Altenpflege: Das Geschäft mit den letzten Jahren des Lebens

Es gibt sie: Pflegeheime, die sich einen Koch leisten, der jeden Tag mehrere frische Mahlzeiten zubereitet. Heime, in denen die Bewohner auf Toilette gehen dürfen, wenn sie müssen und keine Windeln tragen, nur weil diese für das Personal praktischer sind. In denen alte Menschen Hilfe beim Trinken bekommen, wenn sie Durst haben und nicht nur dann, wenn es der enge Zeitplan der Pfleger erlaubt. Doch sind das Einrichtungen, die auch bezahlbar sind? Oder haben die Betreiber recht, die Personalmangel, schlechtes Essen und Pflege im Akkord damit rechtfertigen, dass sie zu wenig Geld bekommen?

Letzteres zu glauben, fällt schwer. Denn Pflegeheime in Deutschland sind teuer. Ein Heimplatz in Berlin kostet im Monat in der Pflegestufe III im Schnitt 2.903 Euro, in Nordrhein-Westfalen 3.263 Euro, in Hessen 2.967 Euro, in Sachsen-Anhalt ist er noch am günstigsten mit 2.267 Euro. Dazu kommen die Ausgaben für Investitionen und Zusatzleistungen, die sich auf ein paar hundert Euro im Monat summieren können.

Die Pflegeversicherung erstattet in der höchsten Pflegestufe 1.550 Euro – bundesweit einheitlich. Der Betrag deckt also in vielen Bundesländern weniger als Hälfte der Kosten. Den Rest müssen die Betroffenen von ihrer Rente zahlen, und wenn die nicht reicht, stehen Kinder und Enkel in der Pflicht. Trotz dieser stolzen Preise klagen Betreiber, dass sie mit diesen Einnahmen unmöglich die Qualität bieten können, die von ihnen erwartet werde.

Bloß keine Waschgeschwader

Margarete Vehrs kann diese Klagen nicht mehr hören. In dem Heim, das sie leitet, stellt sie unter Beweis, dass sich moderate Preise und sehr gute Qualität miteinander vereinbaren lassen. Mehrfach wurde die Villa am Buttermarkt im Eifelörtchen Adenau mit Preisen ausgezeichnet, insbesondere für den vorbildlichen Umgang mit Demenzkranken. Ein Heimplatz der Pflegestufe III kostet bei Margarete Vehrs 3.658 Euro im Monat, damit liegt sie zwar über dem rheinland-pfälzischen Landesdurchschnitt, gehört aber nicht zu den teuren Einrichtungen. „Wir arbeiten auch am Limit und natürlich wäre es etwas leichter, wenn wir mehr Geld hätten. Aber ich habe in mehreren Einrichtungen gearbeitet und immer wieder erlebt: Die Heime machen fast alle Gewinne.“

Entscheidend ist für Vehrs, was man mit den Einnahmen macht. Der gemeinnützige Trägerverein Projekt 3, der neben der Villa am Buttermarkt noch sieben weitere Einrichtungen in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt betreibt, steckt das Geld zum Beispiel nicht in die Verwaltung, sondern ins Pflegepersonal. „Brauche ich unbedingt eine Qualitätsmanagerin, die am Schreibtisch sitzt und ganz viele Berichte schreibt, die kein Mensch liest? Oder stelle ich stattdessen eine weitere Pflegerin ein?“ Der Träger nimmt dafür in Kauf, dass seine Heime eine etwas schlechtere Note im sogenannten Pflege-Tüv der Krankenkassen bekommt, der solche Berichte zur Grundlage hat. „Dafür fühlen sich die Bewohner wohl“, sagt Margarethe Vehrs.

