Nicht alle Demonstrationen im Herbst 1989 in der DDR verliefen ohne Übergriffe der Staatsgewalt. Am 7. und 8, Oktober wurden viele Protestierer vor der Gethsemanekirche zu Opfern.Sebastian Rohrpasser: "Im Polizeirevier Marzahn wurden wir in eine kalte zugige Garage geführt und mussten uns mit erhobenen Händen und gespreizten Beinen mit Blickrichtung zur Wand stellen. Später wurde die Weisung gegeben, dass wir uns locker hinstellen dürfen, aber immer noch mit Blick zur Wand. So haben wir ungefähr zwölf Stunden gestanden."Wiebke Steinmetz: "Wir wurden mit Stößen, Tritten und Gummiknüppeln zusammengetrieben, auf Laster verladen und in die Strafanstalt Rummelsburg gebracht. In Rummelsburg standen wir anderthalb Stunden in der Kälte auf dem Hof. Wir sahen Leute in offenen Garagen, die dort mit dem Gesicht zur Wand stehen mussten."Andreas Pfeiffer: "Ich wurde in eine Polizeikaserne in Blankenburg gebracht. Hier musste ich in einem Vorraum mit dem Gesicht zur Wand und den Händen auf dem Rücken fünf Stunden stehen. Dann wurde mir durch einen Schlag in die Nieren das Signal gegeben, dass ich eine Treppe höher rennen sollte. In dieser Etage musste ich nackt vor zehn Polizisten Kniebeuge und Liegestütze machen. Während ich meine Personalien angab, schrie man mir Sprüche entgegen wie ,Jetzt hängen wir euch auf' und ,Jetzt zeigen wir euch, wie Nazis früher waren'."Diese Gedächtnisprotokolle sind fünfzehn Jahre alt. An den Abenden des 7. und 8. Oktober wurden Sebastian, Wiebke, Andreas und mit ihnen Tausende friedliche Demonstranten in Prenzlauer Berg von enthemmten Volkspolizisten und Stasi-Offizieren zusammengeknüppelt. Es gab Hunderte von Verletzten, mehr als 1 000 Frauen, Männer und Minderjährige wurden verhaftet. Die Menschen hatten zuvor mit Sprechchören und Plakaten in den Straßen rund um die Gethsemanekirche unweit der Schönhauser Allee eine Demokratisierung der DDR eingefordert. Die Übergriffe der Sicherheitskräfte in Prenzlauer Berg waren DDR-weit die brutalsten und grausamsten des gesamten Wendeherbstes 1989. Nur dem besonnenen Verhalten der Demonstranten war es damals zu verdanken, dass die Situation nicht so weit außer Kontrolle geriet, wie es sich die Staatsmacht zur Ausrufung des Ausnahmezustandes gewünscht hätte. Mit brennenden Kerzen und dem Ruf "Keine Gewalt" stellten sich die Demonstranten den mit Wasserwerfern und gepanzerten Fahrzeugen vorrückenden Polizeieinheiten entgegen. Sie ließen auch die Provokationen der vermeintlichen Skinheads ins Leere laufen, bei denen es sich in Wahrheit um getarnte Stasi-Leute handelte, die unter die Protestler geschleust worden waren, um Straßenschlachten zu initiieren. Wohl auch, weil diese Taktik nicht aufging, entluden sich auf Seiten der Polizisten Hass und Wut auf die friedlichen Demonstranten in wahren Prügelorgien. Hunderte der an diesen Tagen internierten Demonstranten fertigten kurz nach ihrer Freilassung Gedächtnisprotokolle an. Sie sind Zeugnisse von Quälereien und Erniedrigungen, wie man sie in der DDR bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Die Dokumente, die von der "Initiative Frieden und Menschenrechte" gesammelt worden waren, dienten später als wichtige Beweismittel in einem unabhängigen Untersuchungsausschuss, der die Vorgänge vom 7. und 8. Oktober aufzuklären versuchte.Die schlimmsten Szenen - das ergab die Untersuchung - spielten sich in einem Plattenbau auf dem Gelände der VP-Bereitschaft am Blankenburger Pflasterweg ab. Dort, an der Berliner Stadtgrenze, waren in der Nacht auf den 9. Oktober 1989 mindestens 76 Männer und Frauen interniert. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Einheiten hatten das Gebäude umstellt, Polizisten mit Hunden liefen Streife. Den Internierten wurde eingeschärft, dass bei Fluchtversuch geschossen werde. Immer wieder schlug man sie mit Schlagstöcken. Auf dem Flur in der ersten Etage mussten sich alle Männer nackt ausziehen. Nachdem sie sich wieder angekleidet hatten, wurden sie - getrennt von den Frauen - zu zehnt in kleine Zellen gepfercht. Durch die geschlossenen Türen hörten sie die Schreie von Misshandelten. Einzeln holte man die Internierten zu Verhören ab, die im Keller des Gebäudes durchgeführt wurden. Auch hier wurden die Männer und Frauen angeschrien und geschlagen. Regie führten in dem Gebäude vier Offiziere der Stasi-Untersu- chungsabteilung aus Neubrandenburg. Sie führten die Verhöre und entschieden, was weiter mit den Gefangenen geschehen sollte. Am Morgen des 9. Oktober erfolgte dann die überstürzte Räumung des Lagers. In den folgenden Stunden meldeten sich 23 Frauen und 53 Männer, die in Blankenburg festgehalten worden waren, beim Kontakttelefon in der Gethsemanekirche und schilderten ihre erschütternden Erlebnisse.Die Verantwortlichen für die Übergriffe vom 7. und 8. Oktober kamen glimpflich davon. Nur in 13 Fällen wurde Anklage erhoben, durchweg gegen "einfache" Polizisten. Zwei Verfahren endeten mit Freispruch, zwei mit Bewährungsstrafen und neun mit Geldbußen.------------------------------Zwei Tage der Gewalt // Am Nachmittag des 7. Oktober 1989 versammelten sich mehrere hundert Demonstranten auf dem Alexanderplatz. Von dort liefen sie zum Palast der Republik, wo die SED-Führung den 40. Jahrestag der DDR feierte.Ein massives Polizeiaufgebot hatte den Zugang zum Palast abgeriegelt, so dass die Demonstranten an der Spree entlang zur Karl-Liebknecht-Straße ausweichen mussten und von dort weiter Richtung Schönhauser Allee liefen, um zur Gethsemanekirche zu gelangen.Als sie dort eintrafen, wurden sie von Polizeieinheiten eingekesselt. In den Abendstunden begannen dann die Sicherheitskräfte, brutal gegen die friedlichen Protestler vorzugehen und viele von ihnen willkürlich zu verhaften.Am 8. Oktober 1989 versammelten sich nachmittags Hunderte Menschen in der Gethsemanekirche zu einem Fürbittgottesdienst. Als sie die Kirche verließen, waren bereits alle Straßen von der Polizei abgeriegelt. In den Abendstunden kam es dann erneut zu brutalen Übergriffen auf die friedlich Versammelten. Polizei und Stasi stürmten sogar in anliegende Wohnhäuser, wo Mieter Demonstranten Zuflucht gewährt hatten.------------------------------"Ich musste nackt vor zehn Polizisten Kniebeugen und Liegestütze machen." A. Pfeiffer, Demonstrant------------------------------Foto: Eine Demonstration am 7. Oktober 1989 in Ostberlin: Sicherheitskräfte versuchen, eine junge Frau von ihrer Freundin zu trennen und festzunehmen.