SULZBERG. Es gibt einen Moment, da sind sich Gerhard Baur und Reinhold Messner so nahe, wie sie sich nie wieder kommen werden. Eng aneinander geschmiegt lagern sie in der so genannten Todeszone am Nanga Parbat. Das Stoffzelt der Firma Klepper aus Rosenheim ist für zwei Personen ausgelegt, jetzt aber sind sie hier zu dritt, Reinhold Messner in der Mitte, neben ihm sein Bruder Günther. Gerhard Baur hat sich so eingefädelt, dass er mit dem Kopf am Fußende der Messners liegt. Nach dem Ölsardinenprinzip wird der Platz am Besten genutzt. Der Eishang ist an dieser Stelle zirka fünfzig Grad geneigt. Aber das ist nur ein Zahl. In Wirklichkeit bedeutet es, dass die Füße in der Luft baumeln, wenn man sich in den Zeltausgang setzt. Darunter fällt die Steilwand ins Bodenlose. Sie haben dort keinen Kocher, keine Schlafsäcke, nur zwei Luftmatratzen. Das primitive Camp auf 7 350 Metern Höhe, eher ein Biwak, bildet den letzten Stützpunkt vor dem Gipfel des Naga Parbat.Es ist die Nacht zum 27. Juni 1970. Als der Tag anbricht, kann keiner ahnen, dass er auch fast vierzig Jahre später noch nicht vergangen sein wird. Bis heute streiten sich Beteiligte und Unbeteiligte darüber, was an diesem Tag am Nanga Parbat geschehen ist.Günther Messner überlebte den Gipfel nicht, Reinhold Messner kehrte entkräftet und fast wahnsinnig, auf der anderen Seite des Berges zurück, auf der Diamirflanke. Auf eigene Faust hatte er sich für eine ungesicherte Route entschieden, die indes seinen Weltruhm begründete. Als Erster hatte er das Massiv von Süden nach Norden überquert. Eine solche "Übersteigung", wie es in der Fachsprache heißt, war zuvor nur einmal an einem Achttausender geglückt, 1963 am Mount Everest. Für Gerhard Baur, der damals umdrehte, ohne den Gipfel erreicht zu haben, zeigte sich, wie schmal jener Grat ist, auf dem sich Extrembergsteiger bewegen. Es geht dabei nicht immer um Leben oder Tod, es geht um Vernunft und Risiko, die bei jedem einzelnen Schritt abgewogen werden müssen. Es geht auch um Wahrhaftigkeit, nicht nur in der Wand. Das Erlebnis am Nanga Parbat hat seine Einstellung zum Alpinismus geprägt.Wie eine tägliche DrogeGerhard Baur ist im Gebirge kein Publikumsliebling geworden, aber er lebt noch. Am 18. Februar wird er 63 Jahre alt. Mit seiner Frau Margret und dem jüngsten ihrer drei Söhne wohnt er auf einem alten Hof in der Nähe von Kempten im Allgäu. Von der Küchenbank aus sind bei gutem Wetter die Alpen zu sehen. Auf der Expedition von 1970 war Gerhard Baur als Kameramann dabei. Bergfilmer ist er geblieben, vielfach ausgezeichnet. 1975 war er der Erste, der auf dem Gipfel eines Achttausenders gedreht hat. In der nächsten Woche wird er ins Kino gehen, um sich einen Bergfilm anzuschauen, der ihn aus verschiedenen Gründen interessiert. Er heißt "Nanga Parbat", auf dem Plakat ist der Name von Reinhold Messner genau so groß gedruckt wie der des Regisseurs Joseph Vilsmaier. Die Münchener Premiere ist am Montag. Wahrscheinlich werden viele Prominente kommen. Vor ein paar Wochen in Berlin war Angela Merkel da, sie wandert ja in ihrer Freizeit gern in den Bergen. Gerhard Baur hat keine Einladung bekommen. Nicht für Berlin, nicht für München. Er ist für Reinhold Messner eine unerwünschte Person. Sie sprechen nicht mehr miteinander. Sie streiten nicht einmal mehr direkt miteinander. "Sich mit dem Messner streiten ist keine schöne Sache", sagt Baur. "Er braucht das wie eine tägliche Droge. Ich will einem, der an Drogen hängt, nicht auch noch frischen Stoff liefern."Im Vorwort seines Buches "Die rote Rakete am Nanga Parbat", das zum Filmstart neu aufgelegt wird, spricht Reinhold Messner von Gerhard Baur als jemandem, der geholfen habe, eine "Lügengeschichte auf die Bühne zu bringen". Baur, der noch eine alte Ausgabe hat, lässt sich die Stelle zeigen. "Das geht an den Anwalt", sagt er. Mit jener Geschichte ist der