Glaubt man den Verlautbarungen der meist zweisprachigen Broschüren, dann hat die Gründungswelle privater Hochschulen eine bedrückende Monokultur hervorgebracht. Das, was sie auszeichnen und von anderen unterscheiden soll, macht sie einander gleich. Internationalität, Interdisziplinarität, Ausrichtung auf die Praxis, das Streben nach Exzellenz und Elitebildung versprechen sie alle. Dass sie schneller und erfolgreicher ausbilden als die staatlichen Hochschulen, ist kein Kunststück. Schließlich sind sie wesentlich kleiner und von den Lasten der Tradition weitgehend frei.Auch die Initiatoren des European College of Liberal Arts (ECLA), dessen Sommeruniversität am 2. Juli beginnt, werben mit dem Vergleich und profitieren vom schlechten Image der staatlichen Bildungsanstalten. Wollen Sie mehr sein als eine Nummer an Ihrer Universität? Haben Sie lehrfaule Professoren satt und unvorbereitete, miserabel motivierte Kommilitonen ebenso? Langweilen Sie Seminare, in denen nur Studenten aus Ihrer Region sitzen?Das ECLA verspricht Abhilfe gegen solchen Alltagsfrust. Sollte es im Herbst 2002 tatsächlich seinen Lehrbetrieb aufnehmen, anfangs mit 64 Studenten und 8 Professoren, dann besteht selbstverständlich keine Gefahr, dass die Räume im ehemaligen Hufeland-Klinikum in Berlin-Buch von lauter Spandauern überfüllt sein werden. Auch die Aussicht, dass sich im ersten Jahrgang Studierunwillige versammeln, ist bei Studiengebühren zwischen 8 und 10 000 Euro im Jahr und strengen Auswahlverfahren eher gering. Interessanter als der hämische Blick auf die guten alten Universitäten, die im Augenblick das Stadium der Wechseljahre durchleben, ist denn auch die fünfte der rhetorischen Fragen im Werbeprospekt des ECLA. Sie zielt nicht auf die eingebildeten Gegner, sondern auf tatsächliche Konkurrenten, auf andere privat finanzierte Bildungsanstalten: "Erwarten Sie mehr von Ihrem Studium als eine Eintrittskarte für den Arbeitsmarkt?"Die Initiatoren und Gründer der ECLA, Stephan Gutzeit, Anne Sliwka und Olaf Amblank, deren Idee, ein humanistisches College zu gründen, immer noch tollkühn scheint, wollen mit dem ECLA auch eine Alternative zu den Einseitigkeiten vieler Privathochschulen bieten, die ihre Ausbildung auf ein oder zwei Fächer beschränken. In kurzer Zeit haben die drei Unterstützung bei Managern und Wissenschaftspolitikern gefunden, namhafte und viel versprechende junge Dozenten überzeugen können und eine siebenwöchige Sommeruniversität geplant, deren Programm Stoff genug für zwei Jahre Grundstudium bietet. Ob das ECLA in Berlin bleiben oder nach Celle gehen wird, ist noch nicht entschieden und hängt letztlich davon ab, wie viel Unterstützung das College findet. Berlin-Buch scheint ein idealer Standort, um einen kleinen, familienähnlichen Campus mit der richtigen Entfernung vom Stadtzentrum aufzubauen. Die drei jungen Initiatoren, die einen musterhaften Karriereanfang an Universitäten und bei Unternehmensberatungen hinter sich haben und nun ausziehen, um den Deutschen zu zeigen, wie humanistische Bildung heute aussehen könnte, haben offenkundig mehr Vertrauen in die Ideen Wilhelm von Humboldts, als man normalerweise unter bestallten deutschen Professoren findet. Selbst dort, wo man die Einheit von Forschung und Lehre noch beschwört, wird sie im Regelfall nur eingeschränkt praktiziert. Erst muss der Student Sprache und Tradition seines Faches kennen lernen, bevor er die Gelegenheit erhält, interessanten Fragen nachzugehen. Die Folgen dieser Hierarchisierung in der Ausbildung sind nicht selten verheerend. Das Pendel schlägt nach der einen oder der anderen Seite aus. Entweder sind die ersten Jahre des Studiums mit ermüdendem, zum Stumpfsinn führendem Pauken ausgefüllt, oder es setzt sich eine Kultur der Scheinoriginalität durch, in der alles "hinterfragt" und dekonstruiert wird, noch bevor man es kennt.Der Lehrplan des