LEIPZIG, im Mai. Es ist der Himmelfahrtstag, als kurz nach sechzehn Uhr eine Salve über das Deck der "Buéa" peitscht. Ein Schnellgericht der deutschen Kriegsmarine hatte Stunden zuvor drei Matrosen der eigenen Truppe zum Tode verurteilt. Alfred Gail, Martin Schilling und Fritz Wehrmann werden auf einem Schiff auf der Ostsee hingerichtet. Sie sterben am 10. Mai 1945, am zweiten Tag des Friedens.Zu Hause in Leipzig wartet zu dieser Zeit Hans-Joachim Wehrmann auf den älteren Bruder. "Wir wussten nur, dass Fritz da oben in Dänemark sein soll." Hans-Joachim war in den letzten Tagen selbst vor dem Krieg davongelaufen. An der Fulda hatte er die Front aufhalten sollen, als Sechzehnjähriger, ohne Gewehr. "Zu dritt sind wir getürmt. Ich bin zu Fuß nach Leipzig und war sogar ein paar Tage vor den Amerikanern hier." Fritz kommt nicht.Je älter der Mensch wird, desto näher rückt ihm die Vergangenheit. Zeiten seines Lebens, von denen er lange nichts wissen wollte, drängen ins Bewusstsein. Es ist sechzig Jahre her, und nun kehrt der Krieg wieder zurück. In diesen Tagen des Erinnerns muss sich auch Hans-Joachim Wehrmann erinnern, ob er es will oder nicht. Eigentlich will er nicht. Er hat den Bruder im Herzen bewahrt. Ein Grab war Fritz nicht vergönnt. Nicht einmal das. "Warum besuchen Sie nicht seine Mörder?", fragt Wehrmann. "Ich möchte wissen, wie viele von dieser Sorte noch durch unsere Gassen gehen."Hans-Joachim Wehrmann lebt in einer Neubauwohnung in Leipzig. Er ist ein kräftiger Mann, er hat als Heizungsmonteur gearbeitet. Er sieht so aus, als könne ihn nichts erschüttern. Denkt er daran, was mit seinem Bruder geschah, verliert er leicht die Fassung. Er regt sich auf. Ihm kommen die Tränen. Was soll das alles noch? Es gibt den alten DDR-Fernsehfilm "Rottenknechte", von Frank Beyer, in dem das Schicksal seines Bruders eine Rolle spielt. Es gibt den neuen Roman "Steilküste", in dem der Flensburger Autor Jochen Missfeldt dem Geschehen nachspürt. Mit jeder erzählerischen Annäherung wird die Erinnerung an den Bruder ungefährer.Wehrmann schiebt eine Fotografie auf dem Tisch hin und her. Das Foto zeigt einen gut aussehenden Mann im Matrosenhemd, kräftige Lippen, eine blonde Stirnlocke. "Ein Frauenheld war er ja durchaus", sagt Hans-Joachim Wehrmann und steckt schon mitten drin in der Geschichte seines Bruders. Einmal sei Fritz auf Heimaturlaub gekommen. "Es klingelt, ein hübsches Mädchen steht vor der Tür", sagt Wehrmann, "dann klingelt es wieder, noch ein Mädchen, und schließlich taucht sogar eine Dritte auf. Ich weiß nicht, wie er das gemeistert hat."In seinem Tagebuch schreibt Fritz Wehrmann: "Man kennt im Allgemeinen in mir nur die Frechheit in Person, den bodenlosen Leichtsinn, das ewig Unruhige. Die Frechheit, mit der ich jede Situation für mich zu Gunsten zwinge. Aber meines Erachtens nach braucht man eben in dieser komischen Situation, ,Leben' genannt, diese Frechheit, mit der ich behaftet bin."Fritz Wehrmann wird am 7. Juli 1919 in Mölkau bei Leipzig geboren. Seine Mutter Anna Wehrmann ist bei der Geburt ihres ersten Kindes 34 Jahre alt. 1925 kommt ihr Sohn Gerhard zur Welt, drei Jahre darauf Hans-Joachim. Dann lässt sich ihr Mann scheiden. "Er hat die Flocke gemacht und nie einen Pfennig gezahlt", sagt Wehrmann. Die Mutter mit ihren drei Söhnen muss das Häuschen am Stadtrand aufgeben. Sie ziehen in eine Wohnung im Zentrum. Dritter Stock, Hinterhaus. Anna Wehrmann, die keinen Beruf gelernt hatte, geht putzen, den Tag lang und die halbe Nacht. Sie lebt nur noch für ihre Söhne.Sie achtet auf alles. "Wenn wir gesächselt haben, gab's eins auf den Mund", sagt Hans-Joachim Wehrmann. Die Mutter möchte, dass ihre Söhne etwas lernen. Den Großen, wie Hans-Joachim seinen Bruder nennt, meldet sie bei der Büchergilde an. Fritz liest, was er in die Hände bekommt. Im Sommer gehen die Jungen fast jeden Tag ins Westbad. Sie haben eine Saisonkarte. "Fritz war eine richtige Wassermaus", sagt Wehrmann, "der Große hat mir das Schwimmen beigebracht."Acht Klassen Schule müssen reichen. Fritz Wehrmann soll die Familie mit