Die amerikanische Presse konnte genauso wie die Kritiker in Frankreich über die Impressionisten ätzen. Auch in der Neuen Welt gab es Kunstpäpste, denen die neue Malerei "eine bunte Schmiererei" war, die sich doch "nur durch Überspanntheiten wie blaues Gras, knallgrüne Himmel und regenbogenfarbenes Wasser auszeichne", so kolportierte es die New York Daily Tribune. Renoir sei "schwerfällig, anstößig" schrieb die Sun, Degas zeichne "miserabel" und Pissarros Landschaften seien "absonderlich und belustigend". Auslöser dieser Artikel war 1886 die erste Ausstellung von 300 impressionistischen Bildern, die der Pariser Kunsthändler Paul Durand-Ruel auf Einladung der American Art Association nach Manhattan gebracht hatte.Die Maler um Degas, Pissarro und Renoir waren solche Schmähungen aus Frankreich gewohnt, wo der früh verstorbene Manet und zunehmend auch Monet schon ansehnliche Preise erzielten, die anderen aus der Gruppe aber bislang nur mühselig von ihrer Kunst leben konnten. Doch zeigten sich die New Yorker Kritiker insgesamt deutlich verständnisvoller gegenüber den Farb- und Formauflösungen der Impressionisten als ihre Kollegen in Paris. Und die New Yorker kauften. "Denken Sie nicht, dass die Amerikaner Wilde sind", schrieb Durand-Ruel an den Maler Henri Fantin-Latour. "Sie sind im Gegenteil gebildeter und selbstständiger als unsere französischen Sammler." Rund ein Fünftel der mitgebrachten Werke konnte der Händler absetzen und damit rund 18 000 Dollar erzielen.Geschmack wurde ModeWenn ab Freitag in der Neuen Nationalgalerie die französischen Maler des 19. Jahrhunderts aus dem Metropolitan Museum zu bestaunen sind, dann ist hier auch eine kollektive Liebesgeschichte der amerikanischen Upper Class zu erleben. Der Geschmack in den Townhouses, Appartments und Villen der neuen Oberschicht, die mit Stahl, Tabak und Öl, Zucker, Banken oder Immobilien sagenhafte Vermögen angehäuft hatten, war traditionell französisch geprägt, Paris das Vorbild des Luxus und der Moden. Magnaten wie Cornelius Vanderbilt ließen sich ganze Loire-Schlösser an der Fifth Avenue errichten, die sie prunkvoll wie einen Adelssitz mit Kunstwerken dekorierten. Und noch heute reihen sich in Palm Beach, dem exklusivsten Refugium der Geldaristokratie, die Residenzen im Renaissance- und Barockstil aneinander - eine europäische Schlösserlandschaft unter Palmen.Seit den "goldenen" Gründerjahre zwischen 1860 und 1914 gehört das Sammeln zum festen Bestandteil des amerikanischen High-Society-Lebensstils. "Es ist in Mode gekommen, Geschmack zu haben", bemerkte schon um 1880 der Verleger und Kunstfreund James Jackson Jarves. "Privatgalerien werden in New York so normal wie Ställe." Der Kritiker Sadakichi Hartmann erinnerte sich 1901 an diesen Boom: "In den achtziger Jahre waren reiche New Yorker wirklich gezwungen, eine Bildergalerie zu haben."Mit den gigantischen Unternehmen wuchsen unter den Vanderbilts, Wolfes, Astors und Morgans unersättliche Sammlerfiguren heran, deren Kaufkraft keine Grenzen gesetzt schien. Im großen Stil, der Europäern den Atem verschlug, trugen sie opulente Bestände zusammen, in den sich Antiken und alte Meister, kostbare Möbel und Kunstgewerbe, aber auch zeitgenössische Werke durchmischten. Der neue Geldadel wetteiferte untereinander, doch gemeinsam ging es den Tycoons auch darum, zu beweisen, dass Amerika nicht weniger kultiviert als Europa war. Aus diesem Patriotismus heraus hatten Industrielle, Kaufleute, Bankiers und andere Stützen der Gesellschaft 1870 in New York das Metropolitan Museum of Art in privater Trägerschaft gegründet. Das Haus am Central Park sollte der Louvre Amerikas