Der in Hannover lebende Historiker Michael Foedrowitz, Jahrgang 1958, hat den Tag dokumentiert, der in der US-Luftwaffe als "Operation Donnerschlag" in die Geschichte einging.----Es war ein kalter Samstagmorgen, als die Menschen in Berlin zur Arbeit gingen. Blauer Himmel und einzelne Wolken riefen Angst hervor: beste Voraussetzungen für die Amerikaner, mit ihren viermotorigen Bombern der Reichshauptstadt einen Besuch abzustatten. Ein Wetter, bei dem sich die Berliner mit "Bleib übrig" verabschiedeten. Es war der 3. Februar 1945, der Tag, an dem der schwerste Luftangriff des Zweiten Weltkriegs auf Berlin niedergehen sollte.Obwohl der Kriegsausgang bereits absehbar war wirtschaftlich und militärisch war das NS-Regime schon am Ende wurde, um den Krieg abzukürzen, der Plan "Thunderclap" (Donnerschlag) entwickelt. Massive Angriffe auf ausgewählte deutsche Städte in den östlichen Gebieten sollten die Moral der Deutschen brechen, Flüchtlingsströme entstehen lassen und die Macht der alliierten Luftstreitkräfte eindrucksvoll demonstrieren. Ausgewählt wurden Leipzig, Chemnitz, Dresden und Berlin.Für die Amerikaner war nach den vielen Luftangriffen auf das Reichsgebiet die "Operation 817" eine Premiere: Man würde es der britischen Royal Air Force gleichtun, Flächenbombardements durchführen und damit von der bisherigen Strategie abweichen, Punktziele wie Rüstungszentren, Verkehrswege und Hydrierwerke anzugreifen: Den Generälen der 8. US-Luftflotte, Carl Spaatz in England und "Hap" Arnold, Chef des Luftwaffenstabes, war bei dem Gedanken nicht ganz wohl, sie sorgten sich um ihren Ruf, den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung in dieser Weise zu eröffnen. Die Abteilung für psychologische Kriegsführung General Eisenhowers ging sogar so weit, offen von Terror zu sprechen. Doch die Briten übten Druck aus, Sir Arthur Harris, Chef des britischen Bomber Commands, konnte Churchill für die Operation "Thunderclap" interessieren und entnervt gab Spaatz seine Bomber frei. Der britische Nachrichtendienst hatte alle Aspekte des Großstadtlebens der Reichshauptstadt untersucht und Informationen zusammengetragen: die Verkehrsströme der Pendler, das Rohrpost- und Telefonsystem, Baudaten von 259 Berliner Straßenbrücken, Schienenweg, Ministerien und Fabriken. Besondere Bedeutung hatten Kraftwerke und Energieunternehmen. Durch umfangreiche Evakuierungsmaßnahmen konnte die Bevölkerung der Metropole von viereinhalb auf knapp drei Millionen Einwohner gesenkt werden, jedoch waren etwa 700 000 Fremd- und Zwangsarbeiter über die Stadt verteilt. Es standen zwar zahlreiche Luftschutzanlagen zur Verfügung, die gleichwohl überhaupt nicht ausreichten, alle Berliner "bombensicher" aufzunehmen.Die Einsatzplanung der Bomber sah vor, insbesondere die Eisenbahnanlagen in Tempelhof zu zerstören, doch der Bombenmix lässt darauf schließen, dass die große Zahl von Brandbomben auch für Wohngebiete gedacht war. Die Maschinen der 1. und 3. Luftdivision sollten Berlin mit fast 1 000 viermotorigen Maschinen angreifen, während die 2. Luftdivision mit 400 Bombern die Hydrierwerke bei Magdeburg zerstören sollten.Am Morgen des 3. Februar 1945 warteten 1 397 Bomber auf den Startbahnen, 785 Langstreckenjäger sollten sie während des Fluges schützen. 2 028,8 Tonnen Sprengbomben und 250,8 Tonnen Brandbomben waren geladen, Berlin sollte in zwei Wellen von Westen und Südwesten angegriffen werden. Um neun Uhr starteten die ersten Begleitjäger, dann die Bomber. Die Flugzeuge ordneten sich zu einem riesigen Bomberstrom, der Kurs über Nordsee und norddeutsche Tiefebene in Richtung Berlin hielt.Um 10.27 Uhr wurde in der Stadt Voralarm ausgelöst, um 10.39 Uhr heulten die Sirenen erneut und kündigten den 288. Fliegeralarm des Krieges an. Jochen von Lang befand sich gerade auf dem Weg zu seiner Familie im Osten der Stadt, als er die Flugzeuge bemerkte. Verwundert sah er, dass einige Verbände drei Mal den Zielanflug durchführten, bevor sie ihre Bombenschächte öffneten.Nina Alexander eilte mit ihrer Schwester und Mutter in den Reichsbahnbunker am Anhalter Bahnhof. Dann begann der Angriff, auch die schwere Bunkerdecke wurde von Bomben getroffen. Im Bereich des Erdgeschosses schlugen Bomben ein, unter den an den Zugängen gestauten Luftschutzsuchenden gab es unzählige Tote. Um 12.18 Uhr wurde Entwarnung gegeben. Als die Menschen den Bunker verließen, erkannten sie die Umgebung nicht mehr. Der Anhalter Bahnhof war schwer getroffen, die umliegenden Wohngebiete glichen einer Trümmerwüste.Viel Glück hatte Marianne