1945 kehrt der Krieg zurück nach Berlin, in die Stadt, von der aus Hitler seinen mörderischen Feldzug begann. Wie lebten die Berliner in den letzten Kriegsmonaten? Wie starb die Stadt?Am Morgen des 5. März 1945 läutet in der Dresdner Wohnung von Generalleutnant Hellmuth Reymann das Telefon. Reymann nimmt ab und hört die Stimme von General Wilhelm Burgdorf, dem Chef des Heerespersonalamts. "Der Führer hat Sie zum Kampfkommandanten von Dresden ernannt", sagt Burgdorf knapp. Reymann stutzt, denn Dresden ist zerstört. Dann wird er ärgerlich und brüllt Burgdorf an: "Sagen Sie ihm, daß es hier nichts zu verteidigen gibt außer Trümmern." Reymann legt auf. Eine Stunde später klingelt sein Telefon erneut. Wieder ist Burgdorf am anderen Ende der Leitung. "Der Führer hat es sich anders überlegt und Sie zum Kampfkommandanten von Berlin ernannt", meldet er.Hellmuth Reymann macht sich am nächsten Morgen auf den Weg nach Berlin. Auf der Fahrt in die Innenstadt sieht er einige Panzersperren und provisorische Barrikaden. Mehr haben die Verteidiger der "Festung Berlin", wie Goebbels gern schwadroniert, nicht aufzubieten. In der Reichskanzlei wird der neue "Kampfkommandant" von General Burgdorf empfangen. In Burgdorfs Zimmer legt Reymann sein Koppel mit der Pistole ab. Denn Hitler empfängt seit dem 20. Juli 1944 keine bewaffneten Offiziere mehr, und Reymann soll im "Führerbunker" Meldung machen.Als der Generalleutnant aus Dresden schließlich Hitler gegenübersteht, erschrickt er: "Der Mann, der vor mir stand, war nur noch ein Wrack. In gebückter Haltung, mich von unten ansehend, nahm Hitler meine Meldung entgegen. Der linke Unterarm schüttelte. Hitler griff mit der rechten Hand nach dem zitternden Unterarm und hielt ihn fest."Der hinfällige Hitler und seine Schnauze Goebbels beschäftigen sich seit Mitte Februar in den Abendstunden mit Architekturplänen - für die österreichische Stadt Linz. Der Berliner Wirklichkeit für Stunden entrückt, lassen sie sich Bauten für die Zeit nach dem Kriege entwerfen.Der Krieg ist längst verloren, als am 9. März der Befehl erlassen wird, der in den letzten Kriegstagen noch mehr Berliner in den Tod treiben soll - der "Grundsätzliche Befehl für die Vorbereitungen zur Verteidigung der Reichshauptstadt". Der Auftrag lautet: "Die Reichshauptstadt wird bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone verteidigt." Ein Netz von Gräben und Sperren soll errichtet werden. Der Befehl trägt die Unterschrift Hellmuth Reymanns. Nach dem Krieg streitet er ab, diese sinnlose Anordnung zum Durchhalten erlassen zu haben."Jeder Häuserblock, jedes Haus, jedes Stockwerk, jede Hecke, jeder Granattrichter" müssen "bis zum äußersten" verteidigt werden, heißt es in dem seitenlangen Befehl. In den Berliner Betrieben sind "Provokateure oder aufsässige Ausländer vom Werkschutz sofort unter rücksichtslosem Gebrauch aller Machtmittel festzusetzen oder unschädlich zu machen". Schließlich fordert der Befehl von den Berlinern den "Volkskrieg im Rücken des Feindes": "Hierzu sind in erster Linie Freiwillige einzusetzen, die von fanatischem Willen und Haß beseelt sind, den deutschen Heimatboden zur Hölle für den Bolschewisten werden zu lassen." Die Wälder um Berlin sollen den "Volkskriegern" als Schlupfwinkel dienen.Als Reymann Goebbels vorschlägt, die Kinder und Säuglinge aus Berlin herauszubringen, da er nicht weiß, wie er sie während einer Belagerung ernähren soll, wird er abgewiesen. Goebbels faselt von Vieh, das man in die Stadt holen wolle und von großen Vorräten an Dosenmilch.Am 13. März wird das Propagandaministerium von einer Bombe getroffen. "Mittags erschien Frau Goebbels mit drei ihrer Kinder und einem Luftwaffenhelfer in der Wilhelmstraße, um die Trümmerstätte zu besichtigen. Mit Nerzmantel und grünem Sammethut war sie wie für eine Cocktailparty zurechtgemacht", notiert der Journalist Hans-Georg von Studnitz.Lesen Sie nächsten Montag: Wie Särge in Berlin zur Mangelware werden. +++