"Der Star ist ein totales Marketingprodukt: kein Zentimeter seines Körpers, kein Stück seiner Seele, keine Erinnerung an sein Leben, das nicht auf den Markt geworfen werden kann." (Edgar Morin, "The Stars", 1960)Sechzig ist auch nicht mehr, was es einmal war. Die Fan-Website "Abenteuer mit Bob Dylan" rüstet sich neuerdings mit dem Untertitel "Forever Young".Die Karriere des amerikanischen Liedermachers Bob Dylan, der 1941 als Robert Allen Zimmermann geboren wurde, lässt sich von seinem Protesthit "The Times They Are A-Changin" (1964) bis zum Filmsong "Things Have Changed" nachvollziehen, für den er in diesem Jahr den Oscar erhielt. In seinen jungen rebellischen Jahren hätte Dylan vermutlich den Oscar verschmäht wie einst Marlon Brando. Aber heute nimmt er die Würdigung der etablierten Unterhaltungsindustrie gerne an. "Guter Gott, es ist erstaunlich. Ich möchte den Mitgliedern der Akademie danken. Sie haben für ein Lied gestimmt, das kein Blatt vor den Mund nimmt und nicht blind vor der menschlichen Natur ist." Der Text lautet etwa: "Die Leute sind verrückt und die Zeiten sonderbar/ Ich hab mich eingesperrt, ich bin außer Gefahr/ Ich bin nicht einmal mehr besorgt, wie ich früher mal war."Veränderung ist der Schlüsselbegriff für die verschiedenen Identitäten Bob Dylans, der vielleicht das erste postmoderne Rock- idol ist. Von Anfang an war er sich des Unterschiedes zwischen seinen Bühnenpersonen und seiner Privatperson bewusst. In Interviews und Pressekonferenzen bemühte er sich strikt, sein persönliches Leben vor den Augen der Medienschnüffler abzuschirmen. Das brachte sogar einen Journalisten dazu, Dylans Abfall auf Spuren seines Alltags hin zu durchwühlen, was ihn kurzzeitig als Müll-Forscher berühmt machte. Dylans frühreife Fähigkeit zur Selbstreflexion bestimmte seine Laufbahn, sie schützte ihn davor, sich in ästhetische oder philosophische Schemata einordnen zu lassen. Elvis hatte nicht dieses Glück; er war nie in der Lage, seine Grundidentität als Rock n Roller zu transzendieren oder zu verändern, er starb frühvergreist, ausgelaugt und frustriert. Madonna wiederum wirft ihrem gefräßig voyeuristischen Publikum erfolgreich eine Persönlichkeit nach der anderen vor, und das Publikum entziffert gierig ihre jeweils letzten Rollen. Was ist es also, das Dylan, der vor 40 Jahren seine ersten Platten aufnahm, für rebellische Teenager und ihre Großeltern, konservative Politiker und markenorientierte Yuppies gleichermaßen attraktiv macht? Das Genre der Rock- und Popmusik basiert auf immer wieder neuen und überraschenden "Überschreitungen", und Dylans Karriere ist übersät mit gezieltem Verrat nicht nur an seinem Publikum, sondern auch an den Idealen politischer Radikalität, die man von ihm erwartet hat. Um zu verstehen, wie er kreative Freiheit in seinen eigenen Termini erreicht hat, muss man sich seine Biografie, besonders die Zeit bis zum Jahr 1967, ansehen.Geboren und aufgewachsen in dem kleinen mittelwestlichen Höllenloch Duluth, Minnesota, hing Robert Allen Zimmermann als Junge wohl gerne in scharfen Klamotten bei einem Harley-Davidson-Motorradladen herum. Sein Vater Abraham besaß einen Elektroladen und seine Mutter arbeitete als Lehrerin. In der Oberschule spielte er in mehreren Bands, einschließlich der "Golden Chord" (die Buddy Holly und Little Richard nachspielten). Sein erstes Lied schrieb er mit 15, er soll es Brigitte Bardot gewidmet haben. 