KREUZBERG. Vier riesige Transparente hängen an den gepflegten Häusern entlang der Fichtestraße. Auf die Stoffbahnen haben Anwohner ihre Forderungen geschrieben. "Keine Verdichte in der Fichte" heißt es da oder "Nehmt uns nicht die Sonne". Die Parole "Hände weg vom Fichtebunker!" drückt am deutlichsten aus, worum es geht: Die Nachbarn wehren sich gegen Pläne eines Investors, der rund um den denkmalgeschützten Fichtebunker Eigentumswohnungen bauen möchte. Zwölf der insgesamt 31 Wohnungen sollen sogar auf dem Bunker entstehen, ganz oben direkt unter der großen Stahlkuppel. "Der Bunker ist für uns eine große Herausforderung, aber wir mögen alte Bauten und wollen etwas Tolles daraus machen", sagt der Architekt Paul Ingenbleek. Er ist einer der Geschäftsführer der Firma speicherWerk Wohnbau GmbH, die den Bunker und knapp 8 000 Quadratmeter Fläche ringsherum im September 2006 vom Liegenschaftsfonds gekauft hat.Grüne Dächer und kleine GärtenDie Architekten haben bislang vor allem Villen und Altbauten saniert oder Cafés gebaut. Das 12,5 Millionen Euro teure Bunkerprojekt ist die erste Investition der jungen Firma. Südlich von dem massigen runden Klinkerbau sind sieben so genannte Townhouses geplant, das sind zwei- bis dreigeschossige Einfamilienhäuser mit kleinen Gärten. Und ganz vorn an der Fichtestraße soll ein fünfgeschossiges Haus mit weiteren zwölf Wohnungen entstehen. Die Wohnungen sollen zwischen 160 und 300 Quadratmeter groß und hochwertig ausgestattet sein. Vorgesehen ist auch eine Tiefgarage für 36 Pkw. Alle Dächer sollen begrünt werden und selbst die Wohnungen auf dem 21 Meter hohen Bunker bekommen kleine Gärten. Ein gläserner Lift soll die Bewohner zu ihren Wohnungen bringen.Doch die Nachbarn wehren sich gegen das Bauvorhaben. Viele befürchten eine Verdrängung der Altbewohner, wenn in der Straße exklusive Wohnungen entstehen. Immerhin beginnen die Quadratmeterpreise bei 2 350, auf dem Bunker sogar bei 2 950 Euro. "Wir fürchten auch, dass uns der Neubau vor dem Bunker zu viel Licht nimmt", sagt Eva Siems, die seit 25 Jahren direkt gegenüber wohnt. Kritisiert wird auch eine zu starke Verdichtung im ohnehin eng bewohnten Kreuzberg.Das Vorhaben wird genehmigt, kündigte Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) an. Es passe ins Wohngebiet, und der Denkmalschutz werde auch beachtet: Bunkerhülle und Stahlkuppel sollen saniert werden. Allerdings werden den Investoren Auflagen erteilt. Denn unmittelbar neben dem Bunker gibt es seit 30 Jahren einen vielbenutzten Sportplatz. Was schon jetzt zu Klagen von Anwohnern wegen Lärms führt. Laut Aussagen des Sportwartes muss deshalb um 21 Uhr das Flutlicht ausgeschaltet, sonntags darf ab 15 Uhr gar nicht mehr gespielt werden. Schulz: "Es muss sichergestellt werden, dass die Lärmrichtwerte eingehalten werden und zugleich der Sportbetrieb aufrecht erhalten wird." Sicherstellen sollen dies Maßnahmen wie Lärmschutzfenster sowie eine "geeignete Anordnung der Zimmer".Für den prominentesten Bewohner der Fichtestraße, Berlins Parlamentspräsident Walter Momper, ist das kaum eine praktikable Lösung. Und noch ein anderer Aspekt ist für Momper problematisch. "Jeder, der dort eine Wohnung kauft, erwirbt symbolisch ein Stück Bunker mit. Das ist ein unkalkulierbares Risiko, denn wer weiß schon, was an dem alten Gemäuer noch für Kosten auflaufen", sagt er.------------------------------Vom Gasometer zum LuftschutzbunkerDer Fichtebunker ist der älteste und einzige noch erhaltene Steingasometer Berlins. Er hat einen Durchmesser von 56 Metern und ist 21 Meter hoch. Er entstand 1876 als zweiter von vier Gasometern zur Versorgung der Straßenlaternen.Ende 1940 wurde der Gasometer zum Bunker umgebaut. Gedacht war er für 6 000 Menschen, bei einem Luftangriff im Februar 1945 sollen aber rund 30 000 dort Schutz gesucht haben. Nach dem Krieg war der Bunker Altenheim, Jugendarrestanstalt und Obdachlosenasyl. Von 1963 bis 1990 lagerten dort Teile der Senatsreserven.Mehrere Investoren interessierten sich für den Bunker. Sie wollten dort ein Hotel, Wohnungen oder einen Biergarten bauen. Alle Vorhaben scheiterten am Geld oder nicht erteilten Genehmigungen. Politischen Widerstand gab es gegen den Plan des Bundes der Vertriebenen, im Fichtebunker ein "Vertriebenenzentrum" einzurichten.Der Liegenschaftsfonds hat im September 2006 den Bunker an die Projektentwicklung speicherWerk Wohnbau GmbH verkauft. Bis Ende 2008 sollen unter der Kuppel zwölf Wohnungen entstehen. Der Bunker selbst soll saniert und für Führungen geöffnet werden.------------------------------Karte: Fichtebunker------------------------------Foto: Seit 130 Jahren steht der runde Koloss an der Fichtestraße.Foto: Kreisförmig unter der mächtigen Bunkerkuppel sollen zwölf exklusive, zweigeschossige Wohnungen entstehen.