Alte Rollenbilder verblassen. Ost und West ist auf der Suche nach einer neuen "Mütterlichkeit" und "Väterlichkeit": Wenn der Vater Quatsch macht

So viele Lebensmodelle, so viele Väter. Man findet Feierabend-, Stief-, Urlaubs-, Lebensabschnitts-, Wechsel-, Spielgruppen-, Zweit- und Drittväter. Es gibt Zahlväter, schwule Väter und väterliche Freunde. Das Vaterbild in der Krise? Oder ein "kreatives Chaos", das hoffen läßt?"Gerade in den vielen gescheiterten und ungeraden Beziehungen steckt eine große Chance für Veränderungen", sagt der Kölner Pädagoge Dieter Schnack. Zum ersten Mal hat jetzt eine Tagung die verschiedenen Welten zusammengebracht, die bisher nur separat behandelt wurden: "Väterlichkeit" und "Mütterlichkeit" in Ost und West. Ausgerichtet wurde sie von der Heinrich Böll Stiftung, gemeinsam mit der Publizistin Katrin Rohnstock, die sagt: "Die alten Rollenmodelle funktionieren nicht mehr. Wir befinden uns in einer Zeit der Unsicherheit, des Übergangs zu einem neuen Geschlechtervertrag."Was "Mütterlichkeit" ist, hat wohl jeder erfahren. Was aber ist "Väterlichkeit"? Weder im Osten noch im Westen hat diese Frage je eine besondere Rolle gespielt. Der Ruf nach einem Ausbau der Väterrechte fand vor der Wende in der DDR kein Echo. Bereits die Verfassung von 1949 erklärte es zur staatlichen Aufgabe, dafür zu sorgen, daß die Frau Beruf und Mutterschaft vereinbaren konnte. Für die Männer war es klar, daß sie arbeiten gingen und nebenbei Väter waren. Das Babyjahr nehmen oder beim kranken Kind zu Hause bleiben konnten sie bis 1986 nicht, und danach auch nur, wenn es Gründe für den Ausfall der Mutter gab. Im Westen wiederum herrschte lange der Typus des Ernährers vor. Die Adenauer-Republik förderte ein traditionelles Familienbild auf der Grundlage der "natürlichen Ordnung" der Geschlechter. Noch in den fünfziger Jahren war der Mann berechtigt, den Arbeitsplatz seiner Frau zu kündigen. Die sozialliberale Reformpolitik der siebziger Jahre sorgte für die gesetzliche Gleichstellung der Geschlechter, deren Umsetzung jedoch sofort wieder durch die sich verschärfende Situation auf dem Arbeitsmarkt in Frage gestellt war. Beides war kaum unter einen Hut zu bringen: volle Erwerbstätigkeit und Mutterschaft. Ein Teil der Frauenbewegung reagierte trotzig mit der Verweigerung der herkömmlichen Mutter- und Frauenrolle, forderte den Einzug in die Bereiche, die die Männer bis dato für sich in Anspruch nahmen Geschlechterkampf statt gleichberechtigter "Mütterlichkeit" und "Väterlichkeit".Der Balanceakt zwischen Beruf und Familie ist heute eher noch schwieriger zu meistern, die Verhältnisse sind noch familienfeindlicher geworden. Zugleich wachsen die Lebensansprüche junger Frauen und Männer. Väter entdecken mehr und mehr, daß sie den Anschluß an die Familie verlieren. Frauen wollen den Beruf und die Familie. "Ich definiere mich sehr stark über das, was ich tue", sagt eine junge Historikerin aus dem Westen. Sie würde nicht mehr wie ihre Mutter, eine Chemikerin wegen eines Kindes für immer aus dem Beruf aussteigen. Auch Männer schreckt das traditionelle Rollenbild eher ab. Eine Zuhörerin nannte es das "Modell Al Bundy" nach jenem amerikanischen TV-Serienvater, der den ganzen Tag Schuhe verkauft, abends frustriert