ECLA scheint geeignet, dieses Dilemma zu überwinden. Nach einem vierjährigen Studium soll der "Master of Arts" oder der "Master of Science" vergeben werden. Im ersten Jahr soll jeder Student einen Kurs in "Structured Liberal Education" absolvieren. Dahinter verbirgt sich ein umfangreiches Lektüreprogramm von der Bibel bis Kafka, wesentliche Texte der Geistesgeschichte enthaltend. Für die kleine Gruppe der Studenten und Lehrenden - sie soll allmählich auf 200 Studenten und 25 Professoren erweitert werden - bietet dieses Programm den Kanon, die gemeinsame Grundlage. Am Ende des ersten Studienjahres, wenn sie mit ihren Fähigkeiten und Begabungen bekannt geworden sind, wählen die Studenten einen Studiengang. Ab dem Herbst 2002 sollen Life Sciences (Molekularbiologie, Biochemie, Bioethik), Foundations an Applications of Mathematics (Mathematik, Logik, Anwendungen in Finanzwirtschaft und Informatik), Symbolic Systems (Informatik, Medienwissenschaft, kognitive Psychologie), Modern Thought and Literature (komparatistische Literaturwissenschaft und Ideengeschichte der Moderne), Politics, Philosophy and Economics (Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre, praktische Philosophie) angeboten werden. Gelingt der Ausbau, kommen im Herbst 2007 fünf neue Schwerpunkte hinzu. So wie die Schwerpunkte weniger aus den historisch gewordenen Disziplinen und mehr aus der Logik der Probleme entwickelt sind, soll auch das Studium von Problemen, Phänomenen und Projekten ausgehen. Der Lehrplan für Life Sciences etwa ähnelt stark dem des Reformstudienganges Medizin an der Humboldt-Universität. Neben dem für alle verbindlichen Kerncurriculum und dem gewählten Studiengang sind etwa 20 Prozent der Studienzeit für Wahlpflichtkurse vorgesehen.Ein Programm wie dieses, das auf disziplinäre, nationale und hierarchische Abgrenzungen weitgehend verzichtet, steht natürlich auch ohne die Sicherheiten da, die solche institutionalisierten Grenzen bieten. Die geringe Zahl der Professoren begrenzt auch die Zahl der Themen, die gründlich behandelt werden können. Das ECLA bleibt, will es nicht in Provinzialität versinken, auf ständigen Austausch, auch auf regelmäßigen Wechsel der Dozenten angewiesen.In etwas pathetischem Ton heißt es dann auch zur brennenden Fackel im ECLA-Emblem, sie stehe für den Vorgang der "kreativen Zerstörung", "der verbrauchte Ideen, überlebte Institutionen und verhärtete Einstellungen abbaut, damit aus der Asche Neues entstehen kann". Der Idee nach steht das neue College zwischen den Massenuniversitäten und den Kaderschmieden der Wirtschaft. Es passt nicht zu den gehegten Feindbildern, mit denen seit zehn Jahren die überfällige Bildungsreform in Deutschland diskutiert, debattiert und diskutierend, debattierend immer wieder aufgeschoben wird. An die Konkurrenz privater Bildungsanstalten hat man sich allmählich gewöhnt, da sie oft nur ein Spiegelbild der Universitäten sind, seitenverkehrt, aber täuschend ähnlich und den faulen hochschulpolitischen Frieden kaum störend. Könnten das ECLA und eine der Berliner Universitäten sich zur Kooperation entschließen, entstünde vielleicht eine explosive Mischung - ein Anfang für Reformen an den deutschen, kaum noch Humboldt schen Universitäten.ECLA Ein neues College für Berlin // Mit der Sommeruniversität 2000 beginnt die ECLA den Probebetrieb in Berlin-Buch. Ob ECLA in Berlin bleiben oder nach Celle gehen wird, ist noch nicht entschieden. Mit 64 Studenten und acht Professoren soll im Herbst 2002 der normale Lehr- und Forschungsbetrieb beginnen. Schrittweise soll das College vergrößert werden auf 200 Studenten und 25 Professoren. ECLA konzentriert Forschung und Lehre auf 5 Bereiche: Life Sciences, Foundations and Applications of Mathematics; Symbolic Systems; Politics, Philosophy and Economics; Moderns Thought and Literature. Weitere Informationen unter: www.ecla.de