Am Wochenende war die Zukunft zu Gast in den Uferhallen in Wedding, und einigen war dies wichtiger als die Gegenwart. "Eigentlich hätte ich auf meinem Parteitag sein müssen, aber ich glaube, hier ist es spannender", sagte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) zur Eröffnung der Messe Experimentdays 08.Wo früher Busse und Bahnen repariert wurden, trafen sich nun Wohnprojekte, Baugemeinschaften und Netzwerke, um ihre Ideen zu präsentieren und Mitbewohner zu finden. Fernab der Klientel für klassische Miet- oder Eigentumswohnungen, hört man hier oft die Worte selbstbestimmt, selbstverwaltet, generationenübergreifend und nachhaltig. Die Hausbesetzer sind erwachsen geworden, kaufen sich ihre Häuser selbst und sehen in der augenblicklichen Finanzkrise, die auch die Immobilienbranche trifft, sogar eine Chance."Die Großen sind ja jetzt alle pleite", sagt Mary-France Jallard Graetz. Sie gehört zur Bieterinitiative "Am Urban" und möchte die zum Verkauf stehenden Altbauten des Urbankrankenhauses in Kreuzberg erwerben. Für das 26 000 Quadratmeter große Gelände mit 19 Gebäuden hat sich neben den üblichen Großinvestoren auch eine Gemeinschaft aus dem Kiez beworben. Sie hätten das Vorkaufsrecht bekommen, Anfang November soll der Kaufvertrag unterzeichnet werden, sagt Graetz. Etwa 120 Wohnungen sollen in den denkmalgeschützten Gebäuden bis Ende 2010 entstehen. Mehr als die Hälfte der Wohnungen seien bereits verkauft, auf der Messe sucht Graetz weitere Interessenten. Dabei soll nicht irgendein Wohnpark entstehen. Die Umwandlung des Krankenhausgeländes in Wohnraum habe große Auswirkungen auf Leben und Sozialstruktur im Graefekiez. Die Bietergemeinschaft will mit günstigen Preisen vor allem den steigenden Wohnkosten in ihrem Stadtteil entgegenwirken, und junge Familien oder sozial schwächere Menschen im Stadtviertel halten. Die Wohnungen sollen zwischen 2 000 und 3 000 Euro pro Quadratmeter kosten.Günstige Zinsen sichernDie Finanzierung ihrer Idee ist das Hauptproblem, vor dem viele Baugruppen stehen. Bernhard Hummel hat ein besonderes Hilfsprogramm, er gehört zum sogenannten Mietshäuser Syndikat. Für den Kauf eines Hauses vermittelt das Syndikat niedrig verzinste Direktdarlehen von Freunden oder bestehenden, erfolgreichen Hausprojekten. Dabei ist es egal, ob eine Mietergemeinschaft dem drohenden Verkauf ihres Hauses zuvorkommen will oder eine Baugemeinschaft eine Immobilie erst noch kaufen möchte. Wie Hummel sagt, sollen die erworbenen Häuser dem Immobilienmarkt dauerhaft entzogen werden. Dazu wird für jedes Haus eine GmbH gegründet, an der das Syndikat und das Hausprojekt selbst beteiligt sind. Die Projekte bleiben autonom, sie dürfen das Haus später nur nicht gewinnbringend verkaufen, dafür sorgt das Vetorecht des selbst ernannten Mietshäuser Syndikats. Mittlerweile betreut das Freiburger Syndikat 43 Projekte, drei davon in Berlin, mit 1 100 Bewohnern.