BERLIN, 29. Januar. Ende, over. Oder auch: Kurz-lang-kurz-lang-kurz. So lautet das Schlußzeichen, das im Morsealphabet jede "getastete" Funkübertragung beendet. Damit ist nun Schluß, endgültig. Das Morsen wird abgeschafft. Weltweit ist die Schiffahrt längst auf satellitengestützen Funk- und Notrufverkehr umgestiegen. Der 31. Januar 1999 ist laut internationaler Konvention nun der allerletzte Termin zur Umstellung auf das "GMDSS" (Global Maritime Distress and Safety System). Keine Funkwache auf keinem der sieben Weltmeere wird ab 1. Februar mehr da sein und im Äther auf ein SOS-Signal harren. Lange Zeit war der Notruf (drei-kurz, drei-lang, drei-kurz), dem das berühmte "Safe-Our-Souls" erst später angedichtet wurde, Synonym für Tragik und Dramen auf See. Jedem drängte sich das Bild des sinkenden Schiffes auf. Nun ist SOS Vergangenheit, eine Ära ist zu Ende gegangen.Strapazierfähiges HandgelenkNur im Amateurfunk wird das Morsen überleben. Dort gibt es noch Anhänger der einfachen Technik mit Taste und Kopfhörer, die dafür umso mehr Geschick, ein gutes Gehör und ein strapazierfähiges Handgelenk erfordert. Gnadenlos ist die Morsetelegrafie überholt worden: zuerst von Funkfernschreibern, dann von Funktelefonen, Satelliten- und Digitaltechnik. Sogar die für deutsche Seeleute legendäre Küstenfunkstelle Norddeich Radio, die 91 Jahre lang Funksprüche von und zu Schiffen in aller Welt weiterleitete, wurde kürzlich geschlossen. Keine Hörwache ist mehr notwendig, kein Warten auf den Kurz-Lang-Code oder ein gesprochenes "Bitte Kommen". Norddeich sagte over, GMDSS übernahm.Jetzt zieht die deutsche Marine nach, streng nach Vorschrift. Pünktlich, am 31. Januar um 24 Uhr, werde die Überwachung der Tastfunkfrequenzen in den Küstenfunkstellen beendet, sagt Kapitänleutnant Walter Schröder von der Marinefernmeldeschule in Flensburg. Die aufwendige Ausbildung junger Soldaten im "Hören und Tasten" hatten die Militärs vor zwei Jahren eingestellt zu einem Zeitpunkt, als bei der zivilen Handelsmarine das Morsen schon nahezu in Vergessenheit geraten war. Für die Bundesmarine war der Tastfunk bis jetzt noch eine Reservetechnik, so Schröder. Allenfalls U-Boote haben sie jedoch praktiziert: Morsen kann man auch mit nassen Antennen, wenn ein Unterseeboot nur kurz auftauchen darf. Da taten sich andere Funktechniken bisweilen schwer. Doch das ist lange behoben.Mit dem Draht hatte alles angefangen. Vor etwa 170 Jahren begann der Amerikaner Samuel Morse, ein Maler und gelegentlicher Erfinder, mit Experimenten zum elektrischen Telegrafen. Das Patent seines Apparates meldete er dann 1838 an, zur gleichen Zeit entwickelte er sein Funkalphabet, in dem jeder Buchstabe aus einem Code von Punkten und Strichen (kurzen oder langen Stromstößen) besteht. Das erste Internet der Welt entstand ab 1850. Amerika und Europa verkabelten sich, verbanden sich dann mit Transatlantikleitungen. Die Telegrafie wurde zur Boombranche mit guten Aufstiegschancen. Mancher First-Class-Operator schaffte Sende- und Empfangsleistungen von 45 Worten pro Minute. Und erfahrene Kabel-"Surfer" meinten sogar, bestimmte Gegenstellen allein an ihrer Art zu morsen erkennen zu können.Ab 1897 dann gab es die drahtlose Telegrafie. Das Morsen wurde zu der Verbindung schlechthin, die Schiffe auf See untereinander und mit dem Festland kommunizieren ließ. Und nicht zuletzt das Unglück der Titanic zeigte, wie wichtig diese Kommunikation war. Heute reicht ein Knopfdruck für den Seenotalarm. Via Satellit sendet ein Bordcomputer die wichtigsten Daten in Sekundenschnelle an Seenotrettungsdienste: die Identifikation des Schiffes und seine Position. Seit 1990 ist bei jedem Schiffsneubau diese GMDSS-Technik Vorschrift, alle anderen mußten nachrüsten. Ende, over. Flinke Finger und Morsetaste sind ausgemustert.