nach Hause kommt, den Scheck rüberschieben darf und sonst nichts zu sagen hat.Jüngere Studien zeigen, wie wichtig der Vater für die Familie ist, und zwar von Anfang an. Der Berliner Psychoanalytiker Horst Petri erklärte, daß sich das familiäre Machtgefüge sehr früh herstellt. Bereits Säuglinge und Kleinkinder erleben die Eltern als getrennte Personen. Der Vater hat dabei unter anderem die Aufgabe, eine lebenslange Fixierung des Kindes auf die Mutter zu verhindern, indem er Trennungsängste abpuffert und Autonomie fördert und sei es durch den "Quatsch", den er mit dem Kind macht. Eine Befragung zeigt, daß für die Orientierung von Kindern die Berufstätigkeit beider Eltern wichtig ist, besonders die der Mütter für die Töchter. Eine andere Untersuchung bestätigt die Vermutung, daß abwesende, verschlossene Väter auch ebensolche Söhne produzieren. "Mein Vater war blind, er spürte nicht meine Not, meine Einsamkeit", sagt ein Germanist, der heute selbst nicht mit seinem Sohn umgehen kann. "Männer müssen mit Männern ins Gespräch kommen", fordert der Pädagoge Dieter Schnack. "Es gibt auf der Männerseite keine Kultur, das Private im Betrieb mit einzubringen." In der Kneipen- und Fußballwelt übrigens auch nicht. Vielen wird nie klar, was ihnen entgeht. Schnack erinnert sich an seinen Vater, 1923 geboren, Industriearbeiter im Westen, drei Schichten in einem heißen, lauten Betrieb. Er weiß noch, wie er roch, wie seine Arbeitstasche aussah, daß er im Laufe der Jahre immer schwerhöriger und seine Rolle in der Familie "immer weniger" wurde. Die Mutter war das Zentrum des Familienlebens. Sie entschied alles. Zu ihr kamen die Kinder mit ihren Problemen. "Erst als er sehr alt war, habe ich gemerkt, mit wieviel Liebe er mein ungerades Leben verfolgt hat. Ich glaube, daß er zu den Männern gehört, die um die Früchte ihrer Liebe betrogen wurden", sagt Schnack.Gründe, sich über Lebensvorstellungen auszutauschen, gibt es genug. Im Westen sind 38 Prozent und im Osten 33 Prozent der Männer auf der Suche nach einem neuen Rollenbild. Das ergab eine repräsentative kirchliche Studie von 1998, gefördert vom Bundesfamilienministerium, die der Bochumer Soziologe Rainer Volz vorstellte. Erstaunlich ist die große Übereinstimmung von Männern in Ost und West, zehn Jahre nach dem Fall der Mauer. Sie hat viel mit den vielfältigen Wandlungen der Gesellschaft zu tun.Als "traditioneller" Mann, der die Familie ernährt, die großen Entscheidungen trifft und die Zukunft plant, sieht sich heute nicht einmal mehr jeder fünfte. Allerdings versteht sich auch nur jeder fünfte als "neuer" Mann, wobei der Anteil im Osten etwas höher ist. Dieser Typus, der im Alter von 20 bis 40 Jahren und eher in qualifizierten Berufen zu finden ist, bleibt auch einmal für seine Kinder zu Hause, sieht in der Frau keine Konkurrentin, kümmert sich regelmäßig um den Haushalt, kann seine Gefühle zeigen und lehnt Gewalt ab. Doch diese "neuen Väter", so hat man auch festgestellt, sind nicht das, was die Öffentlichkeit aus ihnen macht. Sie helfen zwar im Haushalt mit, spielen mit ihren Kindern, lassen Drachen steigen, gehen zum Schulfest. Aufgaben wie Waschen, Windeln und Krankenpflege werden jedoch weiterhin gern an die Frau delegiert. "Ein knallharter Indikator ist: Wer