Pierre et Gilles. "Das ist auch so eine Passion Fruit, die ich schon lange liebe. Einer der wenigen Preis-Weltrekorde, die ich mir auf einer Auktion erlaubt habe."Mit leuchtenden Augen führt Thomas Olbricht uns weiter zu den verspielten Werken der Japanerin Tomoko Nagai: "Als ich die Bilder sah, musste ich sofort an die Fantasien meiner Tochter denken." Mit solchen Gefühlen und ganz privaten Assoziationen lässt sich Olbricht von der Kunst einfangen und zum Kauf bewegen. Minimalismus und strenge Konzeptkunst kommt ihm da wohl nicht entgegen? "Nein, das ist nicht mein Ding. Das überlasse ich anderen", sagt er und setzt sich auf die afrikanische Geburtsliege, die er für die Besucher aufgestellt hat.Es ist eine Kollektion voller Brüche und Gegensätze, quer durch die Jahrhunderte und die Geschmäcker, zusammengehalten nur vom Kunstwillen ihres Besitzers. Mit rund 3 000 Werken und 250 Künstlern gehört sie zu den größten Europas. Am Kunstmarkt ist Olbricht längst als manischer Käufer bekannt, in den Museen als großzügiger Leihgeber. Ausschnitte seiner Kollektion zeigte er in Bremen und Essen, mehrere Bücher geben eine Ahnung von dem, was bei ihm lagert. Jetzt aber wagt Thomas Olbricht den großen, dauerhaften Schritt an die Öffentlichkeit. "Ich will teilen", sagt er über das Unterfangen, dessen Erfolg keineswegs zwangsläufig ist. "meine Botschaft, wie ich Kunst fühle, weitergeben."Damit erhält Berlin nach dem Sammlungsbunker von Christian Boros, den Schauräumen von Erika Hoffmann, Wilhelm Schürmann, Heiner Bastian und des Ehepaars Haubrok oder der privaten Kunsthalle Koidl einen weiteren Kunstort, der ohne jede staatliche Subvention auskommt. Keine andere Stadt der Welt hat so viele Sammler von Gegenwartskunst, die ihren Besitz in eigener Initiative publik machen. Olbricht geht aber weiter als seine Kollegen, die sich meist auf einen Öffnungstag in der Woche beschränken oder die Anmeldung zu Führungen fordern. Der 62-Jährige öffnet sein Haus von Dienstag bis Sonntag, er betreibt einen Museumsshop sowie ein Café. Mit fünf Mitarbeitern hat er eine richtige Kunsthallenstruktur geschaffen. Hier will er seine Sammlung in wechselnden Ausstellungen zeigen, auch befreundete Sammler einladen. Zahlen nennt er nicht, aber er gibt zu, dass ihm die Investitionen für den gewaltigen Bau und die Folgekosten zuweilen schlaflose Nächte bereiten. Immerhin hat er fünf Kinder, an deren Zukunft er denken muss.Seinen Wohnsitz in Essen, wo er verwurzelt ist, will Olbricht vorerst nicht aufgeben. Das Rheinland hat seit der Wiedervereinigung viel an Berlin verloren. Warum engagiert er sich nicht dort? Ja, das habe er natürlich lange erwogen. Vor allem sei das Folkwang-Museum in Essen infrage gekommen, eine Anbindung dort sei aber aus verschiedenen Gründen gescheitert. Zudem wollte er mit seiner Sammlung an einen Ort, an den viele Menschen kommen. Das bietet Berlin mehr als alle anderen deutschen Städte. "Dann wies mich Klaus Biesenbach, damals noch Leiter der Kunst-Werke hier in der Auguststraße, auf das freie Nachbargrundstück hin."Das Gebäude, errichtet von den Architekten Düttmann + Kleymann, ist kein Meisterwerk. Eher grob und einfallslos, übertrumpft es den niedrigen Altbau der angrenzenden Kunst-Werke. Der Kunst gehören auf zwei Stockwerken 1 300 Quadratmeter. Olbricht wollte mehr, aber dafür erhielt er keine Genehmigung. Stattdessen gibt es jetzt auch zehn Wohnungen im Haus.Die Architektur, der grafische Auftritt wie der zackig-rote Fassadenschriftzug haben schon ätzende Kritik in der Kunstszene hervorgerufen. Ebenso wie der Name "me Collectors Room". Die Buchstaben "me" sollen für "moving energies" stehen, lassen sich aber auch als egozentrischer Ich-Bezug des Sammlers begreifen. Letztere Deutung bekümmert Olbricht, der auf keinen Fall seinen eigenen Namen im Titel haben wollte. "Solche Form der Selbstdarstellung ist mir total fremd. Das könnte ich über meinen Arztberuf viel besser als über dieses betriebswirtschaftlich wahnwitzige Unternehmen", sagt er.Arzt mit Leib und SeeleInnen ist der Eindruck günstiger als