BIELEFELD. Die Sanduhr steht für Zukunft. Wer auf das Symbol im Giebel des virtuellen Rathauses klickt, der landet bei Susanne Tatje und mit ihr im Bielefeld des Jahres 2040. Denn damit beschäftigt sich die Frau, die von der Internetseite lächelt: mit der Zukunft.Susanne Tatje ist Demografiebeauftragte. Die einzige bislang in Deutschland. Das es sie gibt, ist ein Zeichen. Berufen Städte erst einmal Fachleute, hat es das Thema endgültig auf die politische Agenda geschafft. Das war mit Frauen- und Umweltbeauftragten nicht anders.Wie werden die Menschen in Bielefeld im Jahr 2040 leben? Wie viele werden es sein? Sind sie alt oder jung? Sind sie in Bielefeld geboren oder zugezogen? Das sind die Fragen, mit denen sich die 53-Jährige beschäftigt.Die Demografiebeauftragte sitzt in ihrem Büro im Neuen Rathaus. Während ein normaler Sachbearbeiter sich einen Raum mit einem Kollegen teilen muss, umfasst Tatjes Reich zwei Zimmer. Das sagt viel über ihre Position in der Behörde. Tatje ist direkt dem Oberbürgermeister Eberhard David unterstellt.Der Christdemokrat David war es auch, der den Posten vor knapp zwei Jahren geschaffen hatte. Auslöser war ein Vortrag des Bevölkerungsforschers Herwig Birg über verödende Stadtkerne und vergreisende Gesellschaften. David fragte die Soziologin Tatje, ob sie Interesse habe. Sie überlegte nicht lange. Die Dissertation über Verwaltungsmodernisierung, an der sie gerade schrieb, landete in der Schublade. Dort liegt sie noch heute und wird wohl noch weiter auf ihre Vollendung warten müssen. Zu viel Zeit nimmt die neue Aufgabe in Anspruch. "Totale Leidenschaft" ist für Susanne Tatje die Beschäftigung mit dem Thema. "So ist das mit Amateuren", sagt sie über sich und lacht. Sie lacht viel und herzlich.Sie war keine Demografieexpertin als sie anfing, aber sie kannte sich in Verwaltungen aus. Unter anderem leitete sie acht Jahre das Referat für Gleichstellung im Familienministerium des Landes Nordrhein-Westfalen und arbeitete im Sozialdezernat der Stadt Bielefeld. Die Erfahrung hilft sehr. Denn sie muss nicht nur Politiker, sondern auch die Verwaltung überzeugen, dass sie mitzieht.Das bedeutet viel reden, viel überzeugen - aber auch viel zuhören. Einige Dezernate ignorieren das Thema Alterung. Andere, wie die Stadtplaner, haben bereits einiges in die Wege geleitet. So gibt es zum Beispiel Mietshäuser mit hauseigenem Pflegeservice. Eine Alternative zum Altersheim. "Ich will nicht als Frau Oberschlau vorschreiben, wo es in Zukunft langgeht", beschreibt Tatje ihre Rolle. Es ist ein Diskussionsprozess, ein miteinander. Als Beauftragte des Bürgermeisters kann sie es sich nicht leisten, das einer blockiert.Bielefeld wird sich verändern. Von Horrorszenarien wie denen einer vergreisenden Gesellschaft will Tatje nichts hören, "ich bin eine gnadenlose Optimistin". Doch die Bielefelder werden weniger und älter. Wissenschaftler sagen voraus, dass im Jahr 2050 noch 280 000 Menschen in der Stadt leben. Das sind etwa 50 000 weniger als heute. Und fast vierzig Prozent werden älter als sechzig Jahre sein. Auch darauf muss sich die Stadt einstellen.Die Bedürfnisse alter Menschen erfährt Tatje am eigenen Leib, als sie wegen eines Knochenbruchs vier Monate an Krücken gehen muss. Plötzlich bemerkt sie, dass es in der Innenstadt keine Bänke gibt. Die einzigen Plätze zum Ausruhen sind die Stühle von Cafés und Restaurants. Seither weiß sie auch, wo Toiletten im Keller und Bürgersteige niedrig sind oder welche Gebäude Aufzüge haben. "Das klingt so banal, aber diese Kleinigkeiten entscheiden über Lebensqualität."Tatje spricht mit Wissenschaftlern, Wohnungsbaugesellschaften, Schulleitern, Kontaktbereichsbeamten oder dem Krankenhauschef. Sie liest Bücher, Studien, recherchiert im Internet oder besucht andere Städte, zum Beispiel in Ostdeutschland, wo die Bevölkerung teilweise schon massiv geschrumpft ist. So schlimm wird es Bielefeld wohl nicht treffen. Dennoch muss die Stadt handeln und das zielgenau. Oder wie Tatje es ausdrückt: "Wenn ich den Deckel eines Marmeladenglases falsch ansetze, bekomme ich es nie zugeschraubt."Ihre Arbeit der vergangenen Monate hat sie auf 37 Seiten zusammengefasst. Dort beschreibt Tatje den Wandel der Stadt und wie man darauf reagieren könnte. Nahezu jeder Bereich der Kommune ist betroffen. Der Text ist leicht lesbar, wie sie betont, und mit Fußnoten versehen. Jede Zahl ist nachprüfbar. "So kann keiner sagen: Typisch Soziologin, das versteht man ja nicht", sagt Tatje.Im Juni wird der Rat in zweiter Lesung über ihr Konzept abstimmen. Er wird entscheiden, ob das Thema demografischer Wandel in Form einer ressortübergreifenden Arbeitsgruppe fester Bestandteil der kommunalen Planung wird. Er wird auch darüber entscheiden, welche Ziele sich die Stadt dann geben wird: Familienfreundlichste Stadt, um Eltern zu halten; Hochschulstadt, um junge Menschen zu locken; barrierefreie Stadt, damit sich Alte wohl fühlen; integrationsfähige Stadt, um Zuwandererfamilien anzuziehen. Es gibt nicht einen Weg in die Zukunft, sagt Tatje, es gibt viele. Es hänge davon ab, was für eine Stadt man will.------------------------------Zwei Millionen Paare sind ungewollt kinderlos - der Staat hilft nur begrenztDie Politiker klagen über die niedrige Geburtenrate bislang recht abstrakt. Offenbar scheuen sie davor zurück, Bevölkerungspolitik zu machen. Dabei hätte die Bundesregierung durchaus Möglichkeiten, auf die Entwicklung einzuwirken - etwa um jenen Frauen zu helfen, die auf natürlichem Wege nicht schwanger werden können:Künstliche Befruchtung: Eine recht einfache Methode, die Zahl der Geburten in Deutschland zu erhöhen, bestünde darin, gesetzlich versicherten Paaren wie vor der Gesundheitsreform die Kosten für die künstliche Befruchtung zu zahlen. Das würde zwar nicht das Demografieproblem lösen, doch die Geburtenrate ließe sich so um immerhin 10 000 Kinder pro Jahr erhöhen. Denn so viele Kinder kommen jährlich in Deutschland weniger auf die Welt, seitdem die gesetzlichen Krankenkassen im Januar 2004 die Zuschüsse für die künstliche Befruchtung halbierten. Das entspricht der Zahl der Babys, die in einer Großstadt wie München jedes Jahr auf die Welt kommen. Angesichts des dramatischen Geburtenmangels keine geringe Größe.Dabei dürften nicht nur die hohen Kosten von mindestens 1 500 Euro für eine In-Vitro-Fertilisation zum Rückgang der Behandlungen um 50 Prozent binnen eines Jahres geführt haben. Verschärfend wirkten sich auch neue Einschränkungen aus: So übernehmen die Kassen nur noch bei verheirateten Frauen zwischen 25 und 40 Jahren die Hälfte der Kosten, die Zahl der Versuche wurde zudem auf drei beschränkt. Eine Änderung der Gesetzeslage ist dennoch nicht in Sicht, im Gegenteil: Künftig dürfte es sogar noch weniger Retortenbabys geben, denn die gesetzlichen Kassen haben ihre Leistungen weiter eingeschränkt.Eizellspende: Etwa 15 Prozent aller Paare in Deutschland - das sind etwa zwei Millionen Paare - sind ungewollt kinderlos. Die Tendenz ist steigend, da die Frauen immer älter werden, wenn sie Kinder möchten. Mit zunehmendem Alter nimmt jedoch die Fruchtbarkeit ab. Liegt das Problem am Mann, weil er steril ist, dann bleibt als Ausweg die Samenspende eines anderen Mannes. Die ist in Deutschland legal, solange das Paar verheiratet ist und der Mann kein Kind zeugen kann. Produziert die Frau dagegen keine Eizellen - weil sie zum Beispiel zu alt und bereits in den Wechseljahren ist - dann muss sie ins Ausland reisen, wenn sie schwanger werden will. Denn das strenge Embryonenschutzgesetz verbietet hier zu Lande die Eizellspende. Für Reproduktionsmediziner ein Widerspruch. Sie beklagen den "Fortpflanzungstourismus" und fordern, die in Spanien oder den USA legale Eizellspende auch in Deutschland zu ermöglichen.Pränatale Diagnostik: Die Erfolgsquote bei einer künstlichen Befruchtung liegt in Deutschland bei knapp 27 Prozent, je nach Alter der Frau. Häufig liegt es an Fehlern im Erbgut, dass es mit der Schwangerschaft nicht klappt. Trotzdem ist die "Baby-take-home-Rate" in vielen Ländern deutlich höher. Denn dort dürfen Reproduktionsmediziner, was ihnen hier das deutsche Embryonenschutzgesetz verbietet: Sie können die im Reagenzglas befruchteten Eizellen auf Anomalien im Erbgut untersuchen, bevor sie sie in die Gebärmutter einpflanzen. Das heißt, sie setzen nur diejenigen ein, die tatsächlich gute Aussichten haben, sich einzunisten, die übrigen werden verworfen oder zu Forschungszwecken gespendet. In Deutschland muss dagegen jeder lebensfähige Embryo sofort eingesetzt werden, ohne dass er genetisch untersucht werden kann. Ärzte beklagen, dass sie somit auch Embryonen einpflanzen müssen, von denen sie wissen, dass sie nicht überleben werden. Die Erfolgsaussichten sind damit deutlich geringer. (mir.)------------------------------Grafik: Durchschnittsalter von Müttern------------------------------Grafik: Anzahl künstlicher Befruchtungen------------------------------Foto: Viele Senioren verbringen ihren Lebensabend wie diese altersverwirrte Frau in einer betreuten Einrichtung.------------------------------Foto: Susanne Tatje ist Demografiebeauftragte von Bielefeld.