ernähren. Er lernt Modellschlosser und Schmied. Nach Feierabend baut er sich aus Ersatzteilen ein Fahrrad zusammen. Er unternimmt Touren ins Elbsandsteingebirge, nach Thüringen. Einmal fährt er mit dem Rad von Leipzig bis nach Hamburg. Fritz besichtigt den Hafen. Das ist es, wonach er sucht. Er beschließt, zur See zu fahren. Dann beginnt der Krieg.Fritz will zur Marine, will die Welt sehen und landet unter Deck, bei den U-Booten, den schwimmenden Särgen. "Von den U-Booten ist er ganz schnell wieder weg", sagt sein Bruder, "er hat gemerkt, was für eine kitzlige Sache das ist." Wie er es geschafft hat, wisse er nicht genau. "Vielleicht hat er Platzangst simuliert." Fritz Wehrmann kann die Situation mal wieder zu seinen Gunsten umbiegen. Frechheit siegt. Er wird zu den Torpedoschnellbooten versetzt. Seine Einheit liegt im Mittelmeer, die längste Zeit vor Sizilien.Seinen Vorgesetzten ist Matrose Wehrmann ein schlechter Soldat. Er macht sich Gedanken. "Die Menschheit ist so brutal", lautet im November 1942 sein erster Eintrag ins Tagebuch. Er fragt sich, "was bin ich eigentlich für ein Mensch?"In den drei Jahren, die er sein Notizbuch führt, wird er immer wieder darauf zurückkommen. Er merkt, wie ihn dieser Krieg zu verändern beginnt. "Der Mensch kommt direkt ab und zu in Gewaltstimmungen. Das geringste Wort bringt alles Mögliche zur Entladung", schreibt er. "Man staunt, wie tief ein Mensch sinken kann. Man staunt, wie man fähig ist, einen Menschen erniedrigen zu können ... Eigentlich ist man kalt, sehr kalt."Fritz Wehrmann sitzt fest. Ein Boot, viel Zeit, kein Sinn. Über die militärischen Einsätze im Mittelmeer steht nichts im Tagebuch."Ein Lebewesen ist eine Zentrale des Handelns, und wenn wir nicht handeln - als Einzelwesen handeln - verwirken wir unser Recht auf das Dasein selbst", schreibt er. Sein Ton ist oft schwärmerisch. "Die Zeit steht nicht still, wie Staub treibt sie den Menschen vor sich her, ob diese nun wollen oder nicht, niemand fragt sie danach. Man kann den heiteren Tag mit seinem Glanze nicht aufhalten, nicht den trüben mit seinen Tränen." Es lässt sich leicht vorstellen, dass ein Mensch, der solche Worte findet, beim Kommiss vor die Hunde geht. Es sei keine Woche vergangen, schreibt Wehrmann, "an der ich nicht meine bestimmte Zeit restlos blau war."In vier Kriegsjahren bekommt er nur zweimal Urlaub. Er sitzt öfter im Arrest, als im Zug nach Hause. Seine Mutter Anna in Leipzig erhält einen Brief seines Vorgesetzten, in dem dieser sie dringend bitten möchte, auf ihren Sohn einzuwirken, "damit er sich bessert und sich in seiner Haltung grundlegend ändert". Doch Wehrmann bessert sich nicht."Er war immer gegen den Krieg", sagt sein Bruder. "Als er auf Kreta stationiert war, wollte er abhauen." Was damals passiert ist, lässt sich heute nur vermuten. Könnte sein, dass Fritz Wehrmann desertieren wollte. Es wäre aber auch denkbar, dass er Griechen Lebensmittel zugesteckt hat. Es muss etwas vorgefallen sein. Fritz Wehrmann wird wegen "Verstoßes gegen die militärische Zucht und Ordnung" in das 31. Marinestraflager in Lettland abkommandiert. Der Weg dahin führt ihn durch Leipzig. Auf dem Hauptbahnhof trifft er kurz seine Mutter.Das Mittelmeer sieht Fritz Wehrmann nicht wieder. Sein Einsatzgebiet ist nun die Ostsee. Ende 1944 wird er nach Dänemark, in die Nähe von Aarhus, versetzt. Von dort aus sollen die Torpedoschnellboote den Rückzug aus dem Osten absichern. Da es permanent an Treibstoff mangelt, sitzen die Matrosen jetzt immer öfter an Land. Am 2. Mai, als die Kämpfe in Berlin gerade eingestellt sind, wird in Svendborg noch ein Bataillon aufgestellt, das in eben diese Schlacht um Berlin ziehen soll. Als Fritz Wehrmann erfährt, dass sich am 4. Mai die deutschen Truppen im Norden den Engländern ergeben haben, erklärt er für sich den Krieg als beendet.Ein paar Wochen zuvor hatte ihm die Mutter geschrieben, dass sein Bruder Gerhard an der Westfront gefallen sei. Und von Jochen, dem Jüngsten, habe sie lange nichts gehört. "Sie muss verzweifelt gewesen sein", sagt Hans-Joachim Wehrmann. Fast