Bericht "Zwischen Licht und Schatten" gemeint, der jetzt ebenfalls erneut erschienen ist. Der Bergsteiger Hans Sahler schildert dort, welche Rolle Reinhold Messner seiner Meinung nach in dem Drama am Nanga Parbat tatsächlich gespielt hat. Im Kern lautet seine These, Messner habe die Überschreitung zur Diamirseite aus kaltem Ehrgeiz geplant. Gerhard Baur schreibt dazu in seinem Nachwort: "Ein weiterer trauriger Aspekt unserer gemeinsamen Expedition ist für mich die Art und Weise, wie Reinhold mit dem Tod seines Bruders und der von ihm selbst ausgelösten und immer wieder neu angeheizten unseligen Auseinandersetzung umgeht."So steht hier Vorwort gegen Nachwort, Schuldspruch gegen Schuldspruch. Und jetzt kommt noch ein Film dazu.Beiden Seiten geht es um die Wahrheit, von der Reinhold Messner behauptet, nur er könne sie kennen, weil nur er die letzten Stunden seines Bruders erlebt habe. "Mein Gott nochmal", sagt Gerhard Baur. "Ich will doch dem Reinhold nicht unterstellen, dass er aus Kalkül den todkranken Bruder zurückgelassen hat. Ich werfe ihm keine böse Absicht vor. Ich weiß nur, dass viele Dinge nicht so sein können, wie er sie erzählt."Weder Joseph Vilsmaier noch seine Drehbuchautoren, die angeblich unabhängig arbeiten durften, haben sich bei Baur oder den anderen Expeditionsmitgliedern erkundigt, wie sie sich an alles erinnern.Als er die Reise zum Nanga Parbat antritt, ist Gerhard Baur mit seinen zweiundzwanzig Jahren bereits ein erfahrener Bergsteiger. Schon als kleiner Junge darf er seinen Vater auf Klettertouren in die Alpen und Dolomiten begleiten. In Friedrichshafen am Bodensee aufgewachsen, liegen für ihn die Gipfel immer in Reichweite. Mit siebzehn gelingt ihm eine Erstbegehung im Alleingang, etliche werden folgen. Er lernt Maschinenbau, aber so oft wie möglich geht er in die Berge. Meistens hat er eine Kamera dabei, seine Filme laufen im Bayerischen Fernsehen. 1969, in jenem Jahr, da Gerhard Baur zur Himalaja-Expedition eingeladen wird, stürzt sein Vater in den Alpen ab. Natürlich hat der Sohn gewusst, dass Bergsteigen lebensgefährlich ist. Es ist aber etwas anderes, wenn der Tod die eigene Familie trifft. Als er am 8. April 1970 mit den anderen nach Pakistan aufbricht, kann ihm seine Mutter nur Gesundheit wünschen. Sie habe gar nicht erst versucht, ihn aufzuhalten, sagt Gerhard Baur. "Ich glaube, Mütter können sich da nur in Fatalismus retten."Mit drei Lastwagen und einem VW-Bus fahren sie über die Türkei, den Iran und Afghanistan nach Islamabad. "Es war toll", sagt Gerhard Baur, der jetzt von Minute zu Minute jünger zu werden scheint, trotz seiner schlohweißen Haare. Im Schneidersitz hockt er in der Ledercouch des Wohnzimmers, das auf sympathische Weise unaufgeräumt wirkt. Da Gerhard Baur mit nackten Füßen auf dem Sofa sitzt, ist zu sehen, dass noch alle zehn Zehen dran sind. Das ist für einen Extrembergsteiger schon beachtlich. Reinhold Messner hat nur noch vier.Schon vor dem Nanga Parbat sei ihm der Name Messner ein Begriff gewesen, erzählt Baur. Reinhold, der als Jungstar der Szene gerade sein erstes Buch veröffentlicht hatte, ist er wohl einmal in den Dolomiten begegnet, seinen jüngeren Bruder lernte er erst auf der dreiwöchigen Reise richtig kennen. "Günther war ruhiger, zurückhaltender, leistungsmäßig dem Reinhold durchaus ebenbürtig, aber nicht so egozentrisch. Wobei mir der Ehrgeiz vom Reinhold nicht unangenehm aufgefallen ist", sagt Gerhard Baur. "Jeder wollte nach oben." Alles in allem zählen 1970 achtzehn Mann zur Expedition, darunter die Spitzenalpinisten Felix Kuen und Peter Scholz, nicht alle sind für den "Angriff auf den Gipfel" vorgesehen, wie es damals militärisch genannt wird.Das führt zu Eifersüchtelein in der Gruppe. Das Expeditionsbergsteigen befindet sich im Umbruch. Karl Maria Herrligkoffer, der die Mannschaft aus dem Basislager leitet, ist ein Mann alter