werden, der "Bildung und Entspannung" des Volkes dienen. Der byzantinische Reichtum der Privatsammlungen floss wie Milch und Honig in das neue Museum. Das erste Geschenk war 1871 ein römischer Sarkophag, es folgten ganze Altmeisterkollektionen - allein Cornelius Vanderbilt gab fast 700 Bilder. Testament auf Testament kamen die Schätze aus allen Bereichen der Kunst, und der Strom ist bis heute nicht abgerissen.Die erste bedeutende Stiftung zeitgenössischer Kunst machte 1887 Catherine Lorillard Wolfe: 143 Gemälde, natürlich alles Franzosen, darunter sämtliche Künstler, die damals in Mode waren und im Pariser Salon Erfolg hatten: Corot und die Barbizon-Maler, der schwüle Thomas Couture, der Akademiker Cabanel. Einige dieser Bilder werden jetzt in Berlin zu sehen sein und an den Beginn der amerikanischen Frankreich-Mode erinnern. 1885 schenkte der New Yorker Sammler Erwin Davis dem Metropolitan Edouard Manets "Knaben mit dem Degen" und die berühmte "Frau mit dem Papagei" - die ersten beiden impressionistischen Bilder, die überhaupt je in ein öffentliches Museum kamen. Amerikanische Sammler gehörten zu den Frühesten, die sich von dem revolutionären Kolorismus der Freilichtmaler bezaubern ließen. Eine treibende Kraft war dabei die Malerin Mary Cassatt. Aus einer reichen Pittsburgher Familie stammend, ließ sie sich in Paris nieder, wo sie sich seit 1877 an den Gruppenausstellungen der Impressionisten beteiligte. Konsequent nutzte sie ihre Herkunft, um ihre Malerfreunde an amerikanische Sammler zu vermitteln. Bald wuchs eine Reihe von Kollektionen unter ihrer Ratgeberschaft heran.Zum Wohl der NationDen größten Erfolg hatte Cassatt, die eng mit dem Händler Durand-Ruel zusammenarbeitete, bei Henry Osborne und Louisine Havemeyer aus New York. Louisine hatte ihren ersten Degas schon 1875 als junges Mädchen gekauft, als noch kaum jemand die Impressionisten ernst nahm. Amerikas führender Zuckermagnat und seine Frau verfielen der französischen Malerei wie kaum je ein Sammlerpaar. Sie erwarben 65 Degas', 30 Monets, 13 Cézannes, 25 Manets, aber auch 25 Corots und 41 Courbets. Viele dieser Bilder kamen 1926 ins Metropolitan, als Louisine fast 2000 Werke dem Museum vererbte - darunter übrigens auch Werke von Rembrandt, Rubens, Bronzino oder Veronese, Kunstgewerbe, Tiffany-Design und orientalische Kunst. Die Schenkung machte das Metropolitan über Nacht zum Museum mit der bedeutendsten Impressionisten-Sammlung außerhalb Frankreichs.Viele der berühmten Werke, die jetzt nach Berlin gekommen sind, stammen von den Havemeyers, aber die Stiftungen gingen weiter. Noch 1993 überließen der ehemalige Botschafter Walter Annenberg und seine Frau dem Haus 53 kostbare Gemälde, darunter Manet, Monet, Renoir, Cézanne, van Gogh Gauguin und Matisse. Die patriotische Mary Cassatt sollte Recht behalten, als sie 1911 prophezeite, dass all die Bilder ihrer Sammlerfreunde irgendwann in öffentlichen Kollektionen landen würden, wo sie "die Nation und den nationalen Geschmack bereichern."Selbst Provinzmuseen in den USA besitzen heute erstaunliche impressionistische Schätze, geschenkt von örtlichen Unternehmern. Aber das Metropolitan wird immer das reichste Schaufenster dieser Malerliebe Amerikas bleiben.Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, vom 1. Juni bis 7. Oktober. Di-Mi 10-18, Do 10-22, Fr-So 10-20 Uhr. Kartentelefon 0180-54 100.------------------------------Der Geschmack der Oberschicht war französisch geprägt, Paris das Vorbild des Luxus und der Moden.------------------------------Foto: Edouard Manet verehrte Spanien und die spanische Kunst: "Mademoiselle V ... im Kostüm einer Espada", 1862.