1959, an der Universität von Minnesota, imitierte er Woody Guthrie und andere Folklegenden und spielte in Folkclubs bei Dinkytown unter seinem neuen Namen Bob Dylan. (Entweder nach nach dem walisischen Dichter Dylan Thomas oder nach Matt Dillon, dem Held der Fernsehsendung "Rauchende Colts". Oder auch nicht.)Anfang 1961 zog Dylan nach New York City, besuchte Woody Guthrie mehrmals im Krankenhaus und wurde von Rambling Jack Elliott (bekannt als Ramblin Bob) "adoptiert". Er wurde schnell in der lokalen Folk-Szene bekannt. Eine Kritik in der New York Times von Robert Shelton brachte ihm einen Plattenvertrag bei Columbia Records ein.Sein erstes Album, "Bob Dylan", mit zumeist traditionellen Folksongs, kam im März 62 heraus. Aber zur sprichwörtlichen Ikone, vor allem unter Studenten, die danach selbst zur Gitarre griffen, machte ihn erst "The Freewheelin Bob Dylan" mit eigenen Kompositionen. Dylan war der erste archetypische Sänger-Liedermacher von Format, und zweifellos inspirierte und ermutigte seine raue, "unkommerzielle" Stimme zahllose Knödelvokalisten. Im Grunde erteilte Dylan untalentierten Sängern die Lizenz zu singen, so-la-la-Gitarre zu spielen, lange Liedtexte frei von traditionellen Liedstrukturen zu schreiben, ellenlange Plattentexte und Improvisationen zu fabrizieren und ohne die Bühnenklamotten auszukommen, die Unterhalter üblicherweise trugen. Es galt plötzlich als authentisch, auf der Bühne in Jeans oder Arbeiterkleidung aufzutreten. Es schien, als ziele Dylan mehr und mehr darauf ab, seine Fans zu provozieren. Er war der erste Pop-Darsteller, den man wirklich ernst nahm, und im ganzen Land schrieben die Schüler Aufsätze über seine Texte. Dylan wurde zum Anführer der Protestbewegung der frühen 60er-Jahre in Amerika stilisiert. Seine politischen Songs wie "Masters of War", "Talkin World War III Blues", "Oxford Town" und der frühe Atom-Protestsong "A Hard Rain s Gonna Fall" galten als die Hymnen der Menschenrechtsbewegung überhaupt, und "Blowin in the Wind" wurde gar von mehr als 60 Künstlern, darunter Percy Faith, Duke Ellington und Marlene Dietrich gesungen.Mit seinen sozialkritischen Texten, setzte Dylan neue Qualitätsmaßstäbe für die Lyrik der Songtexte und beeinflusste so die Beatles und andere Gruppen. Der Soziologe George Melly schrieb dazu: "Die Beatles waren das Herz des Pop, hungrig nach Wechsel und voll eklektizistischem Temperament. Der Einfluss Bob Dylans sicherte ihren Ausbruch aus der kommerziellen Kiste ab. Die Beatles folgten einfach seinem Beispiel und machten ihre eigenen Erinnerungen und Gefühle zur Inspirationsquelle ihrer Musik." Nach den Beatles und Dylan, so beobachtete der Rockkritiker Nick Cohn, fühlten sich die Bands bemüßigt, Kunst zu machen. Aber heraus kamen drittrangige Poesie, Philosophie aus fünfter Hand und neuntklassige Erkenntnisse.Dylan lieferte weit mehr als populäre Songs; er bot ein Modell, das heute sofort von "Gap" und "Levi s" vereinnahmt werden würde: die Marke des rebellischen Lifestyles. Tausende junger Männer adoptierten seine nackenlange Frisur, die braunen Kordjacketts mit Schafsfellfutter, Jeans und Arbeitsstiefel, Tausende junger Frauen übernahmen von Suzy Rotolo, Dylans damaliger Freundin, den "natürlichen" Mittelscheitel, den wadenlangen Rock und die schwarzen kniehohen Stiefel, die sie auf dem Cover von "Freewheelin " trug. In Interviews und mit seiner Erscheinung kultivierte Dylan das Beat-beeinflusste Image des "hipsters": jemand, der Autoritarismen in allen Formen missachtet und der die Lügen der öffentlichen Medien nicht abkauft, jemand, der sardonisch, hell und offen ist, mit witzigen Antworten improvisieren und vor allem auf Fragen dumpfer Journalisten schlagfertig reagieren kann. Dylan verkörperte die Person des Außenseiters mit einer guten Portion Spott und Verachtung.Unter dem geschickten Management von Albert Grossman war Dylan offenkundig zum Tonangeber der Menschenrechtsbewegung geworden, er