Schule. Geboren 1916, hält er an den deutschen Tugenden Pflicht und Gehorsam fest. Reinhold Messner gefällt sich als natürliche Antipode zu Herrligkoffer. Nicht nur mit seinem Pilzkopf und der großen Klappe ist er für diese Rolle prädestiniert, auch mit seinem Können, das von den meisten respektiert wird. "Wenn er heute den Eindruck erweckt, das sei praktisch eine Messner-Expedition gewesen, ist das allerdings lächerlich", sagt Gerhard Baur. "Wir wären auch ohne Reinhold auf den Gipfel gekommen. Ich selbst vielleicht auch, mit etwas Glück."Zum ersten Mal war der Nanga Parbat, mit 8 125 Metern der neunthöchste Berg der Welt, bereits 1953 bezwungen worden, von dem Österreicher Hermann Buhl, der den letzten Anstieg im Alleingang nahm. Diesmal sollte es um die Rupalflanke gehen, mit 4 500 Metern Höhe die größte Steilwand der Erde. Die Rupalwand durchsteigen, damit würde man unsterblich.Tag für Tag, Woche für Woche, steigen die Männer mit ihren Trägern aus dem kaschmirischen Hunza-Tal ein wenig höher an der Wand aus Fels und Eis empor. Sie stellen Zelte auf, schleppen Lasten, präparieren die Lager und ziehen sich wieder zurück, weil dann doch das Wetter umschlägt.Bei Schneesturm im Zelt oder im Basislager am Feuer wird meistens über den Berg geredet. Was auch sonst. "Reinhold hat mit mir mehrfach darüber gesprochen, dass er ihn überschreiten will, wenn es die Umstände zulassen", sagt Gerhard Baur."Ich habe ihn gefragt, wie er ins Tal finden will und zurück zur Expedition. Er hat gesagt, dass sich dann schon irgendwie ein Weg ergeben wird." Baur hat das sogar akzeptiert. Sie seien alle Draufgänger gewesen. "Es ist jedoch naheliegend, dass alles, was dann passiert ist, dieser Überschreitung des Berges aus dem Leistungsgedanken heraus entsprungenen ist." Er formuliert das so vorsichtig, als würde Messners Rechtsanwalt daneben sitzen.Messner selbst sagte dazu mal in einem Interview, sie hätten damals auch über das Bergsteigen auf dem Mond geredet.Wie das Abenteuer begann, das für einen von ihnen tödlich endete, ist in etlichen Büchern, Erzählungen und Dokumentationen festgehalten. Um zwei Uhr morgens an jenem 27. Juni bricht Reinhold Messner auf, allein, in völliger Dunkelheit. So ist das abgesprochen. Er soll versuchen, zum Gipfel vorzudringen, während Günther Messner und Gerhard Baur einen besonders gefährliche Abschnitt der Rupalwand, die Merkl-Rinne, mit Seilen sichern. Bei Tagesanbruch beginnen sie ihre Arbeit. Es ist eine Schinderei, jede Bewegung kostet drei Atemzüge. Noch ehe sie richtig loslegen können, verfitzt sich das Seil. "Es war unangenehm, das Ganze auseinanderzufieseln", sagt Gerhard Baur. "Günther hatte dazu erkennbar keine Lust. Er hat mich gefragt, ob wir nicht dem Reinhold hinterher wollen." Baur lehnt ab, ihm ist das zu heikel, außerdem plagt ihn eine Halsentzündung. Günther geht, ohne Ausrüstung, ohne Proviant.Gerhard Baur ist der letzte, der Günther Messner lebend gesehen hat. Außer seinem Bruder Reinhold. Baur wartet den ganzen Tag im Zelt auf ihre Rückkehr. Als er einen Stein fallen hört, glaubt er, sie kämen. Er zieht sich die Steigeisen an, geht ihnen ein Stück entgegen. Doch er hat sich getäuscht.Die Brüder Messner haben sich auf ihren eigenen Weg begeben. Sie sind unterwegs auf die andere Seite.Was dort geschieht, bleibt rätselhaft. Daran können Reinhold Messners Bücher nichts ändern, nicht Hunderte von Interviews und schon gar nicht dieser Film.Gerhard Baur will es bis heute nicht in den Kopf, warum sie zur Diamirseite abgestiegen sind, "wo kein Mensch ist, kein Seil, kein Zelt, kein gar nichts". Das ergibt für ihn keinen Sinn. Messner hält dagegen, sein höhenkranker Bruder habe sich die Rückkehr über die Rupalwand nicht mehr zugetraut. "Und stattdessen geht er in eine steile, unbekannte Flanke hinab?", fragt Baur.Die Brüder verbringen die eiskalte Nacht in einem