BERLIN, im August. Diese Geschichte beginnt nicht in einem Schwimmbecken in Berlin an der Landsberger Allee. Nicht dort, wo Franziska van Almsick seit Anfang der Woche Goldmedaillen gewinnt. Wo sie bei den Schwimm-Europameisterschaften an diesem Sonnabend vielleicht sogar ihren Weltrekord über 200 Meter Freistil verbessern wird. Diese Geschichte beginnt an einem warmen Septemberabend des Jahres 2000. Auf der anderen Hälfte der Erdkugel. In Sydney. An jenem Abend treffen sich Franziska van Almsick und Stefan Kretz- schmar im Speisesaal des olympischen Dorfes. Es soll reiner Zufall gewesen sein, heißt es. Und doch haben sie sich viel zu erzählen. Sie reden stundenlang.Natürlich kannten sie sich bereits. Beide sind in Ostberlin aufgewachsen. Beide waren zeitweise die Weltbesten ihres Metiers. Die Schwimmerin und der Handballer. Die Freistil-Expertin und der Linksaußen. Im Sportforum Hohenschönhausen, beim SC Dynamo, haben sie nur wenige Meter voneinander entfernt trainiert. Doch erst Jahre später - sie hatte schon Millionen in der Werbung verdient, er moderierte auf MTV - lernten sie sich wirklich kennen. 20 000 Kilometer von Deutschland entfernt.Die Wunden, die beiden zugefügt wurden, waren noch frisch. Beide hatten gerade die größten Schmähungen ihrer Karriere hinnehmen müssen. Van Almsick, die acht Jahre zuvor bei den Olympischen Spielen in Barcelona vier Medaillen gewonnen hatte und als 14-Jährige zum gesamtdeutschen Star mit Lolita-Status aufgestiegen war, holte in Sydney nur eine bronzene Medaille. Mit der Staffel. Also entschied Franz Josef Wagner, damals Chefredakteur der Berliner Boulevardzeitung "B.Z.", es sei an der Zeit, "eine Göttin zu schlachten". Er titelte: "Franzi van Speck. Als Molch holt man kein Gold."Auch Stefan Kretzschmar wurde in jenen Tagen zum Sündenbock gemacht für das schlechte Abschneiden seines Teams. Doch so schlimm wie van Almsick erging es ihm nicht. Kretzschmar war im Viertelfinale gegen Spanien der spielentscheidende Mann: Es stand 26:26. Es war hektisch. Eine halbe Minute vor Schluss suchte Kretzschmar die Entscheidung. Er narrte den spanischen Torhüter mit einem seiner unnachahmlichen Würfe. Der Keeper war geschlagen. Doch der Ball prallte an die Unterkante der Torlatte. Und wieder zurück ins Feld. Spanien konterte. Noch zwölf Sekunden. Treffer. Spanien gewann. Lange träumte Kretzschmar von diesen Szenen. "Ich würde lügen, wenn ich das bestreiten würde", hat er einmal gesagt. Van Almsick erklärte in dieser Woche mehrfach, wie sehr sie die Ereignisse von Sydney noch beschäftigen. "Ich möchte auf keinen Fall jemals wieder eine solche Erfahrung machen. Und ich wünsche das auch keinem anderen." Die Erinnerung ist stark. Sie lässt keinen der beiden in Ruhe."Das war eine absolute Frechheit, sie damals so fertig zu machen", sagt Christian Keller, ein Schwimmer, der seit zehn Jahren mit van Almsick im Nationalteam steht. "Sie ist jetzt stärker zurückgekommen, was mit Sicherheit auch an ihrer Beziehung zu Stefan Kretzschmar liegt." Bernd-Uwe Hildebrandt, Kretzschmars Manager beim SC Magdeburg, sagt: "Sie ist in Sydney für die gesamte Situation im Schwimmsport verantwortlich gemacht worden. Sie hat mir Leid getan. Da gab es eine Parallele zu Stefan. Er hatte ein gutes Turnier gespielt und gegen Spanien in der entscheidenden Situation, als andere zu feige waren, den Mut gehabt. Es hat leider nicht geklappt."Es hat einfach nicht geklappt. Dieser Satz ist keine Floskel. So ist das im Spitzensport. So ist das sogar sehr oft. Das Fesselnde an der Geschichte Franziska van Almsicks sind weniger ihre vielen Europameistertitel oder dieser eine Weltmeisterschaftssieg aus dem Jahr 1994 - es sind eher ihre Niederlagen. Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona ließ sie sich auf den letzten Metern von einer Amerikanern abfangen. 1996 in Atlanta wurde sie völlig überraschend von einer Frau aus Costa Rica geschlagen, die später wegen Dopings gesperrt wurde, sich aber weiter Olympiasiegerin nennen darf. Und dann Sydney. Franziska van Almsick musste leiden wie kaum eine andere. Das fasziniert, weil es wunderbar die voyeuristischen Triebe des Publikums bedient. Sie gewinnt ja auch nicht einfach so: Bei der WM 1994 in Rom verpasste sie das Finale auf ihrer Lieblingsstrecke, den 200 Meter Freistil. Erst der Verzicht der Kollegin Dagmar Hase ermöglichte ihr die Teilnahme am Endlauf. Sie gewann mit Weltrekord. Ein Jahr später kam sie bei der EM in Wien wieder nicht ins Finale.Im Herbst 2000 nahm die Geschichte zügig ihren Lauf. Ein paar Wochen nach den Spielen von Sydney wurde van Almsick zusammen mit Kretzschmar in Magdeburg gesichtet. Bauarbeiter informierten die "Bild"-Zeitung. Sofort belagerten Paparazzi Kretzschmars Haus. "Den beiden blieb keine Wahl, sie mussten an die Öffentlichkeit gehen", sagt Regine Eichhorn, van Almsicks Freundin und Managerin. Man entschied sich für ein gemeinsames Interview im "Stern" - "nicht gegen Geld", wie Eichhorn betont. Nun war es endgültig raus.Kretzschmar fügte seinem von Tätowierungen übersäten Körper das Tattoo Nummer vierzehn hinzu: Van Almsicks Gesicht schmückt seit dem 5. Dezember 2000 seine linke Wade. Drei Jahre zuvor hatte er einer anderen Liebe, der Kubanerin Maria, seine sechste Tätowierung gewidmet - ein Herz mit Namensbanderole unter dem linken Oberarm. Er ist noch mit Maria verheiratet und hat eine Tochter mit ihr.Es ist offensichtlich, dass es mit van Almsick und Kretzschmar aufwärts ging. Im Sport lässt sich das unschwer an den Resultaten ablesen. Kretzschmar sammelte seither Titel wie kein anderer Handballer. Er wurde mit dem SC Magdeburg Deutscher Meister, gewann Superpokal, Vereins-Europameisterschaft und als Krönung im Mai 2002 die Champions League.Franziska van Almsick saß bei allen wichtigen Spielen Kretzschmars auf der Tribüne. "Sie hat aus dieser Teamsportart mit Sicherheit viel für sich herausgezogen", sagt Magdeburgs Manager Hildebrandt. "Ich habe ihr angesehen, dass sie sich wohl fühlt. Sonst ist sie doch immer nur allein herumgetanzt und hat im Wasser die Kacheln gezählt." Auch Christian Keller sieht nur Vorteile in dieser Beziehung: "Ich glaube, die größte Hilfe wird ihr das Verständnis sein, das Stefan als Leistungssportler hat. Er nörgelt nicht rum, wenn sie zum Training geht. Er hat sehr viel Respekt vor ihren Trainingsumfängen, Handballer trainieren einfach nicht so viel. Franzi zeigt ihm, wie hart man trainieren kann, und er zeigt ihr, was Charakterstärke bedeutet, auch im Wettkampf."Regine Eichhorn, die Managerin, kann sich ein Grinsen nicht verkneifen, wenn sie den verschiedenen Erklärungsversuchen lauscht. "Stefan ist ein ganz unkonventioneller Typ", sagt sie. "Er hat Franziska vermittelt: Mach nichts mehr für andere. Interessiere dich nicht dafür, was andere sagen. Mach nur, was