Mit täglich fast 120 Schiffen und 18 000 Sportbooten im Jahr ist der Nord-Ostsee-Kanal heute die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Aber die Wirtschaftlichkeit ist seit langem nicht mehr gegeben, die Kostendeckung erreicht nur noch ein Drittel. Der Kanal ist in die Jahre gekommen.Am 21. Juni 1895 wurde er durch Kaiser Wilhelm II. nach achtjähriger Bauzeit feierlich eröffnet. Kaiser Wilhelm I. hatte den Kanal projektieren lassen, aber richtig Schwung bekam der Bau erst unter seinem Sohn, dem Flottennarren. 156 Millionen Goldmark wurden in das Projekt gesteckt, das vor allem seestrategisch begründet war. Die im Seehafen Kiel liegenden kaiserlichen Marinestreitkräfte erhielten so die Möglichkeit, rasch von der Ostsee in die Nordsee zu gelangen. Kaiser lud zum Galadiner Zur Einweihung waren Kriegsschiffe aller seefahrenden Nationen gekommen, der Kaiser lud zum Galadiner an Bord des Flaggschiffes "Deutschland", 24 Paradeschiffe mit Königen, Fürsten und Prinzen hieß er willkommen. Die Marinekapelle begrüßte die Gäste mit der jeweiligen Nationalhymne. Als sich eine Barkasse unter der türkischen Halbmondflagge näherte, stellte der Kapellmeister entsetzt fest, daß ihm die Noten für die Hymne fehlten. Geistesgegenwärtig intonierten die Musiker "Guter Mond, du gehst so stille". Seitdem, so heißt es, gibt es in Deutschland das Wort vom "Türken bauen" oder eine Sache "türken", also vortäuschen oder fälschen.Der Kanal, der die Elbmündung bei Brunsbüttelkoog mit der Kieler Förde verbindet und damit heutzutage vor allem dem Warenaustausch der Länder des Ostseeraumes mit der übrigen Welt dient, hatte einen Vorläufer. Bereits Ende des 16. Jahrhunderts plante Herzog Adolf I. mit dem Eiderkanal eine Nord-Ostsee-Verbindung. Erst zwei Jahrhunderte später wurde sie vollendet. Doch schon zu Zeiten der Wikinger gab es eine Verbindung zwischen der Treene, einem Nebenfluß der Eider, und der Schlei, an der sich die alte Wikingerstadt Haithabu befand. Bewährung im Krieg In seinen Ausmaßen von damals 22 Meter Sohlen- und 67 Meter Oberflächenbreite stellte der Nord-Ostsee-Kanal (bis 1919 Kaiser-Wilhelm-Kanal genannt) seine Vorgänger in den Schatten. Dennoch genügte er schon zehn Jahre nach der Fertigstellung den Ansprüchen der kaiserlichen Flotte nicht mehr und mußte auf elf Meter Tiefe und fast die doppelte Breite an Sohle und Oberfläche erweitert werden. Die Arbeiten endeten wenige Tage vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, in welchem dem Kanal seine erste große Bewährungsprobe abverlangt wurde. 1956 zwang der fortschreitende Verfall des Kanalbettes zu umfangreichen Restaurierungsmaßnahmen, die man zu einer abermaligen Verbreiterung benutzte. Der Kiel-Kanal, wie er in der internationalen Schiffahrt heißt, kann heute von Schiffen bis zu einer Länge von 235 Metern, einer Breite von 32,50 Metern und 9,50 Meter Tiefgang befahren werden. Die Aufbauten sind durch die Brücken auf 40 Meter begrenzt. Sehenswerte Brücken Die Durchfahrt der exakt 98,637 Kilometer langen Kanalstrecke dauert je nach Verkehrsdichte und Schiffsgröße zwischen sechseinhalb und neun Stunden. Nur wenige, wegen der Gezeiten der Nord- und Ostsee unverzichtbare Seeschleusen müssen die Schiffe durchlaufen. Weitere Schleusen konnten sich die Erbauer wegen der flachen, von der Eiszeit geprägten Oberflächengestalt Schleswig-Holsteins ersparen. Um so mehr Aufmerksamkeit widmen den Kanal durchfahrende Passagiere den Brücken, allen voran die über zwei Kilometer lange Eisenbahnhochbrücke von Hochdonn, deren 21 000 Quadratmeter Stahloberfläche von einem Malertrupp lebenslänglich angestrichen werden. Ganze vier Jahre dauert eine einmalige Erneuerung, danach wird gleich wieder von vorn begonnen. Eindrucksvoll sind aber auch die Rendsburger Hochbrücke mit ihrer Schwebefähre und die Autobahnbrücke, über welche die E 45 vom Südzipfel Siziliens bis zur Nordspitze Jütlands führt.Eine Festwoche mit umfänglichem Programm sowie die diesjährige Kieler Woche erinnern dieser Tage an das Jubiläum der Wasserstraße.

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