Was Odysseus im 22. Gesang der Odyssee aufführt, ist unangemessen. Gewiß, die sogenannten Freier, zugezogene Provinzfürsten, verprassen seit vielen Jahren seinen Besitz, haben, wie es bei Botho Strauß heißt, einen "Pakt der gemeinsamen Volksberaubung" geschlossen, machen der vermeintlichen Witwe Penelope und Sohn Telemachos das Leben schwer, huren, schikanieren die Untertanen und haben es auf die Übernahme des Königsthrons abgesehen. Dennoch muß das nicht sein, daß Odysseus sie allesamt grausam ermordet, sogar ihre Prostituierten.Die Freier sind in "Ithaka" von Botho Strauß die undankbarsten Rollen. Ein vielköpfiger Körper, der sich, um Odysseus' Tun halbwegs plausibel erscheinen zu lassen, immerfort daneben benehmen muß, was aber wiederum nicht geht, weil das Stück sonst eher einem Abend von Christoph Schlingensief gleichen würde, worunter die ausgewogenen Dialoge der Protagonisten empfindlich zu leiden hätten. Die Freier müssen unflätig (aus inhaltlichen Gründen) und brav (aus praktischen Gründen) zugleich sein.Bei der Uraufführung an den Münchener Kammerspielen im vergangenen Sommer ist das Ganze denn auch an den Freiern zerbrochen: Dieter Dorn ließ die Freier als irgendwie verspätete Langhaar-Bali-Rocker-Hippies in Vivianne Westwood-Schick auftreten, als eine langweilende Kabarettnummer. Die zweite Aufführung von "Ithaka", die in der Regie von Thomas Langhoff am Sonnabend im Deutschen Theater Premiere hatte, ist (daraus?) schon etwas klüger geworden. Langhoff inszeniert die Freier mehr als wechselndes Standbild, als stilisierten Gegen-Chor zu den "drei fragmentarischen Frauen", den freundlichen Erzählerinnen. Hier machen die Freier einen eher bejammernswerten Eindruck. Sehr befriedigend kann die Wollust nicht sein, die da Penelopes Hof überschwemmt. Das Geprasse beschränkt sich auf ein Stück Surbraten (an Brot), die einer aus ihrer Mitte in dünne Scheiben schneidet. Nein, mit dieser Zügellosigkeit möchte man nicht tauschen. Wie überhaupt die dauernde Beschwörung des großen Odysseus - noch nach 20 Jahren Abwesenheit! - jedes Freierherz gründlich entmutigen muß.Unter den Debatten der letzten Jahre um Botho Strauß war die über "Ithaka" bestimmt die lächerlichste. In der Darstellung eines Rächers, der mit einem Haufen selbstgenügsamer Falotten in diktatorischer Manier aufräumt, meinten manche, antidemokratische Züge zu erkennen. Das seit dem umstrittenen Essay "Anschwellender Bocksgesang" von 1993 geübte Gesellschaftsspiel, die Thesen des Zeitungsautors in seinen Dramen wiederfinden zu wollen, erreichte einen bizarren Höhepunkt. Wieder einmal wollte man einen Autor, einen Dramatiker!, mit seinem Helden verwechseln und sei es dieser gewiß übers Ziel hinausschießende Odysseus. Mit dem gleichen Recht aber kann man "Ithaka", diese bestechende Homer-Nachdichtung, als einen "Friedenstext" lesen. Wird doch am Ende Odysseus und die ihn ständig aufstachelnde Pallas Athene von Zeus selbst streng gemaßregelt. Seine Botschaft, in Thomas Langhoffs Inszenierung am Deutschen Theater von Athene nur unwillig nachgeplappert: "Herrscher und Untertanen lieben einander wie früher. Daraus erwachsen Wohlstand und Fülle des Friedens den Menschen."Die wahrscheinlich größte Tat von Strauß war es, die Heimkehr des Odysseus als Dramenstoff überhaupt erkannt zu haben. Tatsächlich hat diese Geschichte alles, was eine große alte neue Tragödie, ob attisch oder deutsch, braucht: Privates und Gesellschaftliches, Einzelne und Kollektiv in enger Umklammerung, enorme Fallhöhe (der König als Bettler als König), sowie eine metaphysische Kontrolle. Zusammen mit Strauß' seltenem Können, Erzähltes zu dialogisieren, aus Argumenten Figuren zu schaffen, ist "Ithaka" die politisch subtilste Antiken-Nachdichtung seit Heiner Müllers "Philoktet" und die witzigste seit Kleists "Amphytrion".Wie phantasievoll Botho Strauß das Medium Theater bedienen kann, zeigt sich jetzt in besonderer Weise im Deutschen Theater. Es ist kaum nötig, Strauß' Regieanweisungen zu umgehen, auf seinen Spannungsbogen ist Verlaß. Anders als in München, wo Dieter Dorn einigermaßen ungeschickt ein ständiges Augenzwinkern mitinszenierte, erweist sich die Texttreue Thomas Langhoffs als viel ergiebiger. Man denkt, das Stück sei dem Haus auf den Leib geschrieben. Dagmar Manzel als Penelope und Dieter Mann als Odysseus sind zwei Darsteller, die den konkreten Ton blendend beherrschen ohne je ins Private zu fallen, die Pathos wagen ohne einen Anflug von Lächerlichkeit. Mitreißend, berührend die lange Verwandlung Dagmar Manzels von der trickreich entstellten Furie zur zögernd Liebenden. Dieter Mann, auch er Sprachbehandlungskünstler, fehlt ein wenig die explosive Grimmigkeit von Bruno Ganz, dem Münchener Odysseus, in ihm sieht man mehr den mitunter unwilligen Erfüllungsgehilfen des Götter-Plans.Überhaupt bietet das Deutsche Theater alle besten Kräfte auf für diese dreidreiviertel Stunden Großtheater: Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann reizt, verspielt wie immer, alle technischen Möglichkeiten des Hauses aus, mit einer aus dem Unterbühnennichts auftauchenden Schlafgemachkapsel als raffiniertestes Kunststück. Sicher besetzt sind die tragenden Nebenrollen, mit einem bübisch zur Mannhaftigkeit drängenden Guntram Brattia als Telemach, mit einer elegant kriegerischen Ulrike Krumbiegel als Pallas Athene, mit den wunderbar wunderlichen Alten Rolf Ludwig (Laertes) und Carla Hagen (Euryklea).Thomas Langhoff glaubte nicht, Strauß verteidigen oder verbessern zu müssen. Er folgte den ironischen wie den ernsten Pfaden. So kann dieses Stück nun alle Beckmesserei spielend übertrumpfen. Sinn des Theaters. +++