du für richtig hältst. Aber was in den Diskussionen zu kurz kommt, ist der Wille, den Franziska demonstriert. Sie hat sich in den schwersten Phasen nie einen Schwänzer erlaubt. Sie hat an keinem Trainingstag gefehlt. Wir reden immer von Liebe, aber nie davon, dass zum Training Disziplin gehört."Disziplin, das ist nicht unbedingt die erste Eigenschaft, die einem zur Person Franziska van Almsick einfallen will. "Ach", sagt Regine Eichhorn, "ich weiß schon, diese vielen Diven-Geschichten. Aber die stimmen einfach nicht. Franziska hat jetzt seit vielen Jahren erstmals wieder zwölf Monate verletzungsfrei trainiert. Und sie hat sich auf sich selbst besonnen. Sie ist nicht mehr so abhängig von der Meinung anderer. Vorher war sie ein Teenager und schwer in der Pubertät."Vorher, das war vor jenem Tag, als sie den Handballer traf.Franziska van Almsick erwähnte Kretzschmar in der vergangenen Woche kaum öffentlich. Sie beließ es bei Gesten - wie einem Kussmund vom Startblock aus in die Fernsehkamera - oder bei Sätzen, die jeder deuten konnte. Sie sprach von glücklichen Tagen, den schönsten ihres Lebens gar. Mal glaubte sie, "kleine Flügel auf dem Rücken" zu spüren, ein andermal mochte sie beinahe jeden in der Halle umarmen. Zuschauer, Teamgefährten, Betreuer, ihren Trainer Norbert Warnatzsch, mit dem sie seit einem Jahr zusammenarbeitet, sowieso. Und täglich verschickte sie an einen Mann in Magdeburg zahlreiche SMS. Liebesgrüße, Zeiten, Zahlen.Stefan Kretzschmar wird an diesem Wochenende in die Berliner Schwimm-Arena kommen. Er hat trainingsfrei. Während der Woche hatte er sich rar gemacht und ließ lieber seinen Anrufbeantworter sprechen: "Ja, ja, ja, ja, ja. Leute, Leute, Leute. Besondere Situationen erfordern besondere Ansagen. Da im sportlichen Bereich die Luft ein wenig raus ist, wird im privaten Bereich umso mehr Gas gegeben. Danke für euer Verständnis, dass ich nicht so viel Zeit habe, um ans Telefon zu kommen, denn alles muss ausreichend gefeiert werden. Und nichts wird ausgelassen. Einen schönen Tag. Und Tschüss."Die Frage ist nun, wo und wann diese Geschichte endet. Schon wird über van Almsicks Rücktritt spekuliert, weil sie mal gesagt hat, sie wolle nicht als Verliererin abtreten, sondern nur mit einem großen Erfolg. Die Europameisterschaften in Berlin waren ein Erfolg, doch was ist das im Vergleich zu den nächsten sportlichen Höhepunkten, die sich ihr bieten? Die WM 2003 in Barcelona - dort, wo 1992 bei den Olympischen Spielen alles begann. Und erst die Sommerspiele 2004 in Athen - schließlich fehlt sie ihr noch, die olympische Goldmedaille. Wäre das nicht ein traumhaftes Ende der Geschichte?Regine Eichhorn sagt: "Ich denke nicht so weit. Franziska plant immer nur von Jahr zu Jahr. Ich habe sie nie anders erlebt."Doch Bernd-Uwe Hildebrandt, ausgerechnet jener Manager, der so oft im Clinch mit Kretzschmar liegt, wird ganz sentimental. "Das klingt doch schön: Am Verlierertisch, am Katzentisch von Sydney, haben sich die beiden kennen gelernt. Am Gabentisch könnten sie sich in Athen verabschieden. Ich kann es mir vorstellen. Ich weiß es aber nicht.""Ich habe ihr angesehen, dass sie sich wohl fühlt. Sonst ist sie immer nur allein herum getanzt und hat im Wasser die Kacheln gezählt. " Bernd-Uwe Hildebrandt, Sportmanager ULLSTEIN "Kleine Flügel auf dem Rücken" - Franziska van Almsick und Stefan Kretzschmar sind seit dem Herbst 2000 ein Paar.