führte Protestdemonstrationen in Mississippi und 1963 den Marsch in Washington an. Im selben Jahr war er eingeladen, in der Ed Sullivan Show vom 12. Mai aufzutreten, aber sein Lied "Talkin John Birch Paranoid Blues" wurde von den Produzenten der CBS verboten, und so weigerte er sich zu erscheinen. Kurz darauf traf er die ungekrönte Königin der Folk-Musikbewegung, Joan Baez, beim Monterey Folk Festival. Daraus ergab sich eine mehr als professionelle Beziehung, deren Ende in A.D.Pennebakers Film "Don t Look Back" von 1965/67 dokumentiert ist. Dylan schrieb "Farewell Angelina" für die Baez und trug mit langen Plattentexten zu ihrem Album bei. In diesen Jahren tourte Dylan ausgiebig, und seine Konzerte wurden in großen Medien wie der "Newsweek" besprochen.Dylans Texte entwickelten sich von direkter politischer Agitation zu einer stärker persönlich gefärbten, surrealistischen Lyrik. Sein Album "Another Side of Bob Dylan" wurde denn auch von der Protestgemeinde mit Enttäuschung aufgenommen, obgleich es "Chimes of Freedom" enthielt. Das nächste Album, "Bringing It All Back Home" alarmierte die Folkfans dann endgültig - Dylan hatte gewagt, Elektrogitarre, Bass und Klavier zu integrieren. Das Titelbild zeigt, wie in einer Form frühen Produkt-Placements, Schallplatten von Lotte Lenya und Al Jolson - die nun nicht gerade als Folkmusiker galten. Auch Dylan war abgebildet: in Anzug und Hemd - mit Manschetten! Bei den Aufnahmen im Studio jedoch fand sich Dylan bestärkt durch die Zusammenarbeit mit anderen Musikern. Er sprang von einem zum anderen, zeigte ihnen auf dem Klavier, was er sich vorstellte, bis die Teile wie in einem großen Puzzle zusammenpassten und zu einem Ganzen verschmolzen.Das 1965 erschienene Album "Highway 61 Revisited" befremdete die Folkmusik-Fundamentalisten vollends. Das Coverfoto zeigte Dylan mit einem Triumph-Motorrad-T-Shirt unter einem samtgrünen Psychodelic-Hemd, das gewiss nicht der Folk-Uniform entsprach. Die Liedtexte waren wohl durch eine kurze Affäre mit Warhols Superstar Edie Sedgwick beeinflusst. Mit Songs wie "Ballad of a Thin Man" konfrontierte er sein Publikum kritisch mit seiner eigenen Berühmtheit - wahrscheinlich zum ersten Mal - und er kam damit durch. Er weigerte sich standhaft, sich von den Erwartungen des Publikums einschränken zu lassen, er rebellierte dagegen, kategorisiert zu werden.Am 25. Juli 1965, beim Newport Folk Festival, trat Dylan mit der Paul Butterfield Blues Band auf und sang Titel wie "Maggie s Farm" und "Like a Rolling Stone" - Songs, die das Dreiminuten-Limit einer Pop-Single überzogen - und er wurde dabei die ganzen Zeit über ausgebuht. Darauf schlug er wütend auf seine Martins Akkustikgitarre ein und spielte "It s All Over Now, Baby Blue". Michael Bloomfield, sein brillianter Elektrogitarrist, sagte dazu: "Er hätte ihnen einfach den Stinkefinger zeigen sollen. Sein Publikum war kleinlich und engstirnig. Diese Leute hatten Bob zum Propheten stilisiert, und als seine Musik nicht mehr ihre Art von Gesellschaftskritik bediente, fühlten sie sich persönlich und politisch betrogen."Dylans Distanzierung vom Starkult setzte sich fort. Am 22. November 1965 heiratete er unter höchster Geheimhaltung das Fotomodell Sara Lowndes, und wurde in der Folge Vater von fünf Kindern. Sein Doppel-Album "Blonde on Blonde", es war das erste der Pop-Geschichte, wurde im Januar/Februar 1966 aufgenommen. Die meisten Songs wurden in New York aufgezeichnet, einige mit Studiomusikern, die es gewohnt waren, mit Country-Sängern zusammenzuarbeiten. Der Gitarrist und Harmonika-Spieler McCoy erinnert sich: "Nachdem die Aufnahme erschien, wusste ich, das wird Nashville für immer