Eigentlich sollte alles besser werden: Vor gut drei Jahren beschlossen SFB und ORB eine weit reichende Zusammenarbeit bei ihren Radioprogrammen, um sich in der Region nicht gegenseitig Konkurrenz zu machen. Neben den gemeinsam betriebenen Sendern Radio 1 und Inforadio galt vor allem den neuen Kulturprogrammen Radio Kultur und Radio 3 (hier war neben SFB und ORB auch der NDR beteiligt) großes Augenmerk. Doch mit der Zeit stellte sich heraus, dass sich gerade die beiden Kulturwellen gegenseitig Hörer wegnahmen. Beide erreichten nicht mal ein Prozent des Publikums. So kündigte im vergangenen Jahr erst der ORB einen Teil der Kooperation auf, danach der SFB einen anderen. Daraufhin stritten SFB und ORB mehr als ein Jahr über die Neustrukturierung ihrer Hörfunkwellen. Erst nachdem die Medienanstalt drohte, den Kontrahenten Frequenzen zu entziehen, einigten sich die Sender. Sie nahmen sich unter anderem vor, die Kulturprogramme besser voneinander abzugrenzen. Nun starten am 1. Januar Radio Drei (nur noch produziert von ORB und NDR) und Radio Kultur (SFB und ORB) mit neuen Programmschemata. Doch wer die Pläne nebeneinander legt, fragt sich, worin denn nun der Fortschritt bestehen soll. Zumindest auf dem Papier sind die Überschneidungen größer denn je. Radio Drei widmet sich wie bisher ganz der klassischen Musik, der Wortanteil wurde auf 10 Prozent heruntergefahren. Der ORB bringt in das vom NDR produzierte Programm sechs eigene Stunden ein und will hier mit vielen Konzertmitschnitten das Brandenburger Musikleben widerspiegeln. Dafür wurden die bisher beim SFB für Radio Kultur tätigen Musikredakteure nach Babelsberg zurückbeordert. Der SFB, bisher Dritter im Bunde, stieg aus der Kooperation aus. Der Rundfunkrat sperrte sich gegen eine Kosten sparende Dreierlösung mit dem NDR. Das Programm wurde "Klassikdampfer" gescholten, der die besondere Stellung der Kulturmetropole Berlins nicht widerspiegele. Nun sieht es allerdings ganz danach aus, als wollte der SFB selbst einen Klassikdampfer vom Stapel lassen. Das Programm Radio Kultur, an dem sich der ORB künftig nur noch mit zehn Prozent (bisher 15 Prozent) beteiligt, wird unter dem neuen Wellenchef Wilhelm Matejka ebenfalls ganz auf Klassik ausgerichtet. Die zentralen Sendungen heißen "Klassik zum Frühstück", "Klassik plus", "Klassik nach Wunsch" und "Klassik-Galerie". Jazz und Weltmusik laufen nur noch in der Stunde vor Mitternacht. Angesprochen werden sollen damit "Klassikliebhaber und Kulturinteressierte", und die Reihenfolge ist kein Zufall. Der SFB beruft sich auf Umfragen, die allein in Berlin 380 000 Hörer, etwa 14 Prozent der Bevölkerung, als Zielpublikum versprechen. Deutlichster Unterschied zu Radio Drei bleibt der wesentlich höhere Wortanteil, auch wenn die Zeit etwa für Literaturmagazine gekürzt wurde. Im Rundfunkrat des SFB war dieses Konzept umstritten. Doch die Einwände wurden zurückgestellt, um die Welle insgesamt nicht zu gefährden. Um die drohende Konkurrenz zu vermeiden, wird stattdessen gefordert, die Berliner Frequenz von Radio Drei dem eigenen Programm SFB Multikulti zuzuschlagen. In der Rundfunkratssitzung vom Montag protestierte nur noch Jochen Esser von den Grünen gegen das "extrem traditionalistische Konzept" von Radio Kultur. Dafür gehen die Auseinandersetzungen unter den Mitarbeitern weiter. Ein Redakteur spricht von einem regelrechten "Kulturkampf" in der Belegschaft. Die einen halten nur E-Musik eines Kulturprogramms für würdig, die anderen würden auch Popmusik senden. So wird man den Eindruck nicht los, dass das letzte Wort bei den Kulturprogrammen der Region noch nicht gesprochen ist.Vier gemeinsame Wellen // Gemeinsame Wellen SFB und ORB veranstalten gemeinsam vier Hörfunkprogramme: Inforadio, Radio Kultur, Fritz und Radio Eins. Die Federführung für Inforadio und Radio Kultur liegt beim SFB. Der ORB hat die Federführung beim Jugendprogramm Fritz und bei Radio Eins. Der ORB kooperiert außerdem beim Kulturprogramm Radio Drei mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR).In eigener Regie sendet der SFB die Programme 88,8 und SFB Multikulti; der ORB Antenne Brandenburg.Frequenzen der Kulturwellen: Radio Kultur sendet in Berlin auf der UKW-Frequenz 92,4 MHz, Lausitz 99,9, Oderland 102,0. Radio Drei ist in Berlin auf der UKW-Frequenz 96,3 zu hören, ab 2001 flächendeckend in Brandenburg (Prignitz 91,7, Oderland 96,8, Fläming 100,2 Lausitz und Uckermark 104,4) "In letzter Minute ist doch noch eine Einigung zustande gekommen. " Horst Schättle, SFB-Intendant "Radio Drei soll eine Alternative zum privaten Klassikradio sein. " H-J. Rosenbauer, ORB-Intendant