Doch noch etwas ist anders in Heimen wie der Villa am Buttermarkt, und das hat nichts mit Geld zu tun. „Die Strukturen. Oft ist es so, dass es in den Heimen sehr starr zugeht und sich das Personal engstirnig an feste Ablaufpläne hält, so dass keine Luft für die Bewohner ist, zum Beispiel auch mal später aufzustehen“, ärgert sich die Heimleiterin. „Aber es muss doch nicht frühmorgens ein Waschgeschwader loslaufen, damit alle um acht Uhr gestriegelt am Frühstückstisch sitzen. Und wer sagt denn, dass eine 90-Jährige von Kopf bis Fuß geschrubbt werden muss? Oder der 85-Jährige abends nicht länger aufbleiben und seinen Schnaps trinken darf?“

Verantwortungsloses Sparen zu Lasten hilfebedürftiger Menschen

Ist es also möglich, ein Pflegeheim so zu betreiben, dass Bewohner und Personal zufrieden sind und der Träger trotzdem Gewinne einstreicht? Selbstverständlich, sagt auch der Pflegeexperte Claus Fussek. Er hat kein Verständnis dafür, wenn Betreiber und Leiter jammern, ihr Haus sei defizitär, weil die Kassen zu wenig zahlen. „Es gibt keine Ausreden mehr. In jeder Stadt gibt es ordentlich geführte Einrichtungen, die unter ähnlichen finanziellen und personellen Rahmenbedingungen arbeiten wie die schlechten Heime und die zeigen, dass es anders geht.“ Wenn Heimträger nachts sechzig und mehr Bewohner von einer Pflegekraft versorgen lassen und deshalb demente Menschen fixieren oder mit Psychopharmaka ruhig stellen, dann ist das nach Fusseks Worten verantwortungsloses Sparen zu Lasten hilfebedürftiger Menschen. Der Grund sei häufig schlechtes Management.

Richtig ist aber auch, dass der Kostendruck zunimmt. Denn es gibt zu viele Heimplätze, vor allem in Ballungsgebieten herrscht ein Überangebot. Es gibt 2,5 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland, davon werden 743.000 in Heimen versorgt. Deutschlandweit sind die Einrichtungen im Durchschnitt zu 87 Prozent ausgelastet. Das klingt viel, ist aber zu wenig. Ein Heim braucht eine Auslastung von 95 Prozent, um kostendeckend zu arbeiten. „Von einer Boombranche kann keine Rede sein“, sagt der Branchenexperte Nikolaos Tavridis. Analysten rechnen deshalb mit einer Konsolidierung des Marktes. Will heißen: Pflegeheime werden übernommen, es bilden sich Ketten, unwirtschaftliche Einrichtungen werden vom Markt verschwinden.

Auch wenn die Demografie der Pflegebranche in die Hände zu spielen scheint, ein sicheres Geschäft ist ein Heim daher nicht mehr. Zwar droht hierzulande kein Baustopp für Pflegeheime, wie er seit Ende der 80er-Jahre in Dänemark gilt. Aber die Prioritäten haben sich inzwischen verschoben. Es gilt der Grundsatz: ambulant vor stationär. Gefragt sind Wohn- und Unterstützungsangebote, die Versorgungssicherheit bieten und zugleich ein Leben in der vertrauten Wohnung ermöglichen. Das Heim ist zur letzten Station geworden, wenn alles andere nicht mehr geht. Entsprechend kurz ist inzwischen die Verweildauer, in Großstädten beträgt sie nur noch sechs Monate. Der Fachkräftemangel bremst das Wachstum zusätzlich. Schon heute ist es in einigen Regionen fast unmöglich, qualifiziertes Personal für eine neue Einrichtung zu bekommen.

Traumnoten am Fließband

Und woran erkennt man nun ein gutes Heim? An der Pflege-Tüv-Note jedenfalls nicht, sagt Nikolaos Tavridis. Fast jede Einrichtung könne sich inzwischen mit der Bestnote sehr gut schmücken – sogar solche, die weniger Personal einsetzen als vereinbart.

Über die inflationäre Vergabe der Bestnoten kann sich der Pflegekritiker Fussek auch nur noch aufregen. Er hat einen einfachen Rat, wie man herausfindet, ob ein Heim hält, was es verspricht: „Fragen Sie den örtlichen Notarzt oder den Bestatter. Die wissen am besten Bescheid.“