macht das Klo sauber?" sagt die Berliner Soziologin Ursula Schröter. Etwa jeder vierte Mann sieht sich als "pragmatisch" (egozentrisch, aber auch solidarisch). Für Volz könnte das der "Typ der Zukunft" sein.Und wie ist es bei den Frauen? Vor allem im Westen schwinden alte Rollenbilder, wie eine Allensbach-Repräsentativstudie 1996 ergab. Das traditionelle Mutter-"Vorbild" ist tot. Nur noch 17 Prozent der Frauen zwischen 25 und 45 Jahren in West-Großstädten definieren sich über die traditionelle Rolle. Im Osten sind es fünf Prozent. Spontane Reaktionen auf die Werbung ergaben, daß sich die meisten weder als "blöde Mutter-Kuh", "Super-Frau", noch als "Power-Girlie" oder "Karrierefrau" sehen. Sie wollen Beruf, Kind und Partnerschaft unter einen Hut bringen.Vor allem bei den Frauen wird deutlich, wie nachhaltig die unterschiedliche Familienpolitik in Ost und West noch immer wirkt. Bereits die Mütter und die Großmütter der jungen Frauen im Osten waren voll berufstätig, nahmen am gesellschaftlichen Leben teil. Trotz der "Verschärfung des Arbeitsmarktes", der auch in vielen Ost-Familien die alten Rollenverhältnisse wieder herstellt, trotz der vielbeklagten "Doppelbelastung" und der Konflikte, die eine berufstätige Mutter mit sich auszutragen hat, sehen es noch immer 70 Prozent der Frauen als Ideal an, Mutterschaft und Vollbeschäftigung zu verbinden, im Westen dagegen nur 16 Prozent. Hier ist die Orientierung auf Mutter mit Teilzeitjob ausgeprägter (51 Prozent).Auch wenn viele ostdeutsche Männer "Väterlichkeit" als neuen Wert erst entdecken müssen als Väter haben sie im Osten noch immer ganz selbstverständlich ihren Platz. 80 Prozent der geschiedenen Väter pflegen einen intensiven Kontakt zu ihren Kindern. Im Westen sind es nur 50 Prozent. Der Leipziger Sexualforscher Kurt Starke sagt: "Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß die ostdeutschen Väter anders bleiben weil sie Ostmütter hatten und Ostfrauen haben."Noch optimistischer stimmt, daß im Osten und im Westen gleichermaßen für Jugendliche von 14 bis 17 Jahren noch immer die Werte "Partnerschaft und Familie, im Verein mit Ausbildung und Arbeit" ganz oben stehen. Bei 37 Prozent spielen Kinder für das künftige Lebensglück eine "sehr starke Rolle". Nur zwölf Prozent schließen sie völlig aus. 94 Prozent glauben an die große Liebe. "Junge Liebende zeugen irrational Kinder, auch wenn rational alles dagegenspricht", sagt Starke.Wie ist also der Ausblick? Die Rollenmodelle in Ost und West sind in Bewegung. Mit einer verbindlichen Teilung des Erziehungsurlaubs, Teilzeitmodellen, Arbeitszeitverkürzungen so wird gefordert soll die Gesellschaft den Vätern die Möglichkeit geben, in die Familie zurückzukehren. Eine neue Art Geschlechtervertrag, in dem beide Seiten von ihrer Macht (über die Arbeitswelt, über die Kinder) abgeben, ist notwendig. Die Familie wird nicht aussterben. Doch, und auch das wurde auf der Tagung deutlich: Die Kleinfamilie ist von diesem Balanceakt Kinder, Beruf, Partnerschaft, Freunde, Selbstverwirklichung überfordert. Vor allem im Westen finden sich daher mehr und mehr Formen wie Wahlfamilien, Wohngemeinschaften, gemeinsame Häuser oder Eltern-Kind-Gruppen. Im Osten funktioniert nach wie vor das "gute alte Modell Großeltern".