Am Tag danach herrschte an der Ostsee fast völlige Funkstille. Die Handys der Spieler blieben abgeschaltet, und auch der noch amtierende Vorstandschef des FC Hansa Rostock, Peter-Michael Diestel, hatte die Kommunikationsnetze gekappt. Er wolle im Mai, nach Beendigung des Lizenzierungsverfahrens für die neue Saison, mit seinen drei Vorstandskollegen zurücktreten, verkündete der Rechtsanwalt am Montagabend. Gestern jedoch mutmaßte Adalbert Skambraks, der Sprecher des Hansa-Aufsichtsrats, das letzte Wort sei darüber noch nicht gesprochen. Diestel habe "schon viel erzählt, an das er sich danach nicht gehalten hat", erklärte Skambraks, der den auf einer Dienstreise in Ungarn weilenden Aufsichtsratschef Horst Klinkmann vertritt. "Herr Diestel hat mit keinem vom Aufsichtsrat dazu auch nur ein einziges Wort gesprochen. Ich habe ihn schriftlich gebeten, daß er uns darüber informiert."Doch der Informationsfluß zwischen Vorstand und Aufsichtsrat stockt wegen persönlicher Animositäten. Diestel hält, wie es seine Art ist, einige Herren aus dem ihm übergeordneten Gremium für chronisch inkompetent. Diese wiederum halten ihn schlichtweg für arrogant und auch nicht sonderlich befugt. Er habe zwar seit seinem Amtsantritt im Herbst 1994 mit eisernem Besen gekehrt und dabei Nebenbuhler, windige Geschäftemacher und Trittbrettfahrer verjagt, doch einen potenten Sponsor, so wird geredet, konnte Diestel nicht aquirieren. Diestel sagt, der Vorstand könne nicht optimal arbeiten, weil alle Personalentscheidungen vom Aufsichtsrat abgesegnet werden müssen. Skambraks hingegen erklärt, Diestel habe "völlige Handlungsfreiheit in Übereinstimmung mit unserer Satzung".Für Skambraks Darstellung spricht, daß der Vertrag mit Jonathan Akpoborie, den Vorstandsmann Manfred Wimmer und Trainer Frank Pagelsdorf aushandelten, vom Aufsichtsrat abgesegnet worden ist. Akpoborie unterschrieb einen Kontrakt bis ins Jahr 2000, der für die erste und die zweite Liga gilt. Das Gehalt des von zahlreichen Vereinen im In- und Ausland umworbenen Torjägers soll auf eine Million Mark verdoppelt worden sein, die Ablösesummen sollen sieben (1. Liga) bzw. fünf Millionen Mark (2. Liga) betragen. Mit dem Akpoborie-Coup entschied Pagelsdorf vorerst den internen Machtkampf gegen Diestel für sich. Diestel hatte seit dem 0:2 auf Schalke im November 1996 vehement die Absetzung des in einer Doppelfunktion als Trainer und Sportlicher Leiter agierenden Pagelsdorf betrieben. Den Pagelsdorf-Vertrauten Holger Bohn, ehemals Vizepräsident, vertrieb Diestel später mit dem Vorwurf, Finanzmanipulationen betrieben zu haben. Statt Bohn hat Pagelsdorf nun aber im Aufsichtsratssprecher Skambraks einen guten Freund - und nicht nur ihn.Zwar wurde der Verein in Diestels Ära finanziell saniert, doch beim drohenden Abstieg aus der ersten Bundesliga und dem angekündigten Rückzug des Hauptsponsors (3,5 Millionen Mark in der laufenden Saison) könnte es bald wieder Probleme geben. Ein besorgter Sponsorenpool hat sich deshalb bereits mit dem Aufsichtsrat getroffen und die Lage erörtert. "Sie wollen in guten und schlechten Zeiten zu uns halten", verkündete Adalbert Skambraks - doch nur, wenn die Machtfrage geklärt sei. Und die ist offener denn je: Schon stehen allerlei Interessenten bereit, etwa der Chef einer Brauerei, Gernot Böttrich (war bereits einmal Hansa-Präsident) und Frank Havemann, Marketingchef eines Fährunternehmens. Diestel aber will nicht mehr, der von Stasivorwürfen geplagte Aufsichtsratschef Klinkmann ließ verlauten, es falle ihm nun "sehr, sehr schwer, weiterzumachen", und Vorstandsmitglied Wolfgang Holz zuckte nur mit den Schultern: "Keine Ahnung, wie es weitergeht." +++