Biwak unterhalb des Gipfels, eingehüllt in eine Astronautenfolie.Der vielleicht entscheidende Akt dieses Dramas findet am nächsten Morgen statt. Gegen zehn Uhr wird Reinhold Messner noch einmal gesehen. Felix Kuen und Peter Scholz, jetzt selbst im Anmarsch zum Gipfel, entdecken ihn hundert Meter über sich. Er steht oberhalb eines Steilstücks, das für sie unüberwindlich ist. Hier kommt es zu einem Wortwechsel, der so unerklärlich wie legendär ist. Was genau im pfeifenden Sturm geschrien und vom anderen auch verstanden wurde, ist nicht sicher. Einigkeit herrscht darin, dass Reinhold Messner bestätigt, die Brüder seien am Gipfel gewesen. "Alles in Ordnung?" ruft Kuen laut Überlieferung. "Ja, alles in Ordnung", antwortet Messner. Was er damit meinte, hat er verschiedentlich zu interpretieren versucht. Er spricht von einem Missverständnis.Entscheidungen in dünner Luft"Von einer Notlage war also keine Rede", sagt Gerhard Baur. Und Günther? "Entweder war der Günther nicht höhenkrank oder er war ganz woanders." Wo denn? Er zuckt die Schultern. "Ich habe keine Hypothese. Ich verstehe es nicht. Es passt nicht in den vernünftigen Menschenverstand hinein."Wie vernünftig können Entscheidungen sein, die bei Sauerstoffmangel, Dehydration und Erfrierung getroffen werden? Reinhold Messner sieht im Abstieg Gespenster. Das beschreibt er sehr schön, fast zu schön in dem Buch "Der nackte Berg". Wie in vielen seiner sprachmächtigen Texte geht auch hier der Dichter mit ihm durch. Am Ende verliert er den Bruder aus den Augen.Als Reinhold Messner nach seinem Martyrium wieder zur Expedition stößt, beginnt der Streit. Er beschuldigt Karl Herrligkoffer nicht nach ihnen gesucht zu haben. Es geht um unterlassene Hilfeleistung, fahrlässige Tötung und Verleumdung. Vierzehn Prozesse folgen, die Messner sämtlich verliert."In dieser Situation haben wir zu ihm gehalten" sagt Gerhard Baur. "Er hatte seinen Bruder verloren, das war schlimm genug."Sie sind weiter auf Expedition gegangen. 1981 reiste Gerhard Baur als Kameramann gemeinsam mit Messner zum Shisha Pagma in Tibet. Die Geschichte des Bruders war für beide tabu. "Ich habe ihn nie darauf angesprochen", sagt Baur, "und er hat von sich aus nichts gesagt." Messner erreicht den Gipfel, Baur muss passen, da er sich bei einem Unfall eine Bandscheibe verletzt hat.Jahrelang ist Ruhe, bis im Oktober 2001 der Streit in ungeheurer Schärfe aufbricht. Als Reinhold Messner eine Biografie über Karl Herrligkoffer präsentiert, sagt er vor laufender Kamera: "Einige, älter als ich, hatten ja nichts dagegen, dass die beiden Messners nicht mehr auftauchen - und das ist die Tragödie." Gerhard Baur war damals mit im Saal. "Ich bin innerlich explodiert", sagt er. Das Gipfelduo Felix Kuen und Peter Scholz, das wohl gemeint ist, kann sich nicht mehr wehren, beide Männer sind schon tot. Also beschließen die anderen, die Geschichte zu erzählen, wie sie sie sehen.Als im Jahr 2005 die Leiche von Günther Messner am Fuße der Diamirwand entdeckt wird, sieht sich Reinhold Messner bestätigt. Der Bruder sei in einer Lawine umgekommen, wie er es immer gesagt habe. "Die Knochen beweisen gar nichts", entgegnet Baur, "nicht, was passiert ist, nicht wo und nicht wie." Es hört niemals auf.Auf der Postkarte, die sie im Basislager signiert haben, stehen ihre Namen eng beieinander. Saler, Baur, Kuen, Scholz, Reinhold Messner, Günther Messner und die anderen: "Es grüßen vom Nanga Parbat".Abgestempelt wurde die Karte am 4. Juli. Da ist Günther schon eine Woche tot.------------------------------Foto (4): Der Nanga Parbat in Pakistan ist 8 125 Meter hoch. Im Sommer 1970 reist eine Expedition an den Berg, um die extreme Rupalwand zu bezwingen. Günther Messner (ganz links) kommt beim Abstieg ums Leben, sein Bruder Reinhold rettet sich erschöpft ins Tal. Gerhard Baur (r.) teilt in der letzten Nacht mit ihnen das Zelt.