Genl, die an diesem Sonnabend nicht wie üblich den Luftschutzraum ihrer Firma an der Frankfurter Allee aufsuchte. Sie überlebte im Luftschutzbunker am Schlesischen Bahnhof. Der öffentliche Luftschutzraum, den sie mit ihren Kollegen im Hause des Café Ringbahn normalerweise aufgesucht hätte, wurde voll zerstört. Von der 1. Luftdivision erreichten insgesamt 553 B-24 "Librator" das Zielobjekt von Tempelhof und warfen zwischen 11.02 und 11.18 Uhr über 1 000 Tonnen Bomben ab. Die Sicht war ausgezeichnet, wurde dann aber durch Qualm und Rauch schlechter. Die Angriffsergebnisse wurden später mit "gut bis sehr gut" bewertet.Dann kam die zweite Streitmacht der 3. Luftdivision mit 526 B-17, den legendären "Fliegenden Festungen". Zwischen 11.24 und 11.52 Uhr gingen 1 087,7 Tonnen Spreng- und 138 Tonnen Brandbomben auf die Innenstadt nieder. Um 12.57 Uhr war der Angriff beendet, später von Analysten nur mit "gut" bewertet, da sich über dem Zielgebiet bei Eintreffen der 3. Luftdivision bereits die Wolkendecke verdichtete und Rauchentwicklung die Sicht einschränkte.Hans Speidel war am 3. Februar 1945 im Zellentrakt des Reichssicherheitshauptamtes in der Prinz Albrecht Straße inhaftiert. Als der Angriff begann, befand er sich außerhalb des Gebäudes: "Nach ununterbrochenem Bombenhagel von 55 Minuten und Einschlägen in unmittelbarer Nähe wurden wir über Trichter voll von Stein, Holz und Glas in unsere Zellen zurück gejagt", erinnert er sich. "Das Gebäude war mehrfach getroffen worden Noch immer dehnten sich die Brände aus, die Hitze stieg, und bald machte sich Sauerstoffmangel bemerkbar. Um Luft zu bekommen stieg ich auf den Tisch und beobachtete durch die zersplitterte Scheibe das Flammenmeer draußen."858 Viermotorige hatten an diesem kalten 3. Februar 1945 Berlin bombardiert, dabei 7 160 Spreng- und 996 Brandbomben abgeworfen. Etwa zehn Prozent davon wurden von den deutschen Behörden als Blindgänger oder Langzeitzünder festgestellt. Das ganze Stadtgebiet war betroffen, Teile von Kreuzberg und dem Regierungsviertel wurden praktisch ausradiert. Die Wilhelmstraße mit den Ministerien glich in weiten Teilen einem Schutthaufen, ebenso die Bahnhöfe. Gasbehälter waren ausgebrannt, der Verschiebebahnhof von Tempelhof nur noch ein Gewirr aus verbogenen Gleisen. In den Innenstadtbezirken brach der Verkehr zusammen. S- und U-Bahn waren von zahllosen Treffern lahm gelegt. Allein 50 Straßenbahnen brannten aus, weitere 50 wurden schwer beschädigt. Auch die Industrie hatte es schwer getroffen: 360 Betriebe galten als total zerstört, 170 meldeten schwere Schäden. Die Angreifer hatten geringe Verluste. Sie verloren 36 Bomber. Zusätzlich wurden acht Langstreckenjäger abgeschossen oder mussten auf Reichsgebiet notlanden. 60 Bomber wurden schwer, 124 leicht beschädigt.Im Hauptquartier der 8. US-Luftflotte hieß es im Anschluss: "Das war zweifellos einer der hervorragendsten Angriffe, der von dieser Luftwaffe ausgeführt wurde." Der Wehrmachtsbericht meldete einen Tag später lediglich: "Die Reichshauptstadt war am gestrigen Tage das Ziel eines Terrorangriffs der Nordamerikaner. Es entstanden vorwiegend in der Stadtmitte Schäden an Wohnhäusern und Kulturbauten sowie Verluste unter der Zivilbevölkerung."Mehr als 120 000 Menschen wurden obdachlos, die Bilanz an Gebäudeverlusten und -schäden war verheerend: 2 296 Bauten waren total zerstört, 909 schwer und 3 606 mittel bis leicht beschädigt, 22 519 Wohnungen vernichtet, weitere 27 017 mussten wegen Einsturzgefahr geräumt werden. Britische und amerikanische Quellen geben die Verlustzahlen der Berliner mit 25 000 Menschen an. Nach einem ersten deutschen Bericht des Angriffes konnte von 3 043 Verschütteten etwa die Hälfte lebend geborgen werden. Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt mit den Flüchtlingstrecks überflutet, zahlreiche Opfer wurden daher vermutlich nicht erfasst. Eine Bombe wenigstens traf mit Sicherheit ins Schwarze. Ihr prominentes Opfer war der gefürchtete Präsident des Volksgerichtshofes, Roland Freisler. Er wurde in seinem Amtssitz in der Bellevuestraße von einem herabfallenden Balken erschlagen, seine Hand umklammerte noch die Akte Fabian von Schlabrendorffs, einem im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler Angeklagten. Schlabrendorff überlebte im Gefängnis.Spiegel-TV Reportage sendet am 7. 2. um 23 Uhr auf Sat 1 eine Reportage zum Thema "Inferno Berlin 3. 2. 45"."Das war zweifellos einer der hervorragendsten Angriffe, der von dieser Luftwaffe ausgeführt wurde. " Stellungnahme der 8. US-Luftflotte