Das wäre auf einer anderen Buslinie nicht passiert: "Als ich mit dem 100-er an der Endstation Pause machte, fiel mir auf, dass noch eine Frau auf dem Oberdeck saß. Wir kamen ins Gespräch. Und dann lud sie mich zum Essen ein", sagt Axel Lehmann, Busfahrer bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG). Die Frau hieß Erika, kam aus der Schweiz - und machte das Versprechen leider nicht wahr. Doch für den glücklich verheirateten Lehmann ist spätestens seit jenem Erlebnis klar: "Die Linie 100 ist etwas Besonderes. Allein schon wegen der Fahrgäste." Am 26. November feiert die BVG das zehnjährige Bestehen der ersten Berliner Ost-West-Linie nach dem Mauerfall, die von der Mollstraße in Mitte über Alexanderplatz und Unter den Linden zum Bahnhof Zoologischer Garten führt.Tag für Tag drängt sich eine fünfstellige Zahl von Menschen in den sonnengelben Doppeldeckern, von denen pro Tag mindestens 22 auf der Linie 100 unterwegs sind. Wenn das Hotelfrühstück vorbei ist, bilden sich große Trauben von Touristen an den Haltestellen, sodass die BVG nur wegen der vielen Orts- und Nahverkehrs-Unkundigen im Fahrplan ein paar Minuten hinzugeben musste. Doch unfreundlich oder gar unpersönlich geht es im 100-er trotzdem nicht zu, sagt Lehmann.Lob für Verspätungen "Dort ist zwar viel Action. Aber man bekommt auch mal ein Lob. Viele Fahrgäste bedanken sich sogar beim Aussteigen für die Fahrt" - natürlich nicht die Berliner, sondern vor allem Engländer und Amerikaner. Eine weitere Besonderheit: "Manche Touristen freuen sich, wenn wir wegen einer Demo mal wieder eine Umleitung fahren müssen, denn dann bekommen sie noch mehr zu sehen. Sie haben ja meist eine Menge Zeit." Von Berlinern sei in solchen Situation kein Lob, sondern eher Wut zu hören. Einige seiner Passagiere kennt der 48-jährige Marzahner sogar namentlich. Einmal ließ sich Gustav-Adolf ("Täve") Schur, Radsportidol und jetzt PDS-Bundestagsabgeordneter, von Lehmann zum Bahnhof Zoo kutschieren. Walter Momper, der als Regierender Bürgermeister bei der 100er-Premierenfahrt im Morgengrauen des 26. November 1990 dabei gewesen war, gehörte ebenfalls zu Lehmanns Fahrgästen. Und dann war da noch der Schauspieler Wolfgang Völz, der genau das machte, was Reiseführer aus aller Welt empfehlen: Er fuhr die ganze Strecke ab - ein Berlin-Einführungskurs in ungefähr 30 Minuten, der maximal vier Mark kostet. "Jahr für Jahr schicken wir die Fahr- und Linienpläne in die ganze Welt, bis nach Australien", sagt BVG-Sprecher Klaus Wazlak. "Es gibt kaum einen Reiseführer, in dem wir nicht auftauchen." Weil das so ist, glauben viele Fahrgäste, dass jeder Busfahrer in Wahrheit eine Kreuzung aus Stadtbilderklärer, Historiker sowie Gastronomiekritiker ist. Lehmann: "Nachdem Bill Clinton mit Kanzler Schröder im Prenzlauer Berg essen gegangen war, wurde ich immer wieder gefragt, ob ich auch zum Kollwitzplatz fahren würde" - was nicht stimmt. "Die 100 ist die erste Buslinie, bei der wir ein Jubiläum feiern", sagt Anita Rösler von der BVG. Die 100 ist, nach einigen provisorischen Verbindungen, die erste "richtige" Ost-West-Linie. Und sie war die erste mit einer dreistelligen Nummer.Doch manchmal hat Fahrer Lehmann genug von den Superlativen: "Dann fahre ich zur Abwechslung in Marzahn. Das ist wie Erholung."Lose und Präsente // Die Buslinie 100 verläuft von Ost nach West quer durch die Innenstadt. Sie führt von der Mollstraße/ Ecke Prenzlauer Allee zum Bahnhof Zoo. An der Strecke liegen der Alexanderplatz, die Deutsche Staatsoper, das Reichstagsgebäu- de mit dem Bundestag, das Haus der Kulturen der Welt sowie das Schloss Bellevue. Seit 26. Mai 1992 fahren die Doppeldecker durch das Brandenburger Tor - anfangs in beiden Richtungen, inzwischen nur noch Richtung Westen.Am 26. November wird das zehnjährige Bestehen der Linie 100 gefeiert. Haltestellen und Fahrzeuge werden geschmückt. Von 11 bis 17 Uhr fahren in vielen Bussen Stadtführer mit, BVG-Werbepartner verteilen Lose und Präsente.Alle drei bis sechs Minuten fährt tagsüber ein Bus, dennoch sind die Fahrzeuge häufig überfüllt. Laut BVG lässt sich nicht immer vorhersagen, wann der Andrang der Touristen am größten ist. Viele Berliner meiden die Linie, die wegen der vielen Demos und Staatsbesuche in Mitte oft Umleitungen fahren muss.Taschendiebe gehören ebenfalls zu den Passagieren. Laut Polizei ist der Hunderter ein "fahrender Tatort": 1999 zeigten Fahrgäste 799 Taschendiebstähle an.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER Viel Action, aber auch mal ein Lob: Seit rund vier Jahren ist Busfahrer Axel Lehmann auf der Linie 100 unterwegs.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Seit 1992 verbindet der 100er-Bus City Ost und City West.