Herr Langhoff, in Ihrer letzten Inszenierung vor Ihrem Siebzigsten blicken Sie auf die Großartigkeit und Anmaßung des Theaters. Der Regisseur wird Gott gleichgestellt. An wen haben Sie beim Inszenieren gedacht?Es fallen einem genug ein, aber man darf bei George Taboris "Goldbergvariationen" um Gottes Willen an keine konkrete Person denken. Dann käme man in die Parodie. Es ist eher eine Summe von Beobachtungen, die ich bei meinen Kollegen Regietitanen gemacht habe und einbringe. Und manchmal genügte es auch, wenn Dieter Mann, der diesen Gottregisseur spielt, mich beobachtet hat.Ich zitiere mal Ihren Vater, den Regisseur Wolfgang Langhoff, der offenbar ein ziemlich göttliches Bild von seinem Beruf hatte: "Nur der Regisseur kennt Maß, Gewicht und Bedeutung einer Figur im Kräftespiel des Ganzen, in ihm ist das Kommende schon vorgeformt, und so spielt er für den Schauspieler im Prozess der Arbeit die Rolle des Schicksals, das keine Zufälle duldet." An ihn haben Sie beim Inszenieren nicht gedacht?Auch. Der war ein diktatorischer Regisseur, wie es die meisten sind. Auch die sehr guten. Viele haben einen ziemlich unbedingten Durchsetzungswillen, der sie auf der Probe recht unangenehm werden lassen kann. Das ist, wie es sich vielleicht herumgesprochen hat, meine Art nicht. Aus einem einfachen Grund: Ich verbringe sehr viel Lebenszeit auf der Theaterprobe. Es wäre ja furchtbar, wenn ich die ganze Zeit missmutig und tyrannisch zu Werke gehen würde. Nein: Zuhause ein netter Mensch sein und jeden Morgen zum Schauspielerquälen gehen - das gefiele mir nicht. Die Attitüde des Feldherrn muss man allerdings manchmal haben.Und die Autorität.Klar. Denn das Erstellen eines Theaterabends ist eine große organisatorische Aufgabe, bei der wahnsinnig viele Dinge koordiniert werden müssen - Musik, Licht, Farben, Tempi, Rhythmus, Schauspieler. Die "Goldbergvariationen" übertreiben natürlich, aber das Stück funktioniert ja nur, weil es auf einer Wahrheit fußt: Der Regisseur erschafft eine Welt für einen Abend. Da ist ein gewisses Durchsetzungsvermögen stellenweise notwendig - und jeder hat das anders.Nach frühen Versuchen haben Sie erst Ende der Siebziger, im Alter von vierzig Jahren, angefangen, für die Bühne zu inszenieren, zunächst Studioinszenierungen an den Schauspielschulen. Was ist besonders an der Arbeit mit Studenten?Studenten sind noch offen und formbar, und da wir, also ich und Jürgen Gosch, mit dem ich damals eng zusammenarbeitete, noch sehr jung waren, konnten wir uns gut in deren Situation hineinversetzten und waren dadurch frei von pädagogischer Überheblichkeit oder Besserwisserei. Wir waren gerade mal im Beruf und wollten Dinge weitervermitteln. Von heute aus gesehen, scheint mir zwar, dass wir damals vor allem Regieführen geübt haben, aber diesen Geist ersehne ich mir heute noch. Immer noch habe ich diese Sehnsucht nach einer freien Gruppe, mit der man herumzieht und Theater macht. Das wollten wir mit einem Studienjahr versuchen, aber das wurde schnell zerschlagen. Ein freies Theater war in der DDR nicht möglich.Obwohl Sie von der Presse als Hoffnung gehandelt wurden, vertrauten Sie damals Ihrem Tagebuch an, dass Sie eigentlich gar kein Regisseur seien. Sie nannten sich einen Scharlatan, der sich nicht lange im Berufstheater würde halten können. Und doch hofften Sie, "dass aus einem mittelmäßigen Theaterpragmatiker ein Künstler wird." Hat das bei Ihnen geklappt?Ich glaube schon, dass ich ein Künstler bin. Und ich glaube auch, dass ich schon immer einer war. Was sich da vielleicht wie Koketterie ausnimmt, ist eigentlich eine Verzweiflung des Augenblicks. Solche Unzufriedenheit kann ja sehr produktiv sein. Es hält wach, wenn man sich hinterfragt und ahnt, dass es das noch nicht sein kann, dass es irgendwie noch weitergehen muss. Durch meinen Vater habe ich in der langen Zeit meiner Jugend geglaubt, dass ich nichts tauge für den Regisseursberuf. Heute ist mir bewusst, dass ich mir deswegen immer diese Hintertür offen gehalten habe, indem ich mir sagte: Ich mach das nur als Hobby. Und wenn das nichts wird, lass ich es sofort wieder sein. Auch als ich, ausgelöst durch Albert Hetterle, der mich ans Gorki-Theater holte, wieder für das Theater inszenierte, betonte ich immer, dass das nur nebenbei geschehe.Sie konnten ja schon auf eine Karriere zurückschauen und hatten eine Alternative.Nach meinen Anfängen als Schauspieler wollte ich ernsthaft den Beruf eines Fernseh- und Filmregisseurs erlernen. Das machte mir Freude. Ich hatte damals einen ziemlichen Abstand zum Theater, das hat mich eine Zeit lang überhaupt nicht interessiert, ich bin nicht mehr ins Theater gegangen, war nicht mehr informiert über den Tratsch von Bett und Rampe. Ich war in einer anderen Welt. Es war wohl so, dass ich ganz weit weg gegangen bin, um noch einmal neuen Anlauf zu nehmen. Jetzt, im frühen Alter von fast siebzig Jahren, muss ich feststellen, dass meine Verankerung im Theater nicht mehr zu lösen ist. Das geht nicht mehr.Grund für Ihren zwischenzeitlichen Weggang vom Theater war die so genannte "Clavigo-Zerschmetterung". Ihr jüngerer Bruder Matthias war schon Leitungsmitglied in der Berliner Volksbühne, als Sie um 1970 erste Regieversuche wagten, unter anderem jenen "Clavigo" in Potsdam. Ihr Vater sah die Premiere und kritisierte Sie während der ganzen Autofahrt zurück nach Berlin.Da wusste ich: Ich bin kein Regisseur.Da hatte er einmal Unrecht.In der Sache hatte er ganz sicher recht, und zwar in allen einzelnen Punkten, die er an der Aufführung zu bemängeln hatte. Aber wenn so etwas der Vater zum Sohn in einem bestimmten Augenblick sagt, wirkt das zerstörerisch. Das hat mein Vater ganz sicher nicht gewollt, aber ich sagte: Schluss. Aus. Mein Vater ist groß, mein Bruder ist begabt - ich bin es nicht. Dieses Vater-Sohn-Verhältnis und die Konkurrenzsituation mit meinem Bruder sind ein Freud'sches Paradebeispiel.Es gibt noch eine andere Anekdote über Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater. Sie waren dreizehn, als man Sie im nachkriegszerstörten Ostberlin beim Obststehlen erwischt hatte. Ihr Vater holte Sie von der Polizeiwache ab und sagte auf dem Weg nach Hause kein einziges Wort. Das erzählen Sie immer als Helden- und Rettergeschichte. Wäre es nicht wichtig gewesen, mit dem Sohn zu sprechen, anstatt ihn mit Schweigen zu strafen?Ich war damals erleichtert. Jeder andere Vater hätte doch geschimpft: Was hast du da gemacht, bist du des Teufels, warum stiehlst du und beachtest nicht die humanistischen Ideale, die wir dir eingeimpft haben? Nichts dergleichen, das fand ich angemessen. Darüber geredet haben dann die Lehrer, da war mir die Reaktion meines Vaters doch um Vieles lieber. Er hat ja mit 16 Jahren sein Elternhaus im wunderschönen Freiburg im Breisgau verlassen und ist in die Welt hinausgesegelt. Er hat wohl gewusst, wie es mir geht in meinem Zwiespalt: mit meinen musischen Interessen einerseits und andererseits geschüttelt vom jugendlichen Testosteron. Da war er wirklich gut. Wir sind ja nie gezüchtigt worden, haben nie eine Ohrfeige bekommen.Während wir über ihn reden, blickt Ihr Vater auf uns herab. Das ist doch Ihr Vater dort auf dem Porträt?Das ist mein Vater. Das Bild ist von Bert Heller, den werden Sie nicht kennen. Er war Rektor der Kunsthochschule Weißensee und berühmter Porträtist in der DDR. Der hat sie alle gemalt: Die Weigel, den Brecht oder Eduard von Winterstein. Der hängt bei uns im Deutschen Theater. Entschuldigung, nicht bei uns. Der hängt im Deutschen Theater. Heller galt ein bisschen als Salonmaler in der DDR. Die Tragödie dieses unvollendeten Bildes ist, dass beide, der Maler und der Porträtierte, während der Arbeiten an Krebs gestorben sind. Mein Vater wünschte sich, dass ein gespenstischer Walpurgisnacht-Zug über ihn hinweggehe. Dazu ist es nicht gekommen, diese Fläche ist nur grundiert.Salonmaler in der DDR?Ja. Ihr wisst ja nichts. Es gab richtige Bohemiens und Salonmaler, eine große Szene. Ihr denkt ja alle, dass hier nur sozialistisch-realistische Malerei angefertigt wurde. Die wirkliche Kunstszene der DDR ist weitestgehend unbekannt, das ärgert mich.Man kommt, wenn man Sie zum Thema hat, immer wieder auf Ihren Vater zu sprechen. Nervt Sie das?Nein das nervt mich nicht. Die Vater-Sohn-Problematik ist ja absolut wesentlich. Sie zieht sich durch die Weltdramatik und hat mich als Künstler immer sehr interessiert - vielleicht auch durch meine Biografie. Das ist halt so, besonders in Theaterfamilien, und ich finde es schön, dass wir zusammen so ein Klumpen von Langhoffs sind, da kann man ja den Alten nicht ausschließen. Aber ich finde, inzwischen stehen wir, mein Bruder und ich, mit meinem Vater in einer Reihe.Im Gorki-Theater kann man derzeit "Mefisto forever" sehen, eine Inszenierung nach dem Roman von Klaus Mann über Gustaf Gründgens. Anders als in dem Buch, das Gründgens als von den Nazis korrumpiertes Hassobjekt zeigt, wird auf der Bühne aus Gründgens eine Figur, mit der man sich identifizieren kann. Stimmt es, dass er Ihren Vater aus dem KZ geholt hat?Man kann das nicht genau dokumentieren, aber es war wohl so. Es war eine sehr kollegiale Beziehung. Mein Vater hat Gründgens ja sehr schnell wieder ans Deutsche Theater geholt, und er hat ihn als seinen Nachfolger für den Posten des Generalintendanten in Düsseldorf vorgeschlagen. Und mein Vater ist auch, mitten im kältesten Krieg, zu Gründgens-Premieren gefahren. Da gab es eine Verbindung über das politische Tagesleben hinaus. Sicher haben sich viele für meinen Vater eingesetzt, und sicher war Gründgens einer von ihnen. Und der hatte bei den Machthabern natürlich auch ein Ohr, in das er reinreden konnte.Als Ihr kommunistischer Vater nach dem Krieg aus dem Schweizer Exil zurückkam, war er kurz Intendant in Düsseldorf und wurde dann ans Deutsche Theater geholt. Seine Arbeit begann damit, dass er das Haus entnazifizieren musste. Indem Ihr Vater Gründgens besetzte, zeigte er dem Publikum, dass nicht alles schlecht war und dass es Traditionen gab, an die man anknüpfen konnte. Als Sie 1991 Intendant des DT wurden, mussten Sie die Stasivergangenheit im Ensemble aufarbeiten. Wie sind Sie vorgegangen?Ich habe dem Senat keinerlei Auskünfte gegeben, wie wir das im Theater abgewickelt haben. Ich dachte, dass ich irgendwann dafür zur Verantwortung gezogen werden würde. Ist aber bis heute nicht passiert. Die waren heilfroh, dass diese Arbeit irgendjemand macht. Das ging sehr gut ohne Öffentlichkeit.Aber Sie können sagen, ob Sie diese Arbeit erledigt haben und ob Sie zufrieden sind.Ja, das bin ich. Vor allem darüber, dass wir das selber gemacht haben und uns keinen von außen aufdrängen ließen - das war die damals richtigste Herangehensweise für dieses Problem. Auch, dass wir uns die Zeit genommen haben, den Einzelfall zu betrachten, was ja für einen Außenstehenden schwer gewesen wäre. Ich habe mit jedem einzelnen über seine Veranlassung und über seine Verstrickung geredet. Das möchte ich nicht noch einmal haben. Ich war auf einmal Richter und musste in der Situation über das Schicksal von Menschen entscheiden. Das hätten Leute, die keine innere Ahnung haben, nur seelenlos tun können. Da habe ich mir ein paar Nächte um die Ohren geschlagen, unter der Lampe in meinem Intendantenzimmer. Ich habe alle Akten angefordert und jede einzelne durchgesehen und mit den Betroffenen besprochen. Es wäre falsch gewesen, wenn wir uns darum gedrückt hätten. Ich empfand das damals als meine Pflicht. Wenn ich ein anständiger Mensch bleiben wollte, musste ich das tun. Mit übergroßem Humor und Gelächter habe ich diese Pflicht aber nicht erfüllt.Trotzdem sind diese Zeiten des Umbruchs, in denen das Alte nicht mehr und das Neue noch nicht gilt, spannend - auch für das Theater?Ja. Auch wenn die Position, die das Theater vorher in der DDR hatte, während der Auflösung, noch großartiger war. Zum Glück ist das nicht wiederholbar. Aber das war eine Zeit, in der man gemerkt hat, dass man wirklich gebraucht wird. Ich denke an die Publikumsdiskussionen. Was sich da abgespielt hat, nach den Vorstellungen. Das hatte ich noch nicht erlebt in der DDR, dass man öffentlich seine Schmerzen, seine Probleme und sein Unbehagen zum Ausdruck bringt, auch in sehr emotionaler Weise. Wenn auch vorerst in diesem halbwegs geschützten Raum des Theaters.In diesen Zusammenhang gehört Ihre historisch wohl wichtigste Inszenierung, die DDR-Erstaufführung von Volker Brauns "Die Übergangsgesellschaft" aus dem Jahr 1988. Die wurde auch vom Fernsehen aufgenommen.Ja, da war kein Halten mehr. Führende Genossen kamen zu mir und äußerten ihr Erstaunen darüber, was die Partei zuließ. Da hätten sie gewusst, die Krise ist da.Volker Braun malt ein sehr schwarzes Bild von der DDR, aber er sagt nicht, dass es woanders besser wäre. Es gibt zwar Fernweh, aber als dann einer "über die Grenze geht", ist das eine Metapher für das Sterben.Ja, und hinter ihm brennt die DDR ab. Das war ein Signal. Als wir damit beim Theatertreffen in Westberlin waren, haben die gedacht, wir zeigen eine verschärfte Fassung.Das Gorki-Theater fuhr zum Gastspiel nach Westberlin?Wir waren juriert zum Theatertreffen und sind ein paar hundert Meter weiter zum Hebbel-Theater gezogen. Alle Kulissen eingepackt, anderthalb Kilometer transportiert, wieder aufgebaut - und hinterher das Ganze zurück. Nach der Premierenfeier im Spiegelzelt in der Schaperstraße nachts gegen zwei Uhr wollte ich über die Heinrich-Heine-Straße zurück, aber der Grenzübergang war schon geschlossen. Ich will hier rein!, hab ich gerufen, hallo, ich will in die DDR einreisen. Und irgendwelche verschlafenen Leute haben mich dann reingelassen.Sie durften schon Anfang der Achtziger in den Westen reisen.Ja, aber nur sporadisch. Das Visum wurde immer nur für zwei oder höchstens drei Monate ausgestellt, dann musste ich es abgeben. Erst im letzten Jahr hatte ich das sogenannte Jahresvisum. Aber das hatten zu dem Zeitpunkt schon viele.Ihr Vater hatte ja auch ein DDR-kritisches Stück inszeniert, "Die Sorgen und die Macht" von Peter Hacks. Einerseits wird da zwar parteilinientreu der Ungarn-Aufstand denunziert, andererseits aber heißt es unter anderem: "Die Partei kann mich am Arsch lecken, und zwar auf Linie."Das Stück wirkt heute ziemlich harmlos. Ich würde es, auch mit einem kritischen Kommentar versehen, nicht spielen. Dafür ist es mir literarisch einfach nicht stark genug. Es zu lesen und sich Gedanken darüber zu machen, halte ich für nützlich und wichtig.Damals musste Ihr Vater zurücktreten und hat öffentlich Selbstkritik geübt. Was wäre geschehen, wenn Ihr Vater nicht mit der DDR-Führung in Konflikt geraten wäre?Er hat sehr lange ausgehalten, mit der Unterstützung von vielen. Mein Vater und seine Freunde haben die Partei ja immer als eine Einrichtung fast religiöser Art empfunden. Es galt: Die Partei sind wir, und wenn es mal Entscheidungen sind, die uns fehlerhaft erscheinen, wenn mal Leute da sitzen, die eigentlich kein Niveau haben, dann hat das nichts zu sagen. Und wenn der eine oder andere von uns mal in den Knast muss, geht das insgesamt schon in Ordnung. Das habe ich nie verstanden. Sein Widerstand bröckelte, weil seine Mitstreiter immer weniger wurden, und weil er irgendwann fast allein dastand. Irgendwann kam die Müdigkeit, und es schien ihm sinnlos, diesen Konflikt weiterzutreiben. Und dann sagte er eben: Ach, ich bin schuld, ich habe alles falsch gemacht, Asche aufs Haupt. Egal, weiter.Egal, weiter. Das ist Ihr Lebensmotto. Das heißt wohl: Ignorieren, was man nicht ändern kann. Peter Hacks kam wegen seiner Überzeugungen aus München in die DDR und hat dem damaligen DT-Chefdramaturgen Heinar Kipphardt, der wegen seiner Überzeugungen die DDR verließ und nach München ging, in einem Brief gefragt, welche Schwierigkeiten wohl besser zu ignorieren seien - die des Übergangs oder die des Untergangs. Er meint den Sozialismus und den Kapitalismus. Leben wir in einer Untergangsgesellschaft?Ja natürlich. Vielleicht noch die nächsten fünfhundert Jahre. Es wäre Blödsinn, Panik zu verbreiten, aber jeder halbwegs vernünftige und fühlende Mensch wird sagen, das kann doch nicht sein: Wenn jeder Deutsche nur einen Euro abgeben würde, dann könnte die Hungersnot in Äthiopien endgültig beseitigt werden. Aber wir tun es nicht. Ein lächerliches Beispiel, aber der Mensch tut so etwas nicht. Vielleicht ist er als solches eine Fehlkonstruktion, oder der Kapitalismus wird irgendwann von einer besseren Gesellschaftsordnung überholt und abgelöst. So auch meine Hoffnung, durch und durch.Glaubten Sie 1989, dass diese Hoffnung in Erfüllung geht?Diese Hoffnung hat mich das Amt als DT-Intendant antreten lassen. Ich dachte, wir könnten in diesen Vereinigungsprozess etwas einbringen an Erfahrungen aus einem gelebten Leben. Das ist nur sehr geringfügig gebraucht wurden. Ich habe ja Christa Wolfs "Für unser Land"-Aufruf unterschrieben, ich habe nicht gedacht, dass wir so ruckzuck bei Helmut Kohl und der CDU landen.Der Aufruf war gegen den Ausverkauf der materiellen und moralischen Werte und gegen die Vereinnahmung der DDR durch die BRD gerichtet. Wollten Sie keine Wiedervereinigung?Natürlich stand der Wunsch, dass ein Deutschland aus uns wird, ganz klar, aber eben nicht in diesem Rhythmus und nicht, dass eins vom anderen übernommen wird.Sie haben damals für eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik unterschrieben. Können Sie sich vorstellen, dass Sozialismus ohne Diktatur funktioniert?Ja, kann ich. Obwohl - es ist nicht so leicht zu sagen, denn Diktatur ist nicht gleich Diktatur.Wenn man die Leute bäte, einen Euro abzugeben, dann tut das nicht weh. Aber schon in der Bitte wird Druck auf die individuelle Freiheit ausgeübt. Das wäre eine sozialistische Idee, aber auch der Anfang von Diktatur, oder?Es käme also darauf an, einen Weg zu finden, dass man sehr wohl führt und leitet, aber eben nicht dogmatisch. Da brauchen wir vielleicht noch etwas Zeit. Oder der Mensch ist, wie gesagt, diese totale Fehlkonstruktion.Sie sind ohne künstlerische Krise über die Wende gekommen, haben vielleicht sogar Schwung gekriegt. Einige Ihrer Weggefährten haben nicht so schnell oder gar nicht Tritt gefasst. Wie muss man gebaut sein, um über so einen Bruch hinweggespült zu werden?Man muss eine gewisse Leichtigkeit haben. Meine vielen Väter haben mir sicher geholfen, auch das Glück, dass ich in der Emigration geboren wurde und in Zürich zur Schule gegangen bin. Daher kommt es wohl, dass ich mich sehr schnell überall zurechtfinden kann, wo ich unter Menschen bin. Diese Fähigkeit hat es mir leichter gemacht. Ich habe auch den Verlusten, die da waren, keine Träne nachgeweint. Die Geschichte hatte einen Strich gezogen, manche Dinge waren früher besser, aber das ist nicht zu ändern. Egal, weiter.Sie haben schon in der DDR bürgerliches Theater gemacht, womit sich die Zuschauer im Westen unmittelbar identifizieren konnten.Da ist etwas dran. Wobei ich immer nicht verstehe, was bürgerliches Theater heißen soll. Welches Theater ist denn nicht bürgerlich? Man kann doch nicht sagen, dass Schlingensief oder Castorf keine Bürger sind. Meine Zuschauer sind Bürger, ich bin Bürger. Ich kenne außer dem Bürgertum noch den Adel und das Proletariat, und die kommen eher nicht in mein Theater. Wir sind durch und durch eine bürgerliche Gesellschaft. Was ist nicht bürgerliches Theater?Sind Sie mit der DDR-Führung mal richtig aneinander geraten?Schon. Ich bin ja im Zorn von dem parteinahen Instrument Fernsehen weggegangen, nachdem der siebente Film, den ich eingereicht hatte, nicht zum Drehen angenommen oder verboten wurde. Sieben Drehbücher habe ich nicht durchgekriegt! Die Zeit nach dem Biermann-Brief, den ich unterschrieben habe, war auch nicht sehr angenehm, die Befragungen und Behämmerungen waren unaufhörlich. Peter Hacks hat uns damals für Idioten und Bösewichte gehalten. Hans-Peter Minetti war auf mich angesetzt und sollte mich umagitieren, dass ich meine Unterschrift zurückziehe. Der hat mir dann immer vorgehalten, dass Hacks doch auch gegen die Rückholung von Biermann sei, und wenn sogar der integere Hacks das schreibe, dann müsse es doch wohl richtig sein. Hacks war damals aber nicht mehr integer; er hat ja für seinen Einsatz gleich den Nationalpreis Erster Klasse bekommen.Für seine Haltung gegen Biermann?Ja, so war das. Aber sagen wir mal so. Ich beschritt eine Dissidentenlaufbahn auf mittlerem bis unterem Niveau.Waren Sie durch Ihr Elternhaus in der DDR privilegiert?Nein, nicht durch das Elternhaus. Davon hatte ich gar nichts. Wir haben auch nicht besonders viel geerbt. Als meine Eltern starben, war ich ein armer kleiner Schauspieler in Potsdam, der mit Ach und Krach und unter schwerer Mitarbeit seiner Frau, die Tänzerin im Friedrichstadtpalast war, seine Familie ernähren konnte. Davon, dass ich Langhoff hieß, hatte ich keinerlei Privilegien, im Gegenteil, das machte es mir eher schwer. Die Privilegien bauten sich später durch das ganze System auf. Das war damals Strategie der DDR-Führung. Mit solchen Ausstattungen wollte man wenigstens ein paar Künstler davon abhalten abzuhauen. Offen gesagt, ich habe mir meine Privilegien selber geschaffen. Ich habe mich nie darum beworben, in den Westen zu fahren. Das kam, weil ein Regisseur aus dem Westen in meiner "Drei Schwestern"-Inszenierung im Gorki-Theater saß, Peter Palitzsch, und mich in seinem Mitbestimmungstheater vorgeschlagen hat. Dadurch habe ich als unbekannter Regisseur eine Einladung bekommen und so erfolgreich gearbeitet, dass die mich bald wieder einluden. Manche Einladungen durfte ich nicht nutzen. Als mich Frankfurt zum zweiten Mal einlud, durfte ich nicht fahren, weil die DDR Angst hatte, dass sich dort um Adolf Dresen eine DDR-Exklave bildet. Aber das hat man mir natürlich nicht gesagt. Und man darf nicht vergessen, dass die DDR auch gut an diesen Einladungen verdient hat. Ich musste ja weit über die Hälfte meiner Gage an den Staat abführen.Jetzt, wenn die Amtszeit von Bernd Wilms zu Ende geht und bald Ulrich Khuon kommt: Ist das die Lösung für das Deutsche Theater heute - Managerintendanten aus dem Westen?Kann sein. Kann ich mir absolut vorstellen. Es kommt ja ein integerer Mann, der tolle Leute um sich herum versammelt, und wenn Leute mit einem gewissen DDR-Hintergrund wie Andreas Kriegenburg oder andere darunter sind, umso besser. Der Pudding erweist sich beim Essen. Erst einmal mein vollstes Toi-toi-toi. Eine reine DDR-Lösung wollte ich sowieso nie. Ich wollte die Annäherung sofort und habe Leute aus dem Westen geholt, was überhaupt nicht funktionierte damals. Da sind einige auch schnell wieder weggegangen. Es gab eine absolute Bunkermentalität im Deutschen Theater: Wir brauchen keine Westler, wir sind wir! - Völlig bescheuert. Das hat sich jetzt erledigt, Gott sei Dank.Hätten Sie sich das Deutsche Theater unter Christoph Hein vorstellen können?Ich kann mir eigentlich alles vorstellen, ich bin ein phantasievoller Mensch. So ein Dichter, der mit großer, nobler Geste als Gallionsfigur waltet - zusammen mit guten Leuten. Aber es müssen nicht immer Künstler sein. Otto Brahm war auch kein besonderer Regisseur, aber ein geachteter, gestandener Mann in der Berliner Gesellschaft. Es gibt verschiedene Modelle, das schönste ist, wenn sich ein paar Leute um einen Regisseur scharen und abends Spiele aufführen. Danach sehne ich mich auch zurück, dass man ein paar Leute hernimmt und sagt, kommt, wir machen Theater.Haben Sie einen Rat an die jungen Intendanten in der Stadt, an Thomas Ostermeier oder Armin Petras?Ja, den hätte ich. Wenn die mich fragen, sag ich es denen.------------------------------Thomas Langhoff1938 am 8. April wird Thomas Langhoff in Zürich geboren1945 kehrt die Familie aus dem Exil nach Deutschland zurück1956 beginnt Langhoff seine Schauspielausbildung in Leipzig1962 - 1971 Engagements in Borna, Brandenburg und Potsdamseit 1971 Regisseur und Schauspieler beim Fernsehen der DDR1979 erste Inszenierung im Maxim-Gorki-Theater1991 - 2001 Intendant des Deutschen TheatersHeute Regisseur im Burgtheater Wien, im Berliner Ensemble und im Bayerischen Staatsschauspiel München------------------------------Foto: Draußen trubeln die Touristen. Wenn Thomas Langhoff aus seiner Wohnung blickt, sieht er den Französischen Dom und den Gendarmenmarkt.