verändern." Herausragende Lieder waren "Visions of Johanna" und "Sad-Eyed Lady of the Lowlands", das eine ganze Plattenseite füllte, was ein weiteres Novum war.In den Jahren 1966/67 zog sich Dylan zurück, vielleicht litt er an den Folgen eines Motorradunfalls - vielleicht wollte er aber auch einfach nur von einem endlosen Aufnahme- und Tourstress ausspannen. In dieser Zeit entstanden im Keller eines Hauses in Woodstock die legendären "Basement Tapes" zusammen mit der kanadischen Gruppe The Band, vorher The Hawks. Sie initiierten damit wahrscheinlich einen weiteren Durchbruch: die ersten Raubkopien kamen in Umlauf. Columbia brachte die "Basement Tapes" erst 1975 heraus. In seinem Buch "Invisible Republic" beschäftigt sich Greil Marcus mit der Kulturgeschichte dieser Lieder, die zu einem großen Teil immer noch unveröffentlicht sind oder in der Interpretation anderer Künstler zum Hit wurden. Peter Paul & Mary spielte "Too Much of Nothing", in England erzielte Manfred Manns Earthband einen Nummer-eins-Hit mit "The Mighty Quinn", und Julie Driscoll und Brian Auger hatten einen kleineren Erfolg mit "This Wheel s on Fire".Über die nächsten dreißig Jahre lang nahm Dylan weiter Alben auf und erschien ab und zu in Filmen, aber den größten Teil seiner Meisterwerke hatte er bereits eingespielt. Einige Kritiker fügen "Blood on the Tracks" (1974), "Hard Rain" (1975, ein Live-Album), und "Desire" (1976) zu den größten Hits hinzu. Unzufrieden damit, weitgehend unpolitisch zu sein, schrieb Dylan gelegentlich ein Protestlied wie etwa "George Jackson" oder "Hurricane", aber im großen Ganzen war seine Position als universelle Stimme des politischen Widerstands kraftlos geworden und verblasst. Er hatte dann noch eine christliche Phase ("Born Again") und durchlebte wenig später seine "Jüdische-Wurzeln-Wiederentdeckungs"-Phase, und jedes Mal befremdete und verwirrte er damit seine Fans.Bob Dylans geheimes Innenleben wird wahrscheinlich nie ganz enthüllt werden. Er hat sich selbst beschrieben als Teil des amerikanischen Pop-Kultur-Kanons des 20. Jahrhunderts, der vielleicht mit einem Zitat aus einer soziologischen Abhandlung anschaulich wird: "Emilia Caruna tanzte splitternackt vor Bob Dylan, nachdem sie sich fünf Wochen lang des Geschlechtsverkehrs enthalten hatte. ,Ich wollte keine Vibrations eines anderen Mannes in meiner Seele haben, wenn ich mit Bob Dylan schlief. Sex mit ihm zu haben war die spirituellste Erfahrung meines Lebens. Ihr Lebensinhalt bestand darin, eine enge geistige und sexuelle Beziehung mit Dylan zu erreichen. Sie glaubte auch, ihn in einer früheren Inkarnation, als ,Christus auf Erden weilte , getroffen zu haben." (zitiert in Fred und Judy Vermorels s Fandämonium.)Eine präzise Zusammenfassung des Phänomens lieferten David Dalton und Lenny Kaye 1977 in "Rock 100": "Dylan bleibt einer der merkwürdigsten Rockstars. Er hatte die Angewohnheit, fast nicht zu proben und die Aufnahmen in wenigen takes durchzuziehen. Er ließ ungestimmte Instrumente und schräge Töne drin, was den Songs ihre ungeheure Intimität und Spontanität verlieh. Er machte den Underground zum Massenphänomen. Seinen eigenen inneren Kern hielt er eifersüchtig bedeckt. Das erlaubte ihm, viele unterschiedliche Dylans darzustellen. Sein Genie bestand darin, eine scheinbar unendliche Anzahl von Selbstbildern zu entwerfen."V. Vale ist Herausgeber von RE/Search Publications in San Francisco. Seit 1977 erscheinen unter dem Label RE/Search Bücher über Kunst, Literatur, Musik, Politik und Philosophie, sowie Videos und CD aus dem Underground.Übersetzung: Sabine VogelULLSTEIN "Ich bin nicht einmal mehr besorgt, wie ich früher mal war. " Bob Dylan in den 60er-Jahren.