In der Nacht vom 11. zum 12. November 1918 hat Kurt Kleefeld seinen Wettlauf gegen die Revolution gewonnen. Erst auf den letzten Metern hat er ihn für sich entschieden und vor ihr das Schloss des Fürsten Leopold IV. zur Lippe in Detmold erreicht. Einige Tage hatte die Revolution scheinbar uneinholbar vorn gelegen. Seit am 7.November die Rätebewegung die Bayerische Republik ausgerufen, einen Tag später auch der Herzog von Braunschweig und Lüneburg Ernst August aus der Dynastie der Welfen widerstandslos "die Regierung in die Hände des Arbeiter- und Soldatenrates" gelegt und sich mit seiner Familie nach Österreich auf seine Besitzungen zurückgezogen hatte, waren die 22 jahrhundertealten deutschen Herrscherhäuser eines nach dem anderen geräuschlos verdampft. Am 9. November hatte Reichskanzler Prinz Max von Baden ohne Rücksprache mit Kaiser Wilhelm II. dessen Thronverzicht erklärt, in Berlin war die Republik gleich zweimal - vom Sozialdemokraten Philipp Scheidemann und dem Spartakistenführer Karl Liebknecht - ausgerufen worden, und auch in Detmold hatte seit Tagen die rote Fahne über dem Schloss des Fürsten geweht.Doch noch residierte dort der Fürst zur Lippe, Edler Herr und Graf zu Biesterfeld, Graf zu Schwalenberg und Sternberg etc. etc., zur Abdankung zwar schon entschlossen, aber dazu erst bereit, wenn das Verfahren geregelt und alle Verpflichtungen erledigt wären. Die Zeit drängte. Seit Tagen lärmten Demonstrationszüge mit klingendem Spiel und roten Fahnen durch die Straßen Detmolds, der Lippische Volks- und Soldatenrat - im "Teutoburger Hof" unter dem Vorsitz des sozialdemokratischen Geschäftsführers des Konsumvereins in Lemgo und eines Detmolder Verlagsbuchhändlers von der Liberalen Volkspartei konstituiert - bestand auf raschem Rückzug. In der Nacht zum 12. November versammelte der Fürst zum letzten Mal um sich die engsten Vertrauten, Staatsminister Biedenweg, Geheimrat Ernst, Kabinettchef von Eppstein, telefonierte mit seinem Berliner Rechtsberater, und dann, als alles geklärt war und die verdienstvollsten unter seinen Mitarbeitern von ihm noch eilig zu "Exzellenzen" und "Freiherrn" befördert worden waren, hatte Leopold IV. endlich Herrn Kleefeld zum Sieg über die Revolution verholfen.Wie der Fürst es dem schwerreichen Christian Kraft Fürst zu Hohenlohe-Öhringen, Herzog von Ujest, versprochen hatte, erhob er dessen leitenden Angestellten Kurt Kleefeld in den lippischen Adelsstand. Gut eine Stunde später, um ein Uhr in der Nacht zum 12. November, dankte Fürst zur Lippe ab. Kurt von Kleefeld glaubte vermutlich, er habe sein Ziel erreicht. In Wahrheit war ihm nur gelungen, im letzten Augenblick auf ein sinkendes Schiff zu springen. Er stieg zum Adligen auf, als der Adel mitsamt der Monarchie bereits ins Dunkel der Geschichte glitt. Niemand hat Kleefeld begleitet, und niemand ist ihm nachgefolgt. Kurt von Kleefeld war der letzte nobilitierte Deutsche.Am 28. November 1918 verschwand mit der offiziellen Abdankung von Kaiser Wilhelm II. die Monarchie in Deutschland, im Sommer 1919 folgte ihr der Adel nach. Mit dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung am 14.August 1919 wurde der Adel als bevorrechtigter Stand abgeschafft (Art. 109 Abs. 3) und mit ihm auch die Titel - sie galten nur mehr als Namensteil. Man war kein Fürst in Deutschland mehr, man hieß jetzt nur noch so. Man war nichts Besseres mehr, man konnte nur noch daran glauben, etwas Besseres zu sein. Und Kurt von Kleefeld glaubte fest daran.Er hatte gute Gründe. Niemand kannte sie besser als sein dankbarer Arbeitgeber, Christian Kraft Fürst zu Hohenlohe-Öhringen. In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Fürst, einer der reichsten Männer Deutschlands, sein Geld vor allem mit industriellen Besitzungen in Oberschlesien verdient, damals nach dem Ruhrgebiet die bedeutendste Bergbau- und Industrieregion Deutschlands. Der Fürst war zum größten Zinkproduzenten der Welt aufgestiegen, als er sich 1905 entschloss, seinen Industriebesitz in die Gründung der Hohenlohe Werke AG einzubringen. Als Abfindung erhielt Fürst Christian Kraft 44 Millionen und eine jährliche Rente von vier Millionen Mark. Der risikofreudige Magnat investierte das Geld sogleich wieder - zusammen mit Max Egon II. zu Fürstenberg, dem engsten Freund von Kaiser Wilhelm II. - in den Aufbau des "Fürstenkonzerns", dessen Zusammenbruch 1909 nicht nur eine allgemeine Bankenkrise auslöste, sondern Fürst Christian Kraft in den Ruin zu treiben drohte. Davor bewahrte ihn ein junger, ehrgeiziger Jurist, Spross einer konvertierten jüdischen