außen. Hier herrscht typisch modernistische Museumsatmosphäre, es geht in erster Linie um die Sammelstücke, die einen schnell in Bann schlagen. Vor allem in der Lounge und den Kabinetten des oberen Teils. In Wandvitrinen offenbart Olbricht hier die Ursprünge seiner Passion: ein Mainzelmännchen, Spielzeugautos oder medizinische Modelle. Als Fünfjähriger hatte er mit Briefmarken begonnen. Er studierte Chemie und Medizin, promovierte in beiden Disziplinen und war lange Professor an der Essener Universitätsklinik, bevor er eine erfolgreiche Praxis als Endokrinologe, als Hormonspezialist also, aufbaute. "Seit den Achtzigern hatte ich die Mittel, ernsthafter zu sammeln", erzählt er. Das waren Glasobjekte des Jugendstils, deutsche abstrakte Nachkriegsmalerei, später folgte zentralafrikanische Stammeskunst, von der er heute rund 600 Objekte besitzt.Der Familienkonzern Wella trat in den Neunzigern als entscheidender Faktor in Olbrichts Leben. Sein Urgroßvater Franz Ströher hatte das Haarpflegeunternehmen in Sachsen gegründet, nach dem Krieg stieg es von Darmstadt aus zur Erfolgsfirma auf. Olbrichts Großonkel war Karl Ströher, einer der bedeutendsten Sammler der Nachkriegszeit, Pionier der Pop Art und Käufer des berühmten Beuys-Blocks im Darmstädter Landesmuseum. Für Olbricht eine Verpflichtung, aber messen will er sich mit dieser Überfigur nicht. Als ihm seine Eltern ihre Aktien-Anteile übertrugen und ihn die Familie schließlich zum Aufsichtsratsvorsitzenden wählte, wurde die Doppelverantwortung für Praxis und Unternehmen zu viel: "Ich bin Arzt mit Leib und Seele, aber ich musste die Praxis aufgeben."In der Zwischenzeit hatte er in New York die Gegenwartskunst für sich entdeckt, der er sich mit wachsendem Vermögen nun auch widmen konnte. Dann wurde Wella 2003 für mehrere Milliarden an den US-Konzern Procter & Gamble verkauft, ein ansehnlicher Teil davon floss an die Familie. "Dadurch gab es für mich natürlich andere Möglichkeiten", deutet Thomas Olbricht diskret an. Seine Kollektion wuchs sprunghaft, und seit zehn Jahren baut er mit Hilfe des Kunsthändlers Georg Laue auch eine einzigartige Wunderkammer auf, wie sie die Fürsten und Humanisten der Renaissance besaßen.In einer dunklen, magisch ausgeleuchteten Passage ist jetzt hinter Glasscheiben die Fülle dieser unglaublichen Stücke ausgebreitet: schwangere Elfenbeinfigürchen zum Aufklappen, gedrechselte Holzobjekte, ein seltener Bernstein-Minialtar, kleine "Tödleins", denen die Haut in Fetzen herabhängt, chirurgisches Besteck um 1600, elfenbeinerne "Wendeköpfe", die samt Maden den Übergang vom Leben zum Tod darstellen, Gemälde, Skulpturen und Intarsienschränkchen, ein südamerikanischer Schrumpfkopf und ein Warzenschwe inhauer mit filigraner Goldfassung bis hin zu einem ausgestorbenen Schildkröte aus der Zeit um 1800.Es ist ein weiter Bogen von dieser alten, kleinteiligen, gelehrten Welt zu den lauten Werken von heute. Nicht viele Menschen können es sich erlauben, einen solchen Kosmos zu erwerben. Thomas Olbricht brennt darauf, seine Leidenschaft zu teilen. "Kommen Sie in meine schräge Kunstwelt", sagt er. Jetzt wartet der Sammler auf Gäste.------------------------------ME COLLECTORS ROOMDie Sammlung von Thomas Olbricht gehört zu den größten Europas. Er besitzt rund 3 000 Werke, vertreten sind 250 Künstler. Die Buchstaben "me" im Titel des "collectors Room" steht für "moving energies".Geöffnet ist ab 1. Mai. Auguststraße 68 in Mitte. Di-So 12-18, Café Di-So 11-18 Uhr. Die Eröffnungsausstellung "Passion Fruits" ist bis zum 12. September zu sehen.Die Wunderkammer von Thomas Olbricht (o. r.) vereint wie ihre Vorbilder aus der Renaissance kostbare Kleinkunstwerke, Kuriositäten, anatomische Lehrmodelle, botanische und zoologische Exotica.Für Asien hat Thomas Olbricht eine Vorliebe, etwa für Bilder der Japanerin Tomoko Nagai (o. l.). Das Reiterporträt (u. l.) gab Michael Jackson selbst bei Kehinde Wiley in Auftrag.------------------------------Foto (6): Zeigen, was man hat: Thomas Olbricht in seinem Museum vor einem Frauenporträt des Chinesen Feng Zhengjie.