Stendal liegt 150 Kilometer westlich von Berlin, knapp außerhalb der brandenburgischen Landesgrenzen. Nicht "in Thüringen" und auch nicht "bei Altmark". Das Ärgern in Stendal ob dieser geographischen Fehltritte durch das ZDF beziehungsweise Leverkusens Trainer Erich Ribbeck ist langsam der Gelassenheit gewichen. "Was die Politiker in fünf Jahren nicht schafften, das ist unseren Fußballern gelungen: Stendal kennt man nun in ganz Deutschland", lehnt sich Manager Jörg Ohm recht zufrieden zurück. Die neue Fußball-Euphorie in Stendal ist deutlich zu spüren. Ronald Schildknecht erfährt dies täglich. Der Souvenirverkäufer in der Rathenower Straße konnte seine rot-schwarzen Fan-Schals schon fast einmotten. Verkaufsschlager Schal Mit dem neuen dreizeiligen Aufdruck "- Altmark Power - FSV Lok/Altmark - die Macht vom Hölzchen -" wurden sie zum Renner. Zehn bis zwölf Stück verkauft er jetzt pro Tag, der Mindestumsatz ist gesichert. Um Fußball dreht sich auch vieles auf dem Marktplatz, wo sich diverse Buden um die im 15. Jahrhundert erbaute Marienkirche, das gleichaltrige Rathaus und den Roland, der allerdings nur noch eine originalgetreue Kopie des 1525 geschaffenen Ritters darstellt, gruppieren. Am Roßschlächterstand, zwischen zwei Bissen an der Pferdedampfwurst, gibt es schon mal die taktische Ausrichtung für das Pokal-Viertelfinale am kommenden Dienstag: "Auch Leverkusen knacken wir. Hinten machen wir so richtig dicht, und vorne hauen die ,beeden Schwadden' einen rin!" Mit den "beeden Schwadden" sind die dunkelhäutigen Stürmer Danilo Adigo aus Benin und Rock Embingou aus Kongo gemeint. Der Lok-Aufschwung ist derzeit so ziemlich das einzige, was den grauen Alltag in Stendal einigermaßen erhellt. Eine dringend sanierungsbedürftige Innenstadt, die hohe Arbeitslosenquote von 20,1 Prozent - Oberbürgermeister Dr. Volker Stephan redet um seine größten Sorgen nicht herum. "Die Industrie hier ist nach der Wende fast vollständig weggebrochen. Und die Sanierung der historischen Altstadt, die mit Mitteln des Landes erfolgt, dauert bis ins nächste Jahrtausend." Jeder Fünfte arbeitslos Stendal hat schwer zu knabbern. Die ehemaligen Hauptarbeitgeber - das Reichsbahnausbesserungswerk (RAW), das im Bau befindliche Atomkraftwerk und die Geologische Erkundung (Erdölförderung) - wurden nach der Wende liquidiert oder stark reduziert. Im RAW, ehemals auch Arbeitgeber der Lok-Fußballer, waren einstmals rund 2 000 Menschen angestellt, heute reparieren noch knapp 800 die Dieselloks. "Außer dem RAW, einigen mittelständischen Metallverarbeitungs-Betrieben, dem Milchwerk, einer Möbelfabrik und dem Transportunternehmen Altmark-trans gibt es keine größeren Unternehmen mehr. Seit der Wende sind 7 000 Menschen weggezogen. So stehen etwa 1 700 Wohnungen leer", berichtet der Oberbürgermeister. "Deshalb kann man unsere Fußballer nicht hoch genug loben, sie haben Stendal in die positiven Schlagzeilen gebracht."Ein bißchen partizipieren am Fußball-Boom möchte der gebürtige Hallenser, der vor der Wende als Veterinärmediziner in Stendal arbeitete und die SPD mit gründete, schon: "Wir unterstützen den Verein aus kommunalen Mitteln, stellen für die FSV-Sportanlage jährlich 432 000 Mark zur Verfügung. Erst in diesem Jahr haben wir eine Flutlichtanlage für den Übungsplatz errichtet." Oldies am Ball Eine durchaus stattliche Summe im Ausgabensäckel von 45 Millionen Mark. Deshalb kann Dr. Stephan angesichts Waigelscher Forderungen nach Rückzahlung der imaginären Altschulden der Ost-Kommunen nur den Offenbarungseid leisten. "Dann hängen wir die weiße Fahne raus", sagt er und läßt etwas wehmütig seinen Blick über die Renaissance-Möbel im hübschen alten Amtszimmer gleiten. "Allein die jährlichen Zinsen sind schon unbezahlbar." Etwas wehmütig schauen sich auch schon mal zwei alte Stendaler Fußballer-Idole an ihrer Arbeitsstelle um. Hans Zeppmeisel, gerade 56 Jahre alt geworden, und Albrecht Strohmeyer (57) gehen Ende des Jahres in die Vorruhe. Beide sind als Lehrausbilder im RAW, das jetzt der Deutschen Bahn AG gehört, beschäftigt. "Früher waren alle Lok-Fußballer pro forma im RAW angestellt, bekamen hier ihr Geld, ohne arbeiten zu müssen", so Zeppmeisel, der exzellente Torhüter. Natürlich geht der Blick gern zurück in alte Zeiten, als die Stendaler "Fahrstuhlmannschaft" immer pendelte: Für die DDR-Oberliga zu schwach, für die Liga zu stark. "Der Zusammenhalt ist geblieben", weiß "Dauerläufer" Strohmeyer, einst mit "Kuddel" Liebrecht die Seele des Lok-Spiels.Zeppmeisel ist der Chef der Traditionsmannschaft, die regelmäßig einmal in der Woche trainiert und auch spielt. "Wenn das nicht mehr ist, was bleibt dann noch?" Am Dienstag werden sie im "Hölzchen" ihre Nachfolger anfeuern. Mit der Gewißheit, daß nun wieder alle wissen, wo Stendal liegt. +++