Unternehmerfamilie in Berlin, charmant, robust und ein Ziel fest im Blick: "ungeheuer oben" (Bert Brecht).Der 33 Jahre alte Kurt Kleefeld war seit zwei Jahren Geschäftsführer des Hansabundes, einer Interessenvertretung deutscher Kaufleute und Industrieller in Berlin, als er 1914 den Fürsten kennenlernte. Ihre erste Begegnung im Berliner Luxus-Hotel Esplanade - auf persönlichen Wunsch von Wilhelm II. vom Fürstenkonzern für 25 Millionen Goldmark errichtet und 1908 eröffnet - hat Kleefeld später so beschrieben: "Der Fürst empfing mich auf dem Gange der I. Etage mit tränenden Augen und sagte mir: "Ich bin ein Bettler; ich habe nicht mehr als einige tausend Mark im Jahr zu verzehren." Die Lage, schrieb Kleefeld Jahre später, sei "vollkommen verfahren und chaotisch nach jeder Richtung hin" gewesen. Hotels, Theater, Warenhäuser, Schifffahrtsunternehmen und Kohlebergwerke hätte man "völlig wirr durcheinander" heruntergewirtschaftet. Kurt Kleefeld bilanzierte 160 Millionen Goldmark Schuldverschreibungen. Durch "Vermittlung meines alten Freundes" Hjalmar Schacht, damals stellvertretender Direktor der Commerzbank - später Reichsbankpräsident und noch später unter Adolf Hitler Reichswirtschaftsminister -, gelang es Kleefeld, das notwendige Kapital aufzubringen, um die Ablösung der Verpflichtungen zu erreichen. Bescheidenheit war nicht die hervorstechendste Eigenschaft des fürstlich hohenlohe-öhringischen Kammerpräsidenten Kleefeld, der sich selbst bei der erfolgreichen Sanierung des Unternehmens "diplomatische, psychologische und finanzielle Filigranarbeit" attestierte.Kleefelds Filigranarbeit machte sich nicht nur für den Fürsten bezahlt. "Nachdem Herr Dr. von Kleefeld jahrelang in hingebungsvoller Tätigkeit ohne genügendes Äquivalent für mich und mein Haus gearbeitet hat", setzte der dankbare Fürst 1922 das Jahresgehalt seines Kammerpräsidenten auf 200000 Mark fest, plus 150000 Mark für Spesen. Nicht nur der wirtschaftliche Aufstieg Kleefelds vollzog sich in atemberaubendem Tempo. Ebenso rasant ging es mit seiner gesellschaftlichen Anerkennung voran. Die wurde durch Kurts Schwester Käte beträchtlich beschleunigt, seit 1903 die Frau Gustav Stresemanns, 1923 Reichskanzler, anschließend bis zu seinem Tod 1929 Reichsaußenminister. Käte, eine von drei Schwestern, galt als eine der elegantesten Frauen der Weimarer Republik, in deren Glanz sich ihr Bruder überaus geschmeidig zu präsentieren wusste. Fehlte nur noch die passende Frau an seiner Seite: 1919 heiratete Kurt von Kleefeld die 20 Jahre jüngere Gudrun Marie Elisabeth Adolfine, Gräfin von Schwerin. Kurt von Kleefeld - erfolgreich, vermögend, eine Größe der Berliner Gesellschaft - war ganz oben angekommen,Rasanter als sein Aufstieg war nur der Niedergang von Kleefelds. Nicht nur die nationalsozialistische, auch die sozialdemokratische Presse hatte Angriffe auf Gustav Stresemann immer wieder mit hämischen Hinweisen auf seinen "jüdischen" Schwager begleitet, auf den "Emporkömmling" und "Parvenu". Als Kurt von Kleefeld jedoch 1932 durch eigenes Verschulden selbst in das Licht der Öffentlichkeit geriet und - beschwert von Steuerschulden - vor dem Fiskus erst nach Ungarn, anschließend nach Zürich floh, stürzten sich die Zeitungen auf den "jüdischen Wappenträger" und den "jüdischen Devisenschieber", der jedes Ressentiment zu bedienen schien. Zwar konnte von Kleefeld seine Steuerschulden bezahlen und so den Fiskus besänftigen. Aber sein Untergang war nicht mehr aufzuhalten. Die Erben des 1926 gestorbenen Fürsten Christian Kraft trennten sich nicht nur vom Kammerpräsidenten, sie verdächtigten ihn auch, sich am Nachlass bereichert, über seine eigenen finanziellen Verhältnisse "arglistig getäuscht" und 800 000 Mark rechtswidrig ins Ausland transferiert zu haben. Und je länger die Auseinandersetzungen gingen, desto mehr kam der "habgierige" Jude ins Spiel. Die Vorwürfe konnten nie bewiesen werden. Zwei Jahre nach von Kleefelds Tod einigten sich die Erben des Fürsten mit dem Erben von Kleefelds - seine drei Schwestern - auf einen Vergleich, der ihnen nur 90 000 Mark eintrug.Von Kleefeld starb im Sommer 1934 wie er gelebt hatte - inmitten der Reichen und Erfolgreichen. Ein Herzschlag tötete ihn auf der Rennbahn Karlshorst, als er eines seiner Pferde an den Start führen wollte. Der Gewinner des Rennens ist nicht bekannt. Kurt von Kleefeld ist ohne Nachkommen geblieben.------------------------------Foto: Abgedankt und auf der Flucht: Kaiser Wilhelm II. überschreitet nach dem Sturz der Monarchie am 10. November 1918 am Bahnhof Eysden die holländische Grenze.