den ganzen Krieg haben ihre Söhne überlebt, und kurz vor Schluss gehen sie ihr verloren.Fritz Wehrmann will nach Hause. Nach einem so genannten Kameradschaftsabend im Svendborger Strandhotel, bei dem wieder viel gesoffen wird, macht er sich gemeinsam mit drei anderen auf den Weg.Im Morgengrauen des 6. Mai verlassen sie ihre Unterkunft. Sie wollen ein Boot für die Überfahrt aufs Festland auftreiben. Svendborg liegt auf einer Insel. Kurz vor der Anlegestelle werden sie von dänischen Hilfspolizisten aufgegriffen. Die Verhältnisse sind unklar. Die Dänen meinen, die Deutschen sollten selbst für Ordnung sorgen. Sie bringen die vier Soldaten zurück nach Svendborg, zum Ortskommandanten. Der lässt die Matrosen auf die "Buéa" schaffen, ein Begleitschiff der deutschen Schnellbootflotte, die sich in der Geltinger Bucht vor Flensburg versammelt hat.Am 8. Mai holt der Kommodore der Schnellboote, Rudolf Petersen, auf den Schiffen in der Geltinger Bucht feierlich die Kriegsflagge ein.Einen Tag später tritt in der Offiziersmesse der "Buéa" ein Kriegsgericht zusammen. Drei der Matrosen werden zum Tode verurteilt, wegen Fahnenflucht. Der vierte bekommt drei Jahre Zuchthaus."Die Flagge war schon runter", sagt Hans-Joachim Wehrmann, "und dann heißt es Fahnenflucht."Kapitän Rudolf Petersen, vierzig Jahre alt, kein NSDAP-Mitglied, hat eine Nacht Zeit, das Urteil zu prüfen. Als Gerichtsherr des Verfahrens könnte er es kassieren. Am Morgen bestätigt er die Todesurteile.Fritz Wehrmann sitzt in einem Kabuff unterhalb der Wasserlinie der "Buéa" und schreibt. Er schreibt Abschiedsbriefe an die Mutter und an seinen Freund Theodor Meier, dem er sein Tagebuch anvertraut. Sein letzter Eintrag ist vom 8. Mai 1945: "Man ist auf Eis gestellt. Auf Eis wie noch nie. Wo bleibt mein sagenhaftes Glück. Es wird mich doch diesmal nicht verlassen wollen."Am Nachmittag ihres Todes werden die drei Matrosen auf dem Achterdeck der "Buéa" aneinander gefesselt. Zehn Soldaten eines Kommandos, das wenige Tage zuvor bereits elf Meuterer eines Minensuchbootes exekutiert hatte, vollziehen die Hinrichtung und werden dafür mit zwei Flaschen Cognac belohnt. Nachdem ein Arzt den Tod der Matrosen festgestellt hat, werden deren Leichen mit Gewichten versehen und in der See versenkt."Ein Jahr lang haben wir nichts von Fritz gewusst", sagt Hans-Joachim Wehrmann. Dann trifft der Abschiedsbrief in Leipzig ein. Fritz hatte seinen Freund Theodor Meier vor der Hinrichtung noch gebeten, mit der Todesnachricht zu warten, bis seine Mutter die Hoffnung aufgegeben haben könnte. Meier nennt die Namen der Verantwortlichen. Anna Wehrmann wendet sich an das Landgericht in Hamburg. Nach drei Prozessen werden Rudolf Petersen und die Mitglieder des Kriegsgerichtes 1953 vom Vorwurf des Totschlages und der Rechtsbeugung freigesprochen.Rudolf Petersen arbeitet später als Handelsvertreter und beim Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr. Zuletzt leitet er eine Segelschule in Schleswig-Holstein.Die Mutter des Matrosen Alfred Gail nimmt sich nach dem Freispruch das Leben. Sie dreht den Gashahn auf. Um Anna Wehrmann wird es dunkel. Sie "verliert ihre Gedanken", wie es der Sohn nennt. Die letzten zwanzig Jahre ihres Lebens verbringt sie im Heim. Jeden Sonntag geht Hans-Joachim Wehrmann zu ihr. "Womit bist du heute gekommen", habe sie ihn manchmal gefragt, "mit dem Torpedo?"Die Geschichte dieser Matrosen kennt keine Sühne, nur ein merkwürdiges Nachspiel. Silvester 1982 knallt es in Flensburg vor Rudolf Petersens Tür. Als der alte Mann öffnet, werfen ihm Jugendliche einen Böller ins Gesicht. Der Gerichtsherr überlebt den Schreck nicht.Kurz darauf ist auch Anna Wehrmanns Leben zu Ende. Sie stirbt viele Jahre nach dem Krieg, ohne Frieden gefunden zu haben.------------------------------Foto: Fritz Wehrmann als Matrose der Kriegsmarine. Er fuhr auf einem Torpedoschnellboot.------------------------------Foto: Sommer 1945 an der Ostsee. Kinder spielen auf dem Wrack eines deutschen Schnellbootes in der Geltinger Bucht.

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