RANGSDORF. Die Tachonadel zeigt weit über hundert. Das darf sie auch auf der Autobahn A 10 zwischen Ludwigsfelde und dem Dreieck Nuthetal. Denn auf diesem Abschnitt des südlichen Berliner Rings gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Rechts geht es Richtung Potsdam und Berlin, links weiter nach Magdeburg und Leipzig. Dann eine kurze Schreck-Sekunde: Da steht ja linkerhand ein Baum. Mitten auf der Autobahn.Es ist keine Einbildung, sondern wirklich ein Baum. Dort, wo Tausende täglich in sechs Fahrspuren mit ihren Autos vorüberdüsen, steht er. Eingezwängt zwischen den Mittelleitplanken. Die Eule, das Naturschutzzeichen, ist am knorrigen Stamm deutlich zu erkennen. Leitplanken mit BogenHans-Werner Schmidt, der Chef der Rangsdorfer Autobahnmeisterei, weiß sofort, welcher Baum gemeint ist. Denn es gibt nur einen auf Brandenburgs Autobahnen. "Das ist die Eiche am Kilometer 82,0", sagt er. Der Baum hat den Autoabgasen sowie allen Bau- und Sicherungsarbeiten widerstanden. Bis heute. "Auch wenn man erkennt, dass die Zeit und der Autoverkehr nicht ganz spurlos an ihm vorübergegangen sind", sagt Schmidt.1938 wurde die Autobahn gebaut. "An einer Stelle, wo es wenig Bäume gab", sagt Hans-Werner Schmidt. Ob damals die Eiche schon stand, kann er nur vermuten. Erst später taucht die Eiche in seinen Unterlagen auf. So hängt ein Foto von 1963 in seinem Büro. Darauf zu erkennen, die Autobahn und - am linken Fahrbahnrand - die Eiche. "Da hat sie noch eine viel dichtere Krone", sagt Schmidt. Und es fehlen die Leitplanken. "Die gab es noch nicht", sagt der Leiter der Rangsdorfer Autobahnmeisterei.Die Leitplanken kamen erst nach der Wende mit dem sechsspurigen Ausbau der Autobahn A 10 hinzu. Doch auch sie konnten der Eiche mitten auf der Betonpiste nichts anhaben. Im Gegenteil: Die Mittelleitplanken wurden im leichten Bogen um den Baum gezogen."Normalerweise steht auf so schmalen Mittelstreifen der Autobahnen nichts", sagt Schmidt. Schon aus Sicherheitsgründen. Auch an den Außenrändern der Fahrbahnen müssten bei einem Autobahnneu- oder -ausbau zehn Meter Abstand gehalten werden. Es sei denn, es gibt Sonderregelungen oder gar ein Eulen-Zeichen am Stamm. Seit wann der Baum unter Naturschutz steht, weiß Schmidt nicht. "Ist auch egal. Nun steht er da, nun wird er von uns auch gepflegt", sagt er. Eine Gartenbaufirma kümmere sich um die Eiche am Kilometer 82,0, die für die Kollegen von der Autobahnmeisterei schon zum Symbol geworden ist. "Wenn jemand sagt, er stehe an der Eiche, dann wissen wir am Kilometer 82,0", sagt Schmidt. Zweimal im Jahr gepflegtWie lange der Baum da noch zwischen dem vorbeirasenden Autoverkehr und den Mittelleitplanken bleiben wird? Schmidt hat keine Ahnung. Er sagt nur, man wolle die Eiche so lange wie möglich erhalten. Die Mitarbeiter der beauftragten Gartenbaufirma kämen etwa zweimal im Jahr zum Kilometer 82,0. Dann werde extra die linke Fahrspur gesperrt, wie bei einer Tagesbaustelle. Autofahrer dürften nur noch mit Tempo 100 dort vorbeifahren. Brandenburgs einziger Autobahnbaum werde dann beschnitten und bekomme ein Wachstumsmittel.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Sechsspurig braust der Autoverkehr auf dem südlichen Berliner Ring an Brandenburgs einzigem Autobahn-Baum entlang.PRIVAT Die Eiche 1963. Da gab es auf der Autobahn noch keine Leitplanken.

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