Traumvilla, reetgedeckt, 600 Quadratmeter Wohnfläche, Eßecke in Mahagoni, Bar, Swimmingpool, Tennisplatz, ziegelsteinrote Stallanlagen, saftige Wiesen, edle Pferde. Wo kann es schöner sein? Doch nun liegt ein Schatten über dem Paradies von Alwin Schockemöhle.Der Trabrennverein Mariendorf, Veranstalter des Deutschen Traber-Derbys, hatte die Idee, im Vorfeld des Großereignisses, einige Berliner Journalisten zu einem Plauderstündchen mit dem Besitzer eines der Favoritenpferde einzuladen. Bei Alwin Schockemöhle im südoldenburgischen Mühlen stand ein solches im Stall. Neben vielen anderen Klassetrabern. Schockemöhle ist einer der erfolgreichsten Besitzer und Züchter Deutschlands. Viermal schon konnte er nach dem Derby den Siegerkranz mit nach Hause nehmen. Zuletzt 1994, als Sunset Lane so überraschend gewann.Diesmal soll Scott beim den Dreijährigen vorbehaltenen Jahreshöhepunkt Ruhm und Geld von Alwin Schockemöhle mehren. Als Sieger des Buddenbrock-Rennens, einer wichtigen Derby-Vorprüfung, stehen seine Chancen so schlecht nicht, auch wenn er nicht der Top-Favorit ist.Alwin Schockemöhle ist es gewohnt, Gäste zu empfangen - aus dem In- und Ausland. "Erst gestern waren Engländer hier", sagt er, nachdem er uns als Barkeeper mit Getränken nach Wahl versorgt hatte. An seiner Seite Ehefrau Rita, frisch und fröhlich. Ein beneidenswertes Glück. Rita Schockemöhle war in erster Ehe mit dem früheren Weltmeister im Springreiten, Gerd Wiltfang, verheiratet. "Sie hat vier Kinder, ich fünf, zusammen sind es sieben", stellt der Hausherr uns vor ein mathematisches Rätsel, das er nach einer Pause schließlich selbst löst: "Rita hat zwei mit in die Ehe gebracht und ich drei. Zwei haben wir gemeinsam, Vanessa und Christina."Abendliche Stille in den Stallanlagen und auf den Koppeln. Die Pferde dösen nach getaner Tagesarbeit vor sich hin. "25 Rennpferde, drei Deckhengste, 50 Mutterstuten, 40 Fohlen, 30 Jährlinge", versorgt uns der Besitzer Schockemöhle mit statistischem Material.Wir halten vor einer Box. "Das hier ist Sunset Lane, der Derbysieger von 1994." Sunset Lane habe gesundheitliche Probleme gehabt, erfahren wir, und dürfen sogar eine Verhärtung am Hals ertasten. "Es wird schon wieder", ist der Besitzer überzeugt."Wo steht denn Scott, der diesjährige Derby-Kandidat?""Da kommen wir auch noch hin", verspricht Alwin Schockemöhle dem Frager. Aber es gibt ja noch soviel anderes Interessantes zu sehen. Das Prunkstück ist die überdachte Trainingsbahn. Eine Investition von mehr als zwei Millionen Mark. Bis heute einmalig in der Welt. 1 020 Meter lang, acht Meter breit. "Hier können wir bei jedem Wetter fahren", erklärt Schockemöhle. Der 58jährige ist zufrieden mit sich und der Welt. Sein Vermögen wird auf mindestens 30 Millionen Mark geschätzt. "Ich habe genug, das reicht für mich und meine Familie", begründet er nachlassende berufliche Aktivitäten neben dem Pferdesport. Beim Abendbrot im nahegelegenen Hotel kommt die Rede auch auf Paul zu sprechen, den acht Jahre jüngeren, schlagzeilenträchtigeren Bruder. Den dreifachen Europameister der Springreiter in den achtziger Jahren. Den Mann, der Hoppegarten kaufen wollte, bevor die unrühmliche Barren-Affäre den Plan durchkreuzte. Den Mann, der das internationale Reitturnier in der Berliner Deutschlandhalle zum ungeahnten Höhenflug führte. Den Mann, der seit einiger Zeit auch Herr von Gut Lewitz in Mecklenburg ist. Mit über 1 000 Pferden auf 3 000 Hektar ist es das größte Gestüt Europas. 60 Millionen Mark hat Paul dort investiert."Paul braucht Streß, was der sich alles an den Hals holt, ist verrückt", kommentiert Alwin die Aktivitäten des Bruders. "Wenn Paul mir den ganzen Laden anbieten wollte, würde ich rausgehen und mich erschießen."An sportlichem Ruhm aber steht Alwin Schockemöhle dem Jüngeren nicht nach. Im Gegenteil. Nur liegen die Erfolge schon etwas länger zurück. Alwin war Olympiasieger 1960 in Rom mit der deutschen Springreiter-Equipe, gewann 1968 in Mexiko Bronze, 1976 in Montreal Silber mit dem Team und Gold im Einzel.Danach trat er ab. Der Rücken schmerzte zu sehr, da half selbst das Damen-Korsett nicht mehr, das er trug.Der Pferdeliebhaber wechselte zu den Trabern und erreichte auch hier Weltklasse - nicht als Sulkyfahrer, aber als Züchter und Besitzer. Campo Ass, der mit 2,21 Millionen Mark gewinnträchtigste deutsche Traber aller Zeiten, kommt aus seinem Stall. Ebenso Diamond Way, der erfolgreichste deutsche Deckhengst aller Zeiten.Und nun auch Scott. Die diesjährige Derby-Hoffnung sehen wir allerdings nicht. Schockemöhle zeigt uns soviel anderes, daß wir das neueste Paradepferd glattweg vergessen. Was soll's, wir werden ihn ja beim Derby in Aktion bewundern können.Wer ihn lenken wird, stehe allerdings noch nicht fest, so der Besitzer bei abendlich gemütlicher Runde. Alwin Schockemöhle ist ein exzellenter Unterhalter. Nur ab und an unterbricht er sich selbst, um nachzufragen, ob noch jemand einen Wunsch habe. "Noch 'nen Malteser?". Als keiner mehr bejaht, ist es schon ein gutes Endchen nach Mitternacht. Früh um 7 Uhr folgt ein kurzer Foto-Blitzbesuch - der Meister selbst steigt dazu in den Sulky -, dann geht es zurück nach Berlin. Waren echt tolle Stunden.Als ich um 14 Uhr zum Spätdienst in der Redaktion antrabe, schenkt mit der Computer den reinen Wein ein, den uns der gastfreundliche Pferdezüchter offensichtlich bewußt vorenthielt. Die Agentur meldete um 13.48 Uhr, daß zwei Pferde von Alwin Schockemöhle beim Dopingtest positiv waren. Scott und die zweijährige Stute Corinna Ass. Ausgangspunkt ist eine Hamburger Zeitung vom gleichen Tag. Der Beschuldigte wird dort wörtlich zitiert.An den folgenden Tagen gibt es weitere Verlautbarungen. Schockemöhle fühle sich hundeelend, wird berichtet. Er weist die Vorwürfe zurück, spricht von einem "gemeinen Anschlag mit klarer Absicht, um uns zu schaden". Auch davon, daß er erwäge, gegen die Sperre mit einer Einstweilige Verfügung vorzugehen.Ganz ehrlich: An dem gemütlichen Abend in lauschigen Mühlen hätte ich ihm seine Unschuld ohne weiteres abgenommen. Nicht nur wegen der Malteser.

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