Der Weltsport hat einen neuen Antidopingcode und die Wada, die World Anti-Doping Agency, einen neuen Präsidenten. Doch insgesamt wurde die Wada, dieses fragile Gebilde mit seinen Hauptaktionären aus Sport und Politik, auf der dritten Weltantidopingkonferenz eher geschwächt. Unwürdiges Personalgeschacher überschattete die Tagung. Verantwortlich dafür sind allein die europäischen Sportminister. Europas Minister, die selbstgefällig dem Rest der Welt Lektionen in Demokratiefragen erteilen wollten, brachten es nicht einmal fertig, zum Wahltag einen akzeptablen Kandidaten für den Vorsitz aufzubieten. So wurde der Australier John Fahey für die kommenden drei Jahre zum Präsidenten bestimmt."Wer zahlt schafft an", auf diesem billigen Muster gründete Europas Anspruch. Tatsächlich zahlt Europa knapp die Hälfte des Anteils der Politik am Wada-Budget und somit etwa ein Viertel des Gesamtetats. Dies berechtigt indes niemanden, in einer schmutzigen Kampagne den statutengemäß von anderen Kontinenten nominierten Fahey zu attackieren. Die Europäer, unter denen das Team des deutschen Staatssekretärs Christoph Bergner besonders schmachvoll und tollpatschig agierte, beschädigten auch die Integrität des scheidenden Wada-Chefs Richard Pound. Dabei ist Pound, Präsident seit der Gründung vor acht Jahren, der Spiritus Rector des Gremiums, das sich der titanischen Aufgabe verschrieben hat, alle Maßnahmen im Kampf gegen Doping zu bündeln und weltweit zu harmonisieren.Nun werden ausgerechnet ihm, der mit der Wada das transparenteste Gebilde des Weltsports geformt hat, der jedes zu diskutierende Dokument, die Finanzpläne und sogar die Protokolle der Vorstandssitzungen ins Internet stellt, undemokratische Verhaltensweisen vorgeworfen. Der Rest der Welt wundert sich über das Wehklagen der europäischen Verlierer: Europa wollte im letzten Moment noch den wegen Korruption verurteilten Franzosen Guy Drut aufbieten; Europa verblieb schlussendlich ohne Kandidaten und trug nur zwei Resolutionen mit unbelegten Vorwürfen vor; Europa schaffte es nicht einmal, gemeinsam gegen Fahey zu stimmen. Ein europäischer Delegierter, offenbar der slowenische Sportminister, scherte aus der jämmerlichen Allianz aus.All jene, die so gern das Subsidiaritätsprinzip und die Autonomie des Sports betonen, sehen sich durch die Kabale und Hiebe der Weltkonferenz von Madrid in ihrer Argumentation bestätigt. Das ist jedoch genauso großer Unsinn wie die Argumentationen der europäischen Sportpolitiker im Wada-Stiftungsrat.Es bleibt eminent wichtig, die Sportorganisationen zu kontrollieren, die wie globale Konzerne operieren und alljährlich weltweit Dutzende Milliarden Dollar aus öffentlichen Mitteln verschlingen. Es sind Konzerne, zugunsten derer beständig Sondergesetze und Steuererleichterungen verabschiedet werden und die sich weitgehend internationalen Konventionen entziehen, beispielsweise allen weltweit gültigen Antikorruptionsabkommen.Das Gerede von der Autonomie des Sports ist deshalb verlogenes Geschwätz, weil es meist nur darauf angelegt ist, diesen Sonderstatus auszubauen. Das kann nicht sein. Niemand verlangt, dass der Staat täglich regulativ in das Sportsystem eingreifen soll. Es braucht vielmehr grundlegende Klarheit: Erstens einen gesetzlichen Rahmen, der harte Strafen für Dealer und Doper vorsieht. Zweitens vielfältige Sanktionsmöglichkeiten wie die Sperre von Haushaltsmitteln. In beiden Punkten hat auch Deutschland erheblichen Nachholbedarf.Im Sportausschuss des Deutschen Bundestages und im für den Sport verantwortlichen Bundesinnenministerium wird nicht wirklich durchgegriffen. Dabei wäre es so einfach, wenn man tatsächlich wollte. Doch Lobbyismus bestimmt das Politikgeschäft mit dem Sport und führt zu der ungeheuren Selbstgefälligkeit, mit der verkündet wird, dieses Land sei Vorreiter in der Dopingbekämpfung. Mitnichten: Die schlimmsten Hexenmeister des Dopings stammen aus Deutschland, aus dem Osten und aus dem Westen. Das Sportsystem wird derzeit erneut von unaufgeklärten Fällen systematischen Dopings erschüttert, nicht nur im Radsportskandal um das Team Telekom und die Freiburger Universitätsklinik, die seit Jahrzehnten die deutsche Sportmedizin dominiert. Darauf sollten sich deutsche Sportpolitiker konzentrieren - und nicht darauf, immer wieder die Autorität der Wada und ihrer führenden Köpfe zu untergraben.------------------------------Die schlimmsten Hexenmeister des Dopings stammen aus Deutschland